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Sportpolitik:Lukaschenko statt Lukaschenko

Lukaschenkos Sohn zum NOK-Präsidenten von Belarus gewählt

Von Schnauzbart zu Schnauzbart: Alexander Lukaschenko, links, übergibt das Amt des belarussischen NOK-Chefs an seinen Sohn Viktor.

(Foto: Andrei Stasevich/dpa)

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko reagiert auf den Aufschrei im Sport mit einem ulkigen Manöver: Sein Sohn Viktor übernimmt die Spitze des Nationalen Olympischen Komitees. Das IOC müsste nun reagieren, tut es aber nicht.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Der Diktator und seine Söhne, das ist eine ganz eigene Geschichte. Schon seit Jahren gibt es Diskussionen um das Szenario, dass es dem Staatspräsidenten Alexander Lukaschenko wohl am liebsten wäre, wenn eines Tages mal sein Nachwuchs die Macht in Belarus übernimmt - auch wenn er das immer mal wieder zurückweist. Seinen Sohn Kolja, 17, nahm er trotzdem schon in jungen Jahren mit zu internationalen Besuchen, zu Papst Benedikt XVI. ebenso wie zu den Vereinten Nationen in New York. Dem früheren venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez teilte er mal mit: "Das ist mein Sohn Kolja, und das bedeutet, dass es jemanden gibt, dem ich in 20, 25 Jahren den Stab übergeben kann."

Bis zum Wechsel im Präsidentenamt dürfte es noch dauern, an einer anderen Stelle des belarussischen Machtapparates hat es diese Stabübergabe vom Diktator zum Nachwuchs aber schon gegeben: beim Nationalen Olympischen Komitee (NOK), das bisher Alexander Lukaschenko persönlich anführte. Dort übernahm am Wochenende zwar nicht Kolja, der Sohn aus Lukaschenkos zweiter Beziehung, sondern Viktor, 45, der älteste Sprössling aus der ersten Ehe. Der war bisher Mitglied im Sicherheitsrat und Vize-Präsident des NOK, fortan ist er Generalmajor der Reserve und NOK-Chef. Der Sport bleibt in der Hand der Familie, das ist die Botschaft.

Das ist zwar nicht sonderlich überraschend. Aber zugleich ist die Wahl eine Provokation - und erfordert nun im Grunde eine angemessene Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), doch die bleibt bisher aus.

Mehr als 1000 belarussische Athleten schlossen sich gegen Lukaschenko zusammen

Seit den gefälschten Präsidentschaftswahlen im August und dem brutalen Umgang mit der Oppositionsbewegung geriet das Lukaschenko-Regime in der Sportwelt unter großen Druck. Mehr als 1000 belarussische Athleten und Trainer schlossen sich in der Belarusian Sport Solidarity Foundation (BSSF) zu einer Initiative gegen Lukaschenko zusammen, viele von ihnen wurden drangsaliert.

Nach einer klaren Positionierung der Sponsoren gegen das Regime entzog der Eishockey-Weltverband der belarussischen Hauptstadt Minsk die WM - ein Herzensprojekt des Eishockey-Liebhabers Lukaschenko. Selbst das IOC, das gegenüber den Autokraten dieser Welt traditionell eine wohlige Nähe pflegt und Lukaschenko sogar mal einen Orden aushändigte, handelte ob des Aufschreis der Athleten: Es suspendierte das belarussische NOK insgesamt, aber auch Lukaschenko senior und junior persönlich.

Aber das alles kümmerte Lukaschenko nicht. Er gab sich nicht einmal die Mühe, ein Modell zu finden, mit dem sich auch nur ein Hauch von Besserung suggerieren ließe. Sein Sohn, der wie der Vater selbst auf der Sanktionsliste der USA wie der Europäischen Union steht, ist nun der neue NOK-Chef. Dem Vorstand gehört auch weiter Dimitrij Baskow an, der Präsident des nationalen Eishockey-Verbandes, der im dringenden Verdacht steht, am Tod eines Oppositionellen beteiligt gewesen zu sein. Zudem gab "Batka" (Vater) Lukaschenko, wie sich der Diktator gerne nennt, auch zu verstehen, dass er sich "von den sportlichen Fragen" sowieso nicht zurückziehe.

Die Bahnrad-EM ist noch in Minsk geplant

Die BSSF moniert diese Lösung. "Die Organisation, die den belarussischen Sport entwickeln sollte, diskreditiert ihn", heißt es in einer Stellungnahme. Im Grunde dürfte es auch keine Diskussionen über den weiteren Umgang mit dem belarussischen Sport geben. Aber das IOC tickt bekanntlich ein wenig anders. Bei der im Dezember verkündeten Suspendierung hieß es, dass diese bis zur Neuwahl des NOK-Vorstandes gelte - formal ist sie nun also ausgelaufen. Nun ist die Neuwahl mit dem entsprechenden Ergebnis passiert, aber das IOC spielt auf Zeit. "Das IOC wird auf den offiziellen Bericht über die Wahlergebnisse warten und diese zu gegebener Zeit bewerten", teilt es mit.

Für die Athleten vom BSSF wäre eine klare Haltung des IOC immens wichtig; ganz generell, aber auch, weil manche Verbände ihre Haltung zu Sportveranstaltungen in Belarus von den Entscheidungen des Ringe-Konzerns abhängig machen. Zwar sind schon verschiedene Events storniert worden: Nach dem Eishockey entzog auch der Moderne Fünfkampf Minsk die WM, und Ende Februar entschied Europas Fußball-Union, die Endrunde der Futsal-Champions-League aus Minsk nach Zagreb zu verlegen - wenngleich sie dies mit einem Verweis auf die "pandemische Situation und aktuelle Einreise-Restriktionen" begründete. Aber die Bahnrad-EM zum Beispiel ist noch in Minsk geplant. Der europäische Rad-Verband teilte der SZ kürzlich mit, dass man dies so lasse, bis das IOC eine andere Entscheidung treffe.

Die BSSF versucht, das Event zu verhindern. "Jede Veranstaltung wirkt wie eine Anerkennung des Regimes", sagt Vadim Kriwoscheew, der früher Direktor in einem Minsker Radsport-Leistungszentrum war und jetzt nach Kiew geflohen ist, wie manch anderer Athlet, der sich gegen Lukaschenko positioniert: "Auf politischer Ebene sind alle Dialoge gestoppt und wird Lukaschenko nicht als legitim anerkannt. Aber durch diese sportliche Veranstaltungen versucht das Regime gegenüber der Bevölkerung so zu tun, als ob es noch einen Dialog gebe und alles gut ist." Man hoffe, dass es mit der Bahnrad-EM so ende wie mit der Eishockey-WM. Aber dafür müsste das IOC auf Lukaschenkos Familienübergabe reagieren.

© SZ/sjo/moe
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