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Sportpolitik:"Sonderbudget Haegele"

Wie kam das Epo zu Österreichs Langläufern? Vor Gericht heißt es: von einem Arzt aus der Nähe von Rosenheim.

Als der Prozess nach elf langen Stunden sein Ende genommen hatte; als der ehemalige Ski-Langläufer Johannes Dürr und sein langjähriger Trainer Gerald Heigl zu Bewährungsstrafen verurteilt worden waren; als diverse Zeugen gehört und andere über Nacht plötzlich erkrankt waren und nach einigem Hin und Her auch nicht mehr erscheinen mussten - "des macht den Kohl jetzt auch ned mehr fett", waren sich Richterin, Staatsanwalt und Verteidiger einig -; als im Grunde also alles rechtskräftig verhandelt war, da wollte der Anwalt Christian Horwath noch eine Kleinigkeit loswerden.

Horwath hatte bei dem Dopingprozess zu Wochenbeginn in Innsbruck den Ex-Trainer Heigl vertreten. Der hatte vor Gericht gerade bekräftigt, was er schon im Vorfeld gebeichtet hatte: dass er seine Schnellmacher, 4000 bis 6000 Internationale Einheiten des Blutverdickers Epo, Ende 2013/Anfang 2014 von einem deutschen Mediziner erhalten hatte. Als Gegenleistung habe er ihm ein paar Ski überlassen. Der Doc stand damals der Langlaufsparte des Österreichischen Skiverbands (ÖSV) vor: Ulrich Haegele, wohnhaft bei Rosenheim. Nun also lächelte der Anwalt Horwath vielsagend in die Gesichter rundherum und sagte zum Abschluss dieses langen Prozesstages: "Das ist sicher nicht das Ende für den ÖSV."

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Doping? ÖSV-Patriarch Peter Schröcksnadel winkt bei dem Thema gern mit der weißen Fahne.

(Foto: imago/GEPA pictures)

"Die Frage", sagte Horwath, sei ja grundsätzlich, was einer der größten Wintersportverbände der Welt gewusst habe von der Doperei, wenn dieser mehr als ein Jahrzehnt lang einen Teamarzt beschäftigt, der nun auch vor Gericht schwer belastet wird. "Wir können jetzt nichts bestätigen, es gibt viele Gerüchte", sagte Horwath, er lächelte noch immer, aber er habe "einiges gehört, was noch daherkommen wird" - in den kommenden Verfahren, meinte er.

So zeigt der Innsbrucker Prozess in diesen Tagen auch einen markanten Richtungswechsel an. Immerhin belasten nun übereinstimmend zwei verurteilte Dopingsünder einen langjährigen Teamarzt als Verteiler von verbotenen Substanzen, einen altgedienten Mitstreiter, der sich als Intimus des ÖSV-Präsidenten bezeichnet. Damit wird die Luft auch für den ÖSV ziemlich dünn, der sich stets hinter einer Mauer aus Ahnungslosigkeit und Schweigen verschanzt, sich zugleich aber gern in Leuchtfarbe das Schlagwort "Null-Toleranz bei Doping" anheftet.

Streitet jedes Doping ab: der Arzt Ulrich Haegele.

(Foto: Bayerischer Rundfunk / oh)

Haegele ist in Bayern ansässig und betont, dass er ja gar kein Sportarzt sei, sondern Pathologe. Einer der, wie er der SZ unter der Woche am Telefon sagte, mit seinen Gutachten über die Jahrzehnte "mindestens 20 000 Menschenleben" gerettet habe. Mit dieser Aussage hatte das Gespräch dann auch abrupt geendet - weitere Kontaktversuche scheiterten. Zuvor hatte Haegele, wie schon im vergangenen Herbst, strikt bestritten, jemals Dopingmittel beschafft oder jemandem verabreicht zu haben. Als Leitender Teamarzt Langlauf beim ÖSV habe er ohnehin seit Jahren nicht mehr gewirkt.

Rückblende, August 2019: Tiroler Strafverfolger durchsuchen das bayerische Domizil des Mediziners, gestützt auf Aussagen von Heigl und Dürr. Dabei werden keine Dopingsubstanzen gefunden, die Ermittler nehmen aber elektronische Datenträger mit. Auch Haegele bestätigt damals im Gespräch, dass sein Laptop und mehrere Mobiltelefone konfisziert worden seien.

