Sportstätten und Geschäftsfelder:Training auf dem Dach

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Sportstätten und Geschäftsfelder: Wichtiges Miteinander: Haars Bürgermeister Andreas Bukowski im Kreis der Haar Disciples.

Wichtiges Miteinander: Haars Bürgermeister Andreas Bukowski im Kreis der Haar Disciples.

(Foto: Germann/Eibner/Imago)

In einer Zeit, in der das Ehrenamt schwächelt und Sponsoren ausbleiben, sind immer mehr Vereine auf der Suche nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten. In Haar und Unterhaching entstehen interessante Projekte.

Von Christoph Leischwitz

Die Verlockung ist im Wortsinn riesig: etwa 14 000 Quadratmeter bebaubare Fläche in einem Gewerbegebiet in bester Lage, direkt neben der S-Bahn, fünf Stationen entfernt vom Münchner Ostbahnhof. Es wäre keine Überraschung, wenn hier demnächst eine Randsportart der Errichtung neuer Bürogebäude zum Opfer fiele, für Firmen, die hier neu ansiedeln könnten und der Gemeinde frische Gewerbesteuer brächten. Doch es werden hier auch weiter Baseballschläger geschwungen. Und die München-Haar Disciples dürfen nicht nur bleiben, sie bekommen bald wahrscheinlich obendrein eine bessere Zukunftsperspektive.

In Haar will man einen Weg beschreiten, für den sich möglicherweise bald viele Gemeinden interessieren werden. Weg von einer Art Sport-Gentrifizierung in Ballungsräumen, wo aus Platznot und aufgrund steigender Grundstückspreise der Randsport irgendwann auch räumlich seinem Namen gerecht wird. Es geht um modernere Formen von Kooperation, um Synergieeffekte, und aus Sicht der Sportvereine vor allem um eine Zukunft - und neue Möglichkeiten, den Vereinsetat aufzustocken.

Wie das ganz konkret aussehen soll, wird noch debattiert, die Pläne könnten aber noch in diesem Jahr fertig werden. Eine der Ideen lautet: Nur das Trainingsgelände der Disciples soll bebaut werden, das dann von Firmen wie auch von den Disciples selbst genutzt werden kann - bei den Baseballern träumen sie von eigenen Seminarräumen, die man untervermieten könnte, oder von einer Sportsbar, die sie selbst betreiben. Der Trainingsplatz könnte sich dann ein paar Meter weiter oben befinden, auf dem Dach, auf dem hohe Netze die Bälle abfangen sollen. Die Gemeinde bekäme also Homeruns und Gewerbesteuern.

"Die ursprünglichen Aufgaben - soziales Miteinander, Jugendarbeit, Menschen zum Sport zu bringen -, das ist heute über Mitgliedsbeiträge nicht mehr finanzierbar"

"Die Flächenkonkurrenz in Ballungsgebieten ist enorm", sagt der Sportwissenschaftler Lutz Thieme, "und viele Gemeinden machen sich neue Gedanken über die Flächennutzung." Der Schlüssel liegt darin, Win-win-Situationen zu schaffen. Die Disciples stehen in der Bundesliga zurzeit gut da, sie haben sich bereits für die Playoffs zur deutschen Meisterschaft qualifiziert und konnten in der Punkterunde den Favoriten häufig auf Augenhöhe begegnen. Eine qualitativ hochwertige Jugendarbeit gibt es schon seit Jahren. Auch das ist nicht ganz unerheblich für die neuen Pläne.

"Der Sinn des Ganzen: Bestehende Gebäude sollen mehrfach genutzt werden, sie werden abends nicht leer stehen. Da haben alle was davon", erläutert Haars Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU). Der 43-Jährige sieht selbst gerne regelmäßig beim Bundesligisten zu. Dass der Verein in der Gemeinde fest verwurzelt ist, macht es für ihn leichter, diesen in ein moderneres Konzept einzubinden. Bukowski jedenfalls sieht einen Mehrwert auf verschiedenen Ebenen: wirtschaftlich, sozial, auch für das eigene Image. Der Gemeinderat zeige sich interessiert, sagt er. Bei den Disciples erzeugt das Aufbruchstimmung, der Bundesligist will dauerhaft ein deutsches Spitzenteam werden. "Die Mannschaft kann sich messen, das verlangt ein professionelles Umfeld", sagt Bukowski.

