Sportverbände:Besuch von der Selbsthilfegruppe

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Biathlon Weltcup Oberhof

"Wenn man die letzten Jahre im Weltcup anschaut, ist kein einziger Junger mit 20 oder 21 dazugekommen." - Simon Schempp, Biathlon-Weltmeister von 2017.

(Foto: Martin Schutt/dpa)

Der neue Zusammenschluss Team Sport-Bayern stellt sich bei Innenminister Joachim Herrmann vor - in der festen Absicht, die Interessen seiner Mitglieder besser zu vertreten, als dies bisher der BLSV getan hat.

Von Lars Becker

An diesem Donnerstag bekommt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann Besuch von einem der wichtigsten Sportfunktionäre in Deutschland. Alfons Hölzl vertritt in diesem Gespräch aber nicht in erster Linie die fünf Millionen Mitglieder des Deutschen Turner-Bundes (DTB), deren Präsident er ist. Der Jurist will vielmehr die Intentionen von Team Sport-Bayern erläutern - einem neu gegründeten Zusammenschluss von 27 bayerischen Sportfachverbänden mit insgesamt fast vier Millionen Mitgliedern, die sich im Bayerischen Landes-Sportverband (BLSV) nicht ausreichend vertreten sehen. Sie verbleiben zwar unter dem Dach des BLSV, wollen aber ihre Interessen von Team Sport-Bayern vertreten lassen.

"Im BLSV wurde die Entscheidung getroffen, sich aus der Sportpraxis komplett zurückzuziehen. Wir müssen uns selbst helfen und das auch dürfen, ohne dafür angegriffen zu werden", sagt Eva Straub, stellvertretende Vorsitzende von Team Sport-Bayern. Sie ist auch Präsidentin des Ju-Jutsu-Verbandes im Freistaat und schlägt Alarm für die Zukunft des Sports in Bayern. Durch Corona sei "ein erschreckender Rückgang von 30 Prozent" der Mitglieder zu verzeichnen, die die Kampfkunst aktiv betreiben. Auch in den meisten anderen Sportarten verlassen in Zeiten von Lockdowns und geschlossenen Sportstätten die Mitglieder in Scharen die Vereine.

Die Probleme im Breiten- und Nachwuchsleistungssport in Bayern seien eklatant geworden

Vom BLSV um seinen in die Kritik geratenen Präsidenten Jörg Ammon komme in dieser schwierigen Phase keine Unterstützung, beklagt Florian Geiger, Vizepräsident des Deutschen Ringer-Bundes (DRB). Als die Ringer im vergangenen Sommer als einzige Sportart nicht wieder vollumfänglich trainieren durften, musste er sich selbst ans Sportministerium wenden. "Wo war da der BLSV? Genau deswegen sind wir bei Team Sport-Bayern. Weil wir es satt haben, Bittsteller in einem System zu sein, dass eigentlich den Sport fördern und unterstützen soll, sich aber stattdessen seit Jahren nur mit seiner eigenen Struktur und seiner zukünftigen Ausrichtung beschäftigt", schimpft Geiger.

Dadurch seien vor allem die Probleme im Breiten- und Nachwuchsleistungssport in Bayern eklatant geworden. "Die Strukturen sind unzureichend, genau wie das Schul- und Nachwuchssystem. Wenn wir nicht handeln, fällt Bayern zurück, und es wird in ein paar Jahren keine Olympiasieger mehr von hier geben", sagt Hölzl. Genau dieses Nachwuchsproblem hatte Simon Schempp, Weltmeister von 2017, jüngst für den Biathlon publikumswirksam angesprochen: "Wenn man die letzten Jahre im Weltcup anschaut, ist kein einziger Junger mit 20 oder 21 dazugekommen. Das war früher definitiv anders." Diese Entwicklung gilt für fast alle Sportarten.

Dr. Alfons Hölzl (DTB Präsident President) Abschlusspressekonferenz PK Hanns-Martin.Schleyer-Halle 13.10.2019 Turn-WM St

"Wir erwarten von der Politik, dass man mit uns über die Maßnahmen diskutiert." - Alfons Hölzl, Präsident des Deutschen Turner-Bundes, über den Lockdown.

(Foto: Michael Weber/imagepower/imago)

In Bayern wurde zwar 2018 von einer Arbeitsgruppe um Hölzl ein neues Nachwuchsleistungssportkonzept erarbeitet, das aber laut Straub "seitdem zu weiten Teilen nicht umgesetzt" wurde. Zum Beispiel mangelt es laut Team Sport-Bayern an der "Anpassung der Nachwuchsleistungssport-Strukturen in den Bereichen Schule und Internat sowie Duale Karriereplanung". Ein Beispiel dafür nennt der Bayerische Tennis-Verband: Obwohl der Bundesstützpunkt in Oberhaching sportlich bei Weitem am besten ausgestattet sei, wolle kaum ein Nachwuchsspieler dorthin wechseln, weil die Verzahnung von Schule und Sport nicht richtig funktioniere. "Die Begründung ist immer dieselbe - die Familien würden ihre Söhne gern ins Tennis-Internat in Oberhaching geben, aber die Bedenken wegen des bayerischen Schulsystems überwiegen und die Jungs bleiben zu Hause", sagt Bundesstützpunktleiter Martin Liebhardt.

Diese Gemengelage hat auch große Sportfachverbände in Bayern wie Fußball, Handball, Turnen, Skisport oder Volleyball dazu bewogen, Mitglied bei Team Sport-Bayern zu werden. Dahinter stecke laut Straub nicht der Wunsch, den bayerischen Sport zu spalten, sondern die Sorge um dessen Zukunft - wegen der Untätigkeit des BLSV und Corona. Hölzl zum Beispiel befürchtet für den Bayerischen Turner-Bund neben "einem deutlichen Mitgliederschwund" auch den Verlust von "hochmotivierten Trainern, Betreuern und Funktionären".

Das Herunterfahren des Sports über einen so langen Zeitraum - derzeit dürfen nur Kaderathleten beschränkt trainieren - werde auch erhebliche Auswirkungen auf den Breitensport haben. Bisher werde der Sport in der ganzen öffentlichen Diskussion laut Hölzl nicht ausreichend gehört: "Hier fordern wir einen höheren Stellenwert des Sports ein und erwarten von der Politik, dass man mit uns über die Maßnahmen diskutiert." Es wird ein interessantes Gespräch bei Joachim Herrmann.

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