bedeckt München

Sportpolitik:Rehms Hoffnung lebt wieder

IAAF World ParaAthletics Championships

Para-Weltmeister Markus Rehm in der Flugphase.

(Foto: Henry Browne/Action Images/Reuters)

Markus Rehm hat immer betont, dass er sich als paralympischen Athleten sieht. Doch plötzlich glaubt der Weitspringer an seine Olympiateilnahme 2021 in Tokio.

Von Sebastian Fischer und Johannes Knuth

Markus Rehm hat jetzt wieder die Hoffnung, dass sich ein Wunsch noch erfüllt, der schon in Vergessenheit zu geraten drohte. Ursprünglich waren es die Spiele in Rio 2016, die er als Bühne für einen besonderen Wettkampf auserkoren hatte: Er, Rehm, als einseitig amputierter Weitspringer bei Olympia, ein Einbeiniger unter Zweibeinigen. Nun, sollten sie stattfinden, könnten die Spiele in Tokio 2021 vielleicht zu dieser Bühne werden. "Ich habe noch mal eine Tür aufgehen sehen", sagt er.

Als sich besagte Tür vor ein paar Jahren schloss, war Rehm, heute 32, auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit. 2014 gewann er bei den regulären deutschen Leichtathletik-Meisterschaften. Er war und ist ein Wandler zwischen den Welten, seiner paralympischen Konkurrenz deutlich überlegen. Und so warb er dafür, international gegen Nicht-Behinderte antreten zu dürfen. 2015 entwarf der Leichtathletik-Weltverband dann eine Regel, die "jede mechanische Hilfe" untersagte - solange Athleten nicht belegen, dass ihnen diese Hilfe keinen Vorteil bringt. Nun hatte Rehm die Beweislast dafür, dass die Karbon-Prothese, mit der er abspringt, kein unzulässiges Hilfsmittel darstellt. Forscher aus Tokio, Colorado und Köln hielten 2016 unter anderem fest, dass es sich beim Weitsprung auf einem Bein und auf einer Prothese um "unterschiedliche Bewegungstechniken" handele. Rehm leitete aus der Studie - angestoßen von einem japanischen TV-Sender, der ihn begleitete - zwar ab, dass sich ein Vorteil nicht belegen lasse. Aber belegen konnte er den Nicht-Vorteil auf diese Weise auch nicht. Seit vergangener Woche gilt nun die Regel, wonach Rehm diesen absurd anmutenden Beweis erbringen musste, als "rechtswidrig und ungültig".

Der US-Sprinter Blake Leeper, ohne Unterschenkel geboren, hatte vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas) Einspruch eingelegt gegen sein Startverbot vom Weltverband World Athletics (WA). Der Cas entschied zwar, dass Leeper auf seinen Prothesen weiterhin nicht mitlaufen darf; sie sind auch nach paralympischen Regeln zu lang. Doch das Gericht kippte auch die umstrittene Beweislastumkehr. World Athletics gab bekannt, sein Regelwerk zu überarbeiten. Und für Rehm ist die Sache seitdem im Grunde klar: "Ich kann mich jetzt eigentlich bei jedem Wettkampf anmelden - und der Verband muss mir erst mal nachweisen, dass ich einen Vorteil habe."

So sieht es auch der Düsseldorfer Sportrechtler Paul Lambertz. Es werde zwar weiterhin Gutachten von beiden Seiten geben, über die ein Gericht entscheiden müsse, vermutet er. Doch wenn das Gericht nun Zweifel hege, welcher Seite es Recht geben soll, "dann verliert im Zweifel derjenige, der die Beweislast trägt. Und das ist in dem Fall nun der Weltverband und nicht mehr der Athlet". Dies könne man auch sozial rechtfertigen: "Es sind ja die Verbände, die am ehesten über die finanziellen Ressourcen und die Expertise verfügen, um diese Beweislast tragen zu können."

Mit der alten Regel, sagt Rehm, habe sich der Verband Arbeit vom Hals halten wollen, "aber nachhaltig war die Lösung nicht". Der Dialog mit World Athletics sei danach leider abgerissen. "Das war für die so ein bisschen erledigt", glaubt er. Nun würde er sich wünschen, dass der Verband auf ihn zukommt. "Ich könnte mich jetzt einklagen und sagen, dass ich in der Wertung starten darf. Aber ich halte niemandem die Pistole auf die Brust", sagt er.

Rehm hat immer betont, dass er sich als paralympischen Athleten sieht, der bei den Paralympics seine Medaillen gewinnen will. Für ihn wäre ausdrücklich auch eine Lösung in Ordnung, die ihn außerhalb der Wertung als neunten Springer im Olympia-Finale erlaubt, wenn er sich zuvor für die besten Acht qualifiziert haben sollte. So würde er keinem olympischen Athleten einen Platz im Finale wegnehmen.

Er hoffe, sagt Rehm, dass der Weltverband erkenne, dass er sich nicht als dessen Gegner verstehe. Es gehe ihm vielmehr darum, die Leichtathletik attraktiver zu gestalten - "und ich hoffe auch inklusiver". Doch er scheint auch bereit zu sein, für seinen Wunsch zu streiten. Wenn der Verband nicht auf ihn zukomme, dann werde er auf den Verband zugehen. "Und wenn das absolut auf taube Ohren stößt, dann muss ich mir irgendwie Gehör verschaffen."

Dass er nicht weit genug springt, dürfte eher nicht das Problem sein. Im August in Leverkusen landete er bei 8,32 Metern. In der olympischen Weltjahresbestenliste wäre er Dritter.

© SZ vom 04.11.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema