Springreiten:Alle Stangen bleiben liegen

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Nach sieben großen Mannschaftstiteln gewinnt Ingrid Klimke erstmals Einzel-Gold. Bei der Vielseitigkeits-EM in Polen gelingt ihr ein einwandfreier Auftritt zum Abschluss - das Team holt Silber hinter Großbritannien.

Von Gabriele Pochhammer, Strzegom

Springreiten: Grundlage für den Sieg: Ingrid Klimke führt nach einem souveränen Querfeldein-Ritt.

Grundlage für den Sieg: Ingrid Klimke führt nach einem souveränen Querfeldein-Ritt.

(Foto: Janek Skarzynski/AFP)

"Endlich hat sie mal gewonnen", sagte Kurt Gravemeier. Der frühere Springreiter-Bundestrainer war extra aus Münster zur Vielseitigkeits-EM nach Strzegom in Polen gefahren, um seinem Schützling Ingrid Klimke vor dem abschließenden Springen beizustehen. Denn die durfte sich keinen einzigen Fehler erlauben, der Vorsprung auf den Dauerkonkurrenten und Landsmann Michael Jung betrug nur 2,5 Punkte, das ist nicht mal ein Springfehler. Aber alle Stangen blieben liegen. Klimke auf dem 13-jährigen Hale Bob ist mit 30,30 Punkten neue Europameisterin, es ist der erste Einzeltitel für die 49-Jährige nach zwei olympischen Team-Goldmedaillen, zwei EM- und drei EM-Mannschaftstiteln. Jetzt wurde zum ersten Mal für sie allein die Hymne gespielt. Kein Wunder, dass ein paar Tränchen rollten.

Das Pferd verliert im Gelände zwei Hufeisen - Bettina Hoy muss aufgeben

Den winzigen, aber entscheidenden Vorsprung vor Jung hatte Klimke sich schon in der Dressur gesichert, der hohe Favorit musste auf einen Fehler seiner Mannschaftskollegin warten, vergeblich - er holte mit der 13-jährigen Rocana Silber, Bronze im Einzel ging an die Britin Nicola Wilson auf Bulana. Der deutsche Mannschaftserfolg wurde durch Julia Krajewski auf Samourai du Thot mit einer Nullrunde im Parcours abgerundet. Jeder Ritt zählte, da Bettina Hoy nach Sturz im Gelände ausgeschieden war. Die Deutschen holten Silber vor Schweden, Gold ging an Großbritannien.

Zum ersten Mal seit 2010 hat das britsche Team wieder einen Mannschaftstitel gewonnen. Seit 2001 waren sie den Deutschen unterlegen, und es ist vielleicht kein Zufall, dass dieser Erfolg nun im ersten Jahr kommt, in dem Chris Bartle die Briten betreut - jener Mann, der so lange für den deutschen Erfolg stand. "Chris hat mir auch hier geholfen", verriet Klimke nach ihrem Geländeritt. "Alles, was ich im Gelände kann, verdanke ich Chris."

Der Wunsch des deutschen Parcourschefs Rüdiger Schwarz hat sich erfüllt: Auch wenn die beiden ersten Plätze am Ende erst in der Dressur gesichert wurden, entschied sich die EM im Gelände. Der am Samstag auf einem lang gezogenen Wiesengelände aufgebaute 5700 Meter lange Kurs mit 30 Hindernissen erforderte höchste Konzentration vom Reiter. Und der brauchte ein gehorsames Pferd, das sich nicht verleiten lassen durfte, an schmalen Sprüngen oder schwierigen Ecken unsauber zu springen. 68 Verweigerungen sprechen für sich, auch die acht Stürze. Dreimal fiel der Reiter vom Pferd, fünfmal ging auch das Pferd zu Boden. "Ich hätte erwartet, dass mehr Starter die längeren Alternativen nutzen würden", sagte Rüdiger Schwarz. Da hatte mancher sein Pferd und sich selbst wohl überschätzt.