Für Sportvereine ist die jeweilige Gemeinde oder Stadt inzwischen oft der einzig verbliebene Sponsor, oder besser: Förderer. Vor allem deshalb, weil es den klassischen Hauptsponsor heutzutage kaum noch gibt. Und das Modell, sich komplett von einem Mäzen abhängig zu machen, ist riskant und selten von Dauer. "Die ursprünglichen Aufgaben - soziales Miteinander, Jugendarbeit, Menschen zum Sport zu bringen -, das ist heute über Mitgliedsbeiträge nicht mehr finanzierbar", glaubt Johannes Penzkofer, der lange Vorstand der Disciples war und jetzt als eine Art Chefstratege agiert. Lange haben die Disciples Sponsoren gesucht, die Zahl der Anfragen soll schon vierstellig gewesen sein, doch - viele andere Vereine werden das kennen: Die Zusagen blieben aus.

Weniger neu ist die Idee, dass der Sportverein die hauseigene Gaststätte als Pächter führt und dadurch Mehreinnahmen generiert. Für alle weiteren kreativen Konzepte bedarf es aber der Hilfe aus der Politik. Ein besonders erfolgreiches Beispiel sind die Regensburg Legionäre, einer der größten und erfolgreichsten Baseballvereine des Landes, der im gelungenen Zusammenspiel mit der Stadt zu einem vielseitig nutzbaren Areal mit Restaurant, Internat und untervermietbarer Halle kam.

"Im deutschen Fußball haben viele den Schuss noch nicht gehört", glaubt SpVgg-Präsident Manfred Schwabl

Auch höherklassige Fußballer sind im Begriff umzudenken. Nur wenige Kilometer von Haar entfernt, ebenfalls im teuren Münchner Umland, verfolgt die SpVgg Unterhaching ähnliche Ideen: Im neuen Gewerbegebiet rund ums Stadion hat der aktuelle Viertligist ein Grundstück gekauft. Ein Ärztehaus ist dort geplant. So könnte man Mieteinnahmen einplanen oder Ärzte ansiedeln, die sich um die Mannschaft kümmern. Die hauseigene Gaststätte ist beliebt. Außerdem soll ein Stück entfernt eine Soccerhalle entstehen. An diesem Mittwoch findet eine Jahreshauptversammlung statt, bei der auch die Zukunftsprojekte zur Debatte stehen werden. Die Spielvereinigung jedenfalls will finanziell so breit wie möglich aufgestellt sein.

"Im deutschen Fußball haben viele den Schuss noch nicht gehört", erklärt SpVgg-Präsident Manfred Schwabl. "Die Zeiten sind vorbei, in denen dir Sponsoren und Zuschauer nachlaufen." Nahbarkeit und gesellschaftliches Zusammenleben sind für ihn dringend notwendig, schon aus Imagegründen, aber auch als gesellschaftliche Aufgabe. Zugleich ist es Teil des Geschäftsmodells: Der Verein als Zentrum des örtlichen Lebens, so, wie es sein soll. Und auf die Idee, Mieten als Zusatzeinnahmen zu generieren, um Mitgliedsbeiträge niedrig zu halten, ist auch der Bayerische Fußball-Verband schon gekommen: Zurzeit entstehen neben dessen Zentrale in der Münchner Brienner Straße gewerbliche Büroflächen.

Der Gewinnmaximierung eines Sportklubs sind allerdings Grenzen gesetzt. Auch ein gemeinnütziger FC oder TSV muss Gewerbesteuern zahlen, sobald eine gewisse Umsatzgrenze erreicht ist, zurzeit liegt sie laut Abgabenordnung bei 45 000 Euro. Für ein deutsches Baseballteam kann das bereits ein ordentlicher Teil des Bundesliga-Budgets sein. Für ein Footballteam dagegen, bestehend aus mehr als 50 Spielern, ist das ein eher geringer Betrag. Ein weiteres Problem: Es gibt immer weniger freiwillige Helfer. "Und wenn ich für einen Spieltag Helfer anstelle, kostet mich der Steuerberater bald mehr als die Helfer. Das kann sich dann auch bald niemand mehr leisten", sagt Werner Maier, Präsident des Football-Bundesligisten Munich Cowboys.

Vereine wie auch Verbände diskutieren zurzeit mehr denn je die Notwendigkeit einer Reform des Vereinsrechts, insbesondere des Ehrenamts. Mit der Wirtschaft verzahnte Geschäftsmodelle könnten auch darauf einen zusätzlichen Effekt haben: Das arg kriselnde Ehrenamt könnte durch mehr hauptamtliche Mitarbeiter entlastet werden, sofern Sportvereine in die Lage versetzt werden, ihre Einnahmen entsprechend zu gestalten. Dann könnte der termingestresste Jugendtrainer bald wieder mehr Zeit haben, weil er oder sie im Verein eine Festanstellung hat - egal, ob das dann zusätzlich noch die Leitung des Fitnessstudios oder die Buchhaltung der Vereinsgaststätte bedeutet.

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