Sportpolitik:Mobbing auf den Seychellen

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Günter Younger

Richard M. Pound.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA zieht neue Kritik auf sich - und eine Untersuchung, in der es um eine mögliche Rehabilitation der russischen Agentur Rusada geht.

Von Thomas Kistner

Die Debatte um die mangelnde Unabhängigkeit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) spitzt sich zu. Nachdem Russland ein Wada-Ultimatum zur Aufklärung der Staatsdoping-Affäre verstreichen ließ und zentrale Teile der Sportwelt die erneute Sperre der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada fordern, gesellt sich jetzt der Wada-Gründungspräsident zu den Kritikern. Richard Pound fordert die Wada auf, ihr Russland-Urteil in jedem Fall per "offener Abstimmung" zu treffen. Der kanadische Anwalt zur SZ: "Ich würde dem Wada-Vorstand sagen, dass ich der Generalkritik an der Wada als Organisation müde bin und die Welt das Recht hat zu wissen, wie die Interessengruppen im Vorstand abgestimmt haben, sofern dieser nicht der Empfehlung des Compliance-Komitees folgen sollte."

Das zielt auf das IOC.

Das Compliance-Komitee tagt Mitte Januar und dürfte die Sperre der Rusada empfehlen. Zu befürchten ist, dass die IOC-Vertreter im Wada-Vorstand dem nicht folgen und die Putin-freundliche Linie von Thomas Bach verfechten. Der deutsche IOC-Boss erklärte in seiner Neujahrsadresse, er finde, die russische Staatsdoping-Affäre sei genug bestraft worden. Steht der Wada eine Zerreißprobe bevor? Spät am Freitagabend reagierte das IOC: Bach habe damit nur die Sanktion gegen das russische NOK gemeint, nicht die Russland-Frage generell.

Mächtig unter Druck ist die Wada seit Herbst, als sie die seit 2015 suspendierte Rusada in die Sportfamilie zurückführte. Obwohl die Kernkriterien für die Rehabilitation nicht erfüllt waren, erteilte sie den Russen einen Vertrauenskredit. Begründung: Moskau garantiere dafür den vollen Zugang zu seinem Analyselabor bis Ende 2018; zu allen Daten und Dopingproben.

Auch der sonst so kritische Pound zählte zu denen, die diesen Deal inmitten der globalen Entrüstung für einen cleveren Wada-Schachzug hielten. Nun ist das Trugbild implodiert, die Wada erhielt keinen Zugang in Moskau. Weil damit die Kernbedingung für die Rehabilitation der Rusada nicht erfüllt ist, müsste die Sperre wieder aufleben. Darauf drängt die Sportwelt, vom Athletenkomitee der Wada bis zu den 16 wichtigsten Anti-Doping-Agenturen, die einen sofortigen Bann fordern.

Doch die Wada hängt an den Fäden des IOC, vier Ringe-Funktionäre sitzen im Vorstand, und ihr Boss Bach gibt die Richtung vor. Das befürchtet auch Pound, der eine "gewisse Naivität" im Herbst einräumt. "Aber der Ball liegt jetzt auf der anderen Seite, und es gibt keinen Grund für weitere Vereinbarungen auf Treu und Glauben." Werde die Rusada wieder gesperrt, könnten die Bedingungen für eine Aufhebung "viel umfassender sein, und Russland riskiert, die Anforderungen nicht rechtzeitig erfüllen und nicht an den Tokio-Spielen teilnehmen zu können." Den Winkelzügen des IOC traut Pound nicht mehr. Er findet, beim Urteil dürfe die Wada keine Rücksicht auf Ringe-Interessen nehmen, womöglich gar geheim votieren. "Das wird einer der wichtigsten Beschlüsse, die Wada muss als transparente Organisation darlegen, wie er getroffen wurde." Raue Zeiten für die Wada kündigen sich auch andernorts an. Als der Entscheid pro Rusada im Herbst bei einem Meeting auf den Seychellen getroffen wurde, beklagte die Wada-Athletenchefin Becky Scott Mobbing im Vorstand - den sie aus Protest verließ. Scott behauptet, einige Vorstandsherren hätten sie bei dem Treffen mit herabsetzenden Kommentaren und Gesten bedacht. "Ich fühlte starken Druck", sagte sie der BBC. "Es wurde gelacht, als ich die Liste der Athleten verlas, die sich gegen die Entscheidung wehren." Die Vorwürfe bestätigte Wada-Vizepräsidentin Linda Helleland; die Sportministerin Norwegens hatte mit den Athleten gegen eine Rusada-Freigabe votiert. Eine interne Prüfung der Vorgänge ergab laut Wada keine Beweise. Nun aber hat sie eine US-Kanzlei damit beauftragt, "eine komplette Untersuchung der Belästigungs- und Einschüchterungsvorwürfe vorzunehmen". Am Ende soll ein Report stehen: an den Wada-Vorstand.

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