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SpVgg Greuther Fürth:Erinnerungen an Accra

28.04.2021 - Fussball - Saison 2019 2020 - 2. Fussball - Bundesliga - 28. Spieltag: SpVgg Greuther Fürth ( Kleeblatt )

"Ich wusste, dass wir die Qualität haben": Hans Nunoo Sarpei ahnte schon im vergangenen Sommer, dass es viel Grund zum Jubeln geben würde - und dass die Fürther Saison mit einem Aufstieg in die erste Bundesliga enden könnte.

(Foto: Wolfgang Zink/Sportfoto Zink/imago)

Hans Nunoo Sarpei, 22, zählt zu den Stützen der jungen und erfolgreichen Mannschaft der SpVgg Greuther Fürth. Er arbeitet härter als andere Fußballer für seine Karriere - hat aber auch eine Stiftung für Ghana gegründet und will Sportmanagement studieren.

Von Christoph Ruf

Am Samstag, wenn seine Fürther gegen den Karlsruher SC spielen, wird Hans Nunoo Sarpei sein 27. Saisonspiel machen. Zumindest, wenn es nach dem Plan läuft, den er im vergangenen Sommer aufgeschrieben hat und der sich bislang als ziemlich zuverlässige Prognose für den Verlauf dieser Spielzeit erweist.

Im Trainingslager, berichtet der 22-Jährige, habe Trainer Stefan Leitl jedem Spieler drei leere Zettel in die Hand gedrückt, auf die sie ihre Ziele notieren sollten. Die für den Saisonverlauf und die für die ganze Mannschaft - und ihre ganz persönlichen. Sein Ziel sei gewesen, weitaus mehr Spiele zu machen als die 22 in seiner ersten Profisaison, sagt Sarpei, der auch ansonsten genaue Vorstellungen formuliert hat: "Dass wir aufsteigen oder zumindest besser abschneiden als vorige Saison. Ich wusste, dass wir die Qualität haben." Vergangenen Sommer belegte das Kleeblatt Rang neun. Derzeit ist es Zweiter. Die erste Liga ist greifbar nah.

Während viele andere Profis nur verlegen lächeln, wenn man sie fragt, was sie abgesehen von den paar Stunden Training pro Tag so treiben, hat Sarpei jede Menge zu erzählen. Man habe als Profi doch mehr Zeit als andere Menschen, also könne man auch mehr machen, findet er. Gerade hat er eine Stiftung ins Leben gerufen, um Geld, Fußbälle und Kleidung für ghanaische Waisenkinder zu sammeln. Im Januar will er ein Studium des internationalen Sportmanagements anfangen.

Und nicht zuletzt hat er im Mannschaftskreis den Klub "It's no magic" gegründet, dem auch Kumpel Havard Nielsen angehört - eine Gruppe aus Spielern, die besonders fleißig Extraschichten schiebt. Fitness ist keine Magie, soll das heißen. "Wer dabei sein will, verpflichtet sich zum Beispiel, nach dem Training in den Kraftraum zu gehen", berichtet Sarpei. "Wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten. Wer das nicht macht, kann nicht im Klub sein."

In Deutschland spielte Sarpei zuerst im Nachwuchs des VfB Stuttgart, 2019 ging er nach Franken

Sarpei lebt seit fünf Jahren in Deutschland - mit einem Jahr Unterbrechung (2017/18), das er beim slowakischen Erstligisten FK Senica verbrachte. In Deutschland spielte er zuerst im Nachwuchs des VfB Stuttgart, wo ihn Trainer Tayfun Korkut auch zweimal in der Bundesliga einsetzte. 2019 folgte der Wechsel nach Franken. Seinen berühmten Namensvetter, den tanzenden, talkenden und influencenden früheren Profi Hans Sarpei, auf den er so oft angesprochen wird. hat er übrigens in all den Jahren nicht gesehen. Kein einziges Mal. "Er ist der Bruder meines Vaters", sagt Sarpei, dessen Zweitname "Nunoo", "der Erstgeborene" heißt. Und wird zum ersten und einzigen Mal während des Gesprächs einsilbig: "Wir haben aber gar keinen Kontakt."

