So eine Tabelle ist schon eine ziemlich praktische Sache. Sie ist für alle gleich, nichts ist verhandelbar. Wer gewinnt, bekommt drei Punkte. Für ein Unentschieden gibt es einen Punkt, und wer verliert, geht leer aus. Das sind die Regeln, auf die sich alle geeinigt haben, aber das Problem, das die SpVgg Greuther Fürth gerade hat, ist, dass es auch noch eine zweite Tabelle gibt – eine gefühlte, die nirgendwo ausgeschrieben wird, aber doch existiert.
Es ist nicht so richtig gut, wenn man in der gefühlten Tabelle weiter oben steht als in der echten, weil es nun mal die echte ist, die zählt. Dass es aber auch nicht so gut ist, in der gefühlten Tabelle weiter unten zu stehen als in der echten, zeigt sich gerade in Fürth. Am Ende kommt es dann halt doch irgendwie aufs Gefühl an. Und das Gefühl ist gerade nicht gut. Oder besser: Es ist ziemlich mies.
Die Fürther haben 13 Punkte nach elf Spielen. Das ist zwar keine Ausbeute, bei der man einen Freudentanz auf dem Grünen Markt in der Altstadt aufführen würde – es ist aber auch nicht die Bilanz eines potenziellen Absteigers. Nur: In der gefühlten Tabelle ist Fürth Vorletzter. Mindestens. Dahinter kommt höchstens noch der FC Schalke 04, aber die Schalker sind inzwischen schon so weit, dass sie nicht mal mehr in der zweiten Liga ein Maßstab sein sollten.
So weit ist es also schon gekommen. Auf Schalke – aber eben auch in Fürth. Das 0:4 vor gut zwei Wochen im Frankenderby gegen den 1. FC Nürnberg hat nicht nur Trainer Alexander Zorniger den Job gekostet, sondern auch Geschäftsführer Rachid Azzouzi. Und spätestens seit dem 1:5 am vergangenen Wochenende gegen den SV Darmstadt 98 ist auch die Stimmung in jenem Keller, in dem sich die Mannschaft bloß tabellarisch noch nicht befindet.
Das Aus von Geschäftsführer Azzouzis sei auch für ihn nicht vorhersehbar gewesen, verrät Nachfolger Fürstner
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass man tatsächlich die Fantasie haben konnte, bei der Spielvereinigung entstehe wieder was. Nach den ersten vier Spielen hatte die Mannschaft acht Punkte und war Dritter. Und in Zorniger einen Trainer, der für etwas steht, ein junges Team, Azzouzi, der den Laden im Griff hatte – das hätte doch etwas werden können. Aber nach dem 4:0 Ende August in Regensburg wurde es nichts mehr.
Als Fürth vergangene Woche wieder in die Oberpfalz fuhr, 0:1 verlor und aus dem DFB-Pokal ausschied, da waren längst andere Zeiten angebrochen. Und am Samstag, nach dem Debakel gegen Darmstadt, war ein Tiefpunkt erreicht. Jetzt sagt Stephan Fürstner: „Die Situation ist noch nicht bedrohlich, aber wir müssen schon die Zeichen der Zeit erkennen. Der Trend muss die Sinne schärfen, weil wir einfach noch zu viele Ausschläge in unseren Leistungen haben.“
Fürstner, 37, ist eigentlich Leiter der Nachwuchsakademie, nun aber auch Azzouzis Nachfolger. Bis zur Winterpause bekleidet er das Amt des Sportlichen Leiters und arbeitet in dieser Funktion eng mit Interimstrainer Leo Haas zusammen, Zornigers Erbe. Gemeinsam mit Geschäftsführer Holger Schwiewagner, der Triebfeder der Neuaufstellung, sollen Fürstner und Haas wieder bessere Zeiten an den Ronhof bringen, doch das Darmstadt-Spiel hat offenbart, welch komplizierte Aufgabe sie sich da aufgebürdet haben.
Azzouzis Aus sei auch für ihn nicht vorhersehbar gewesen, verrät Fürstner – viel mehr will er im Rückblick aber nicht sagen. Der ehemalige Profi, das merkt man im Gespräch, würde am liebsten gar nicht über das Vergangene sprechen. Schon bei der Frage, ob ihn Azzouzis Freistellung überrascht habe, weicht er auch bei mehrmaligem Nachhaken aus. Fürstner will nur nach vorn schauen, doch das Beben im Oktober hallt noch nach.
Der Neustart unter Haas und Fürstner ist misslungen und das Restprogramm vor der Winterpause hat in sich
Die Stimmung zwischen Zorniger und seinen Spielern und auch seinem eigenen Trainerteam soll angespannt gewesen sein. Azzouzi stand ihm dennoch zur Seite – und musste ebenfalls gehen. „Rachid hat eine Haltung gehabt, was Alex Zorniger angeht, das war Teil der Gespräche“, sagte Schwiewagner bei Sky. „Dass es da eine unterschiedliche Auffassung gab, das ist richtig.“ Das sei zwar „nicht der ausschlagende Punkt gewesen in den Überlegungen des Aufsichtsrates“, aber es ist zumindest ein Teil der Erklärung für die Personalentscheidungen, die Fürth erschüttert haben. Wenn Fürstner jetzt in die Analyse geht, spricht er von einer „Delle“ und sagt über seine eigene Position als Ersthelfer in vorderster Front: „Die Aufgabe ist zweifelsohne herausfordernd, aber es kommt mehr und mehr Routine rein. Jetzt wollen wir die Mannschaft wieder dahin bringen, dass sie stabile Leistungen zeigt.“
Die Frage ist bloß: Trifft es das? Ist es tatsächlich nur eine Delle? Oder ist durch die ausbleibenden Ergebnisse und die Trennungen von Zorniger und Azzouzi nicht vielleicht etwas ins Rutschen geraten, das sich nun verselbstständigen könnte?
Es ist zwar nicht so, dass der Klub gerade führungslos wäre, doch mit Azzouzi hat der Verein einen Funktionär vor die Tür gesetzt, der ihm jahrelang ein Gesicht gegeben hat. Und dann ist auch der Neustart unter Haas und Fürstner trotz des 4:3 beim Einstand auf Schalke erst einmal misslungen. Nun hat es Fürth am Samstag mit dem 1. FC Köln zu tun, anschließend folgen Duelle mit dem Karlsruher SC, dem SSV Ulm, Hertha BSC, Hannover 96 und dem Hamburger SV. Das Restprogramm vor der Winterpause hat es also in sich, und die jüngsten Eindrücke bieten nicht gerade im Überfluss Anlass zur Zuversicht. Und darauf kommt es im Fußball ja auch an – auf das Gefühl.