Nun nimmt die Ermittlung gegen den Deutschen Fahrt auf. Es seien "noch mehrere Datenauswertungen ausständig", teilt die Staatsanwaltschaft mit, mehr nicht. Informell aber verlautet aus Justizkreisen, dass die Sache "intensiviert" werde. Weil ja im Dürr-Heigl-Prozess in Innsbruck klare, "weitergehende Aussagen gefallen" seien, die das Gesamtbild abrundeten, habe die Staatsanwaltschaft eine Protokollabschrift des Verfahrens angefordert. Solche Dokumente gelten als klassische Beweismittel. Strafverfolger räumen Belastungszeugen eine Glaubwürdigkeit ein, wenn sich diese durch ihre Aussagen keinerlei Vorteile verschaffen können. Zumal dann ja gilt, wie im vorliegenden Fall: Sollten sich die belastenden Vorwürfe als Lüge erweisen, wären diese vor Gericht erfolgt und müssten als zusätzlicher Straftatbestand gelten - die verhängten Bewährungsstrafen können sich dann leicht in echte Haft verwandeln.

27.01.2020, Landesgericht, Innsbruck, AUT, Dopingprozess nach Operation Aderlass, Prozess gegen den ehemaligen Langlaeu

Haftstrafe auf Bewährung: Ex-Trainer Gerald Heigl.

(Foto: imago images/Eibner Europa)

Haegele taucht schon als zweiter deutscher Mediziner in dieser Sportbetrugscausa auf, die bei den Strafverfolgern in Tirol und bei der Münchner Doping-Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft als "Operation Aderlass" firmiert. Dürr hatte die Affäre losgetreten; der Langläufer war bei den Winterspielen 2014 in Sotschi mit Epo aufgeflogen, als mit jenem Mittel, das ihm Haegele über Heigl zugeführt haben soll. Nach einer zweijährigen Sperre und einem wüsten Gezerre mit dem ÖSV hatte Dürr Ende 2018 den Behörden die Hintergründe seines Vergehens offenbart. Bei einer Großrazzia während der Nordischen Ski-WM im Februar 2019 in Seefeld/Tirol wurden fünf Athleten in flagranti erwischt, darunter die ÖSV-Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke. Letzterem steckte die Kanüle noch in der Armbeuge, als die Fahnder den Behandlungsraum stürmten.

4 Jahre war er Teamarzt. Sein Auftrag? Da kann der ÖSV leider "nicht weiterhelfen"

Als Kopf des Körpertunings firmiert Mark Schmidt, ein Sportarzt aus Erfurt. Der Mann, der seit 2008 wiederholt im Dunstkreis großer Betrugsaffären auftauchte, aber Doping stets bestritt, ist seither in Haft, über eine Prozesseröffnung soll bis März befunden werden. Schmidts erste Aussagen und die in seiner Praxis eingelagerten Blutbeutel gaben zwei Dutzend Sünder preis, zu Wintersportlern gesellten sich Radprofis und ein Marathonläufer. Seit Mai schweigt Schmidt. Vor zwei Wochen wurde ein mutmaßlicher Zulieferer des Netzwerks in Kroatien verhaftet. Innsbruck betreibt seine Auslieferung.

Die Causa Haegele ist nach Aktenlage losgelöst vom Erfurter Blutdoping-Komplex zu sehen - und gleichzeitig mit ihm verknüpft. Austrias Wintersportverband hatte ja schon rund um die Razzia in Seefeld abgestritten, jemals etwas von merkwürdigen Vorgängen im Lager der Langläufer erfahren zu haben. Das wirkte schon damals merkwürdig angesichts von knapp einem Dutzend Betrugsfällen, die sich seit 2003/04 in dieser ÖSV-Sparte zugetragen hatten. Und wie glaubwürdig ist die unbegrenzte Ahnungslosigkeit noch, wenn jetzt Verbandstrainer und -ärzte als Doper verurteilt oder beschuldigt werden? Zumal der ÖSV-Trainer Radim Duda schon 2013 Dürrs Leistungssprünge in Frage gestellt hatte, später auch öffentlich. Duda musste gehen, Heigl blieb.

Prozess gegen den Ex-Langläufer Dürr

Doper und Kronzeuge: Langläufer Johannes Dürr.

(Foto: Johann Groder/dpa)

Ins trübe Bild passt nun auch der Umgang des ÖSV mit der Causa Haegele. Auf der Verbands-Website firmierte der Arzt noch am Donnerstag als Teamarzt im "Bereich Langlauf" - knapp ein halbes Jahr nach der Razzia bei Rosenheim. Auf SZ-Anfrage teilte der ÖSV am Donnerstag Erstaunliches mit: "Vielen Dank für den Hinweis. Vermutlich sind Sie via Google auf einer URL der alten Webseite gelandet." Man habe nun dem IT-Partner mitgeteilt, "dass hier scheinbar noch ältere Inhalte auffindbar sind. Dieser Fehler sollte in Kürze behoben werden." Wurde er - in Windeseile. Weiter teilte der ÖSV mit, Haegele sei "auf der aktuellen Webseite (online seit August 2018) natürlich nicht aufgelistet, da er seit dem Umbau der Langlaufsparte im Frühjahr 2019 nicht mehr für den Österreichischen Skiverband tätig ist". Auf die Nachfrage, wie dieser Umstand "der nicht mehr aktuellen" Verbandswebsite ganz zufällig, und erst nach eineinhalb Jahren im Zuge einer Presseanfrage entdeckt werden konnte: keine Reaktion.