Das ändert sich sofort, als es um sein Studium geht. Dass jemand, dessen Karriere gerade erst begonnen hat, schon an die Zeit danach denkt, klingt ungewöhnlich. Für Sarpei nicht. "Der Tag hat 24 Stunden, und ich entscheide, was ich damit mache. Ob ich Playstation spiele, mich mit Freunden treffe, oder ob ich lerne." Auf ein Amt als Sportdirektor sei man mit dem Studium bestens vorbereitet, aber nicht nur darauf: "Mein Plan ist, auch Spielern aus Ghana zu helfen, wenn sie in Europa Fuß fassen wollen. Ich weiß, wie die Situation ist."

Der Satz hallt nach. Zur Zeit, das wird im Gespräch deutlich, denkt Sarpei besonders oft an Ghana. In Corona-Zeiten klagen auch in Deutschland geborene Spieler über die Isolation, das Abgeschnittensein von Freunden und Familienmitgliedern. Sarpei klagt nicht, aber er klingt traurig, als er auf seine Heimatstadt, die Millionenmetropole Accra, angesprochen wird. Seit zweieinhalb Jahren sei er nicht mehr in Ghana gewesen, berichtet er. Zuerst, weil er nach einer Schambeinverletzung die Reha in Deutschland machen wollte. Und dann kam Corona. Sarpei und die anderen jungen Spieler hat das härter getroffen als die Routiniers, die nach dem Training zu Frau und Kindern nach Hause fahren können. Und so viele junge Spieler wie Fürth hat kein anderer Zweitligist unter Vertrag.

Im Ronhof steht der Jüngere auch dann in der Startelf, wenn er zehn Prozent unter dem Älteren liegt

Fürth hat den jüngsten Kader der Liga - und einen der drei billigsten. Umso bemerkenswerter, dass ein solcher Verein in der Tabelle so gut dasteht. Zumal im Ronhof der Jüngere nicht nur in der Startelf steht, wenn er auf dem gleichen Leistungsniveau wie der Ältere liegt. Er spielt auch dann, wenn er zehn Prozent unter ihm liegt. Ganz einfach, weil Trainer Leitl findet, dass er die fehlenden zehn Prozent nur dann aufholt, wenn er Spielpraxis bekommt. Resultat ist eine Viererkette, in der der 25-jährige Marco Meyerhöfer der Methusalem ist und neben Maximilian Bauer, 21, David Raum, 23, und Paul Jäckel, 22, verteidigt. Auf der Sechserposition vor ihnen spielten zuletzt meist Anton Stach, 22, - oder Sarpei, der beim 3:2 gegen Sandhausen sein erstes Pflichtspieltor in Deutschland geschossen hat.

Allerdings - und das ist die Kehrseite des Geschäftsmodells - verlassen Jahr für Jahr mehrere dieser jungen Spieler wieder den Verein. Im Idealfall bringen sie dadurch die Ablösesummen ein, die Profifußball in Fürth erst ermöglichen. Auch heuer, wo das zweite Fürther Bundesligajahr seit 1963 greifbar nahe ist, steht schon der Abgang von drei Stammspielern fest (Raum, Jäckel und Sebastian Ernst) fest. Dass Ernst dabei von einem Aufstiegskandidaten zum derzeitigen Tabellen-13. der Zweiten Liga, Hannover 96, wechselt, wundert nur Menschen, die nicht wissen, wohin Daniel Keita-Ruel, der für Fürth in zwei Jahren 19 Tore erzielt hatte, im vergangenen Sommer gegangen ist. Nicht in die erste Liga. Sondern nach Sandhausen. Selbst dort ist das Gehaltsniveau höher als in Fürth. Doch das könnte sich bald ändern - bei einem Aufstieg würden Fürth rund 24 Millionen Euro TV-Geld winken. Sarpei müsste dafür nicht einmal einen Zettel ausfüllen - sein Vertrag gilt auch für die erste Liga.

© SZ/lein
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