Die deutsche Mannschaft war als hoher Favorit angetreten, mit drei EM-Titeln in den vergangenen sechs Jahren. Nach der Dressur gingen die Reiter von Bundestrainer Hans Melzer mit einem Rekordergebnis mit 87,10 Punkten in Führung. Titel Nummer vier schien nur noch Formsache zu sein. Aber dann kam alles anders. In der Nacht hatten heftige Regenschauer die oberste Rasenschicht aufgeweicht. Samourai du Thot, das Pferd der ersten Teamreiterin Julia Krajewski, kam schon bei den Kurven ins Rutschen, an Hindernis sechs fand der Elfjährige den Absprung nicht und lief vorbei, das kostete 20 Strafpunkte. Am Ende kam Krajewski mit nur 3,6 Zeitfehlern nach Hause, aber ein sicheres Mannschaftsergebnis war das nicht. "Ich kann meinem Pferd keinen Vorwurf machen, er wurde einfach unsicher", sagte sie. "Ich bin froh, zum Mannschaftserfolg beigetragen zu haben, aber ich wäre lieber das Streichergebnis gewesen, wenn Bettina nicht gestürzt wäre." Bettina Hoy hatte durch ihre glänzende Dressur die Chance, nach genau 20 Jahren erneut Europameisterin zu werden. Aber Seigneur Medicott schien an diesem Tag keine Lust zu haben, er zog nicht auf die Sprünge zu, schon am zweiten Sprung griff Hoy zur Peitsche. Dann verlor der elfjährige Wallach ein Vordereisen, an Sprung acht das andere: "Dann mochte er gar nicht mehr abspringen." An Hindernis gingen Reiterin und Pferd zu Boden. Beide kehrten unverletzt zum Stall zurück.

Nachdem die ersten Ritte gezeigt hatten, wie glitschig der Boden war, konnten die späteren Reiter noch mit schärferen Stollen nachrüsten, auch trocknete der Rasen im Laufe des Tages ab. Ingrid Klimke, die keinen Zweifel daran gelassen hatte, dass sie die Bestzeit anpeilte, zeigte ein mustergültige Runde. Alle Klippen wurden sicher gemeistert, bis auf eine immer auf kürzestem Weg. "An Sprung acht hatte ich Order vom Bundestrainer, die Alternative zu nehmen", sagte Klimke. "Für Helden gibt es keine Medaillen", habe ihr Hans Melzer gesagt. Die Zeit reichte trotzdem. Auch Jung und Rocana flogen darüber, keinerlei Unsicherheit, immer allerhöchste Konzentration, perfekter Rhythmus - und das 15 Sekunden schneller als nötig.

Pferd nach Sturz eingeschläfert

Am Hindernis 15 war die Reise für den 23-jährigen Polen Michal Knap zu Ende. Beim Anreiten aus einer Kurve stürzte sein elfjähriges Pferd Bob the Builder in das Hindernis aus rot-blauen Stangen, verhakte sich und blieb liegen. Es hatte sich einen Bruch am linken Vorderbein zugezogen und wurde in eine Tierklinik gefahren. Röntgenbilder zeigten, dass die Verletzung irreparabel war, Reiter und Besitzer beschlossen, das Tier einschläfern zu lassen. Die Suche nach Schuldigen ist schwierig. Das Hindernis wurde von allen anderen Pferden problemlos genommen. Der Reiter war qualifiziert und Bob the Builder nicht besonders müde, er hatte erst die Hälfte der Strecke hinter sich. Das Pferd wurde noch eingehend untersucht, unter anderem mit einer Knochendichtemessung, um eventuellen Vorschäden auf die Spur zu kommen. Am Sonntag erklärte Chef-Veterinär Frederic Barrelet, dass das Fesselgelenk schon vor dem Sprung gebrochen sei. Womöglich war es eine unerkannte Stressfraktur. Am Ende bleibt nur die Erkenntnis, dass es sich um einen jener Unfälle handelt, die immer wieder passieren, nicht nur im Spitzensport, auch beim Spazierenreiten oder beim Jagdausritt. Jeder ist eine Tragödie, aber ein Sport mit null Risiko wird die Vielseitigkeit nie werden. Das weiß jeder, der ihn ausübt. Gabriele Pochhamer

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