Völlig intransparent reagiert der selbsterklärte Null-Toleranz-Verband auch auf wiederholte Nachfragen zum Tätigkeitsprofil Haegeles, der immerhin seit 2006 als Teamarzt firmierte. Der ÖSV führte in seinem Haushalt sogar ein "Sonderbudget Haegele", mit 36 000 Euro jährlich, über das Ärzte, Apparate, Arzneien bezahlt wurden. Nein, mit konkreten Angaben zu Haegeles Wirken könne man "nicht weiterhelfen", teilt der ÖSV nun mit.

Wer holte Haegele zum ÖSV? Der deutsche Pathologe sagt: Peter Schröcksnadel persönlich

Dabei sehen die Fakten so aus: Wie Dopingcoach Heigl, war auch Haegele eine feste Größe im ÖSV-Tross. Gerry und Utz, wie die beiden in Läuferkreisen heißen, betreuten das Ressort lange nebeneinander. Heigl stieß 2004 zum Langlaufteam, 2006 bei den Winterspielen in Turin durchfilzten Ermittler das ÖSV-Quartier. Später wurde Heigl Chefcoach und blieb sogar in Leitfunktion, nachdem Dürr 2014 in Sotschi aufgeflogen war und 2015 auch Teamkollege Harald Wurm eine vierjährige Sperre erhielt. Im April 2017 verließ Heigl den ÖSV, betreute aber weiter Kaderathleten, darunter Langläufer Hauke, der in Seefeld mit der Kanüle im Arm erwischt worden war. Überdies war er vor einigen Jahren Konditionstrainer eines Alpin-Athleten, diese Ermittlung versandete aber flott.

Haegele soll Ende 2006 vom Verbandschef persönlich ins Team befördert worden sein. "Peter Schröcksnadel holte mich zum ÖSV, um sicherzustellen, dass dort nicht mehr gedopt wird!" Was ja, ausweislich diverser Sündenregister, nicht ganz so gut geklappt hat. Aber warum Haegele? Echte Expertise besitzt der Pathologe nicht, im internationalen Anti-Doping-Kampf fiel er nie prominent auf. Und das beim ÖSV eingerichtete "Sonderbudget Haegele" mit 36 000 Euro jährlich, über das Ärzte, Apparate, Arzneien bezahlt wurden? "Warum das meinen Namen trug, weiß ich nicht", sagt Haegele. Im ÖSV habe er nur ehrenamtlich gewirkt, ein Handy erhalten und Tankkosten abgerechnet.

Nun, da sich die Verdachtslage "intensiviert" hat, wie es in Innsbruck heißt, kann der ÖSV auch bei Fragen zu Haegeles Tätigkeitsbereich "nicht weiterhelfen". Der Verband sucht volle Deckung: Nicht einmal darlegen mag er, ob er darüber wirklich keine Kenntnis hat - oder ob er schlicht jede Auskunft dazu verweigert.

Die nationalen Anti-Doping-Agenturen in Deutschland und Österreich blicken kritisch auf die Vorgänge. In Bonn hat Nada-Chef Lars Mortsiefer "kein Verständnis für die Vogel-Strauß-Politik" des ÖSV. Der habe die Causa Haegele ja offenbar nicht einmal nach der Sommer-Razzia 2019 angepackt - "wie passt das, wenn man eine Null-Toleranz-Politik proklamiert?" Gerade zum Schutze sauberer Athleten hätte es eines klaren Signals bedurft, Befragungen und erforderlichenfalls Suspendierungen stünden jedem Verband zur Verfügung.

All diese Entwicklungen dürften auch auf einen Zivilprozess abstrahlen, den der ÖSV noch gegen Dürr führt. Er will diesem die Behauptung verbieten, der Verband wisse Bescheid über die grotesken Fehlentwicklungen. Dieser Fall liegt nun beim Obersten Gerichtshof in Wien. Anzunehmen, heißt es in Tirol, dass die jüngsten Entwicklungen rund um ÖSV-Personal beim OGH in Betracht gezogen würden - das "spräche dann nicht gegen Dürr".

Dazu passt der abschließende Veranstaltungshinweis: In Kürze steht Walter Mayer als Dopinghelfer vor Gericht. Österreichs früherer Trainer-Guru soll auch dem jüngst inhaftierten Kroaten begegnet sein, und vor allem hatte Mayer schon in den Blutdopingskandalen 2002 und 2006 in Turin eine tragende Rolle gespielt - und schon damals, in Italien, war der ÖSV angeblich völlig kalt erwischt worden. Österreich, beschwichtigte Peter Schröcksnadel damals, sei einfach ein viel zu kleines Land, um "gutes Doping" zu betreiben.

© SZ vom 01.02.2020
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