Springreiten bei Olympia:Irritierende Folklore

Equestrian - Jumping - Individual - Medal Ceremony

Mit Explosion über die Hindernisse: Am schnellsten bewältigt der Brite Ben Maher den Parcours.

(Foto: Alkis Konstantinidis/Reuters)

Springreiter Daniel Deußer leistet sich zwei Abwürfe. Im Parcours überzeugt der Brite Ben Maher.

Von Gabriele Pochhammer, Tokio

Es war am Ende ein Wettrennen um die Medaillen. Sechs Reiter hatten sich im Olympischen Einzelspringen nach einem äußerst schwierigen Parcours für das Stechen qualifiziert. Alle Stangen blieben liegen, allein die Zeit entschied. 37,85 Sekunden brauchte der Brite Ben Maher auf dem mächtig galoppierenden Explosion, der offenbar zeigen wollte, dass er seinen Namen zu Recht trug und seinen Reiter damit zum Olympiasieger machte. Hinter Ben Maher liegt ein schwieriges Jahr. Nach einer Rückenoperation musste er lange aussetzen, konnte seine Pferde im vergangenen Jahrein paar Monate lang nicht trainieren, erst im Frühjahr 2021 begann der Endspurt nach Tokio.

Nicht einmal eine Sekunde langsamer steuerte der Schwede Peder Fredricson den fixen kleinen All In über den Kurs (38,2) und gewann damit wie schon in Rio 2016 die Silbermedaille. Auch er konnte sich nicht so auf Tokio vorbereiten, wie er es gerne getan hätte. Nachdem er im vergangenen Jahr selbst eine Covid-Erkrankung überstanden hatte, musste sein Pferd nach dem Ausbruch der Pferdeseuche Herpes für mehrere Wochen in Quarantäne. "Er konnte zwar auf der Weide laufen, aber nicht trainiert werden", sagte Fredricson.

Bronze gewann der Niederländer Michael van der Vleuten auf Beauville Z. Auch Platz vier und fünf gingen nach Schweden, an Henrik von Eckermann auf King Edward (39,71) und Marlin Baryard-Jonsson (40,76) auf Indiana. Es waren zwar wie überall in Tokio keine Zuschauer zugelassen, aber nicht nur die japanischen Freiwilligen taten, was sie konnten, um ihren Landsmann Daisuke Fukushima auf Chanyon anzufeuern. Dass er überhaupt das Stechen erreichte, das heißt, alle Klippen des Parcours meisterte, an dem viele Renommiertere scheiterten, war schon ein Riesenerfolg für die Gastgeber. Der mächtige Fuchs war zwar mit 43,76 Sekunden langsamstes Pferd im Stechen, aber Platz sechs hatte selbst der deutsche Trainer, Paul Schockemöhle, nicht erwartet. "Ich glaube, es wird für die Jungs heute ein bisschen hoch", hatte er vorher gesagt. Chanyon stammt aus seinem Stall, wie auch die anderen Pferde der Japaner.

"Mein Pferd war immer noch von der Kulisse beeindruckt", sagte Deußer

Die deutschen Reiter hatten mit der Entscheidung nichts mehr zu tun. Nur der Weltranglisten-Erste Daniel Deußer auf Killer Queen erreichte das Finale, fiel aber nach zwei Abwürfen im zweiten Teil des Parcours auf Platz 18 zurück. "Mein Pferd war immer noch von der Kulisse beeindruckt", sagte er. Die bunte Bemalung der Hindernisse mit Motiven japanischer Folklore irritierten auch so manches turniererfahrene Pferd. Die beiden Olympiadebütanten André Thieme auf Chakaria und Christian Kukuk auf Mombai hatten bereits am Vortag mit einem Abwurf, beide am schwierigsten Sprung des Parcours, einer zwei Meter breiten Triplebarre, den Einzug in den Endkampf verpasst.

An diesem Donnerstag haben die Pferde einen Ruhetag, am Freitag entscheidet sich, welche zehn Teams sich für den Endkampf um die Teammedaillen am Samstag qualifizieren. Ganz sind die Medaillenträume noch nicht begraben. "Wir müssen dann sehen, wie frisch mein Pferd ist", sagte Deußer, "Im Grund habe ich ein gutes Gefühl, aber man muss einfach besser reiten, um Null zu sein." Welche drei Reiter im Nationenpreis starten werden, will Bundestrainer Otto Becker nach der Tierarztkontrolle entscheiden.

© SZ/bkl
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