Sportpolitik:Wie positioniert sich das Gericht?

Die Causa Pechstein ist inzwischen nicht nur medizinisch, sondern auch juristisch ein hochkomplexer Fall, in dem es um viele Aspekte geht. Pechstein moniert insbesondere die fehlende Neutralität des Cas, und in den Fokus dürfte nun ein Gremium rücken, das in der Sportwelt lange in etwa so bekannt war wie das Wort Retikulozyten: ein Gremium namens Icas. Dieser Icas ist dafür zuständig, die derzeit 150 Namen umfassende Richterliste zusammenzustellen, aus der sich bei Verfahren vor dem Cas die Parteien je einen Vertreter aussuchen können.

Der Icas selbst wiederum besteht aus 20 Personen - und an der Art und Weise, wie es zu deren Bestellung kommt, entzündet sich die Argumentation. Denn das Gros dieser 20 Funktionäre benennen internationale Sportverbände. Daraus, so folgert das Pechstein-Lager, ergibt sich ein strukturelles Ungleichgewicht zu Lasten der Athleten.

Die ISU weist das zurück. Nach ihrer Auffassung muss aus dieser Konstruktion nicht unbedingt ein Nachteil für die Athleten entstehen - weil die verschiedenen Verbände nicht immer zwingend gleiche Interessen verfolgten. Der Sachverständige des Bundeskartellamtes, Jörg Nothdurft, wiederum positionierte sich während der Verhandlung klar pro Pechstein: "Weder die Schiedsklausel noch der Cas als solcher sind ein Missbrauch, aber die Statuten des Cas und des Icas, die nicht die Neutralität sichern." Verbände müssten alles unternehmen, um Neutralität zu wahren, und das geschehe nicht.

Der fünfköpfige Kartellsenat hielt sich während der Verhandlung mit Einschätzungen zurück. Nur einen Hinweis gab der Berichterstatter: Er zitierte aus einem BGH-Urteil, nach dem es, grob zusammengefasst, mehr als nur eines kleinen Verstoßes gegen die Neutralitätspflicht braucht, um die Wirksamkeit einer Schiedsvereinbarung anfechten zu können. Es gibt aber auch Kartellrechtsexperten, die sagen, dass selbst ein Cas mit der höchsten vorstellbaren Neutralität einen Schiedszwang nicht rechtfertigen würde.

Nun klärt sich erst in drei Monaten, wie der BGH-Senat zum Cas und dessen Neutralität steht. Doch selbst wenn die Richter die Kritik an der Institution teilen, heißt das noch nicht zwangsläufig, dass Pechstein Recht bekommt. Neben allen anderen Auseinandersetzungen steht noch immer das Argument der ISU im Raum, dass sich Pechstein 2009 nicht direkt an die nationalen Gerichte, sondern selbst zunächst an den Cas gewandt hatte. Die Einwände gegen dessen mangelnde Rechtsstaatlichkeit kamen ihr erst, als sie vor dem Cas verloren hatte.

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