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Sportpolitik:In der Zwickmühle

Marco reinhard

Marco Reinhard, 41, steht dem Bezirksligisten Sailauf aus dem Landkreis Aschaffenburg als Sportvorstand vor.

(Foto: Christine Sauer/oh)

Am Untermain formiert sich Widerstand gegen den Bayerischen Fußball-Verband und dessen Plan, die Saison 2019/20 fortzuführen. Eine Geschichte über einen Mann, der kämpft, obwohl es aussichtslos ist.

Von Sebastian Leisgang

In der Nacht von Freitag auf Samstag hat Marco Reinhard eine Menge Kaffee getrunken. Wie viele Tassen es waren, weiß er nicht mehr, "aber es waren viel zu viele", sagt Reinhard. Bis zwei Uhr morgens saß er an seinem Schreibtisch und verschickte eine Nachricht nach der anderen. "Und danach", erzählt er, "habe ich noch mal eineinhalb Stunden gebraucht, bis ich eingeschlafen bin".

Bis vor zehn Jahren hat Reinhard, 41, für die Sportfreunde Sailauf gespielt, heute steht er dem Bezirksligisten aus dem Landkreis Aschaffenburg als Sportvorstand vor und spielt für die Alten Herren des Klubs. Sein Geld verdient er als Leiter eines Versicherungsbüros. Als Reinhard den Anruf entgegennimmt, hat er gerade einen Kundentermin hinter sich. "Das ist ein Full-Time-Job", sagt Reinhard. Er meint nicht seine Arbeit mit Haftpflicht- und Autoversicherungen - er meint das Gefecht, das er seit Wochen mit dem Bayerischen Fußball-Verband (BFV) austrägt. Während dieser längst beschlossen hat, die Saison 2019/20 fortzuführen und bis weit ins Jahr 2021 zu strecken, setzt sich Reinhard für einen Abbruch ein. Er hat nicht nur die Petition des Nürnberger Kreisligisten FC Stein unterschrieben, in der das Saisonende gefordert wird - er hat auch ein vierseitiges Schreiben aufgesetzt und Ende der vergangenen Woche an sämtliche Vereine im Aschaffenburger Fußballkreis geschickt. Deshalb die Nachtschicht, deshalb der Kaffee.

Jetzt, ein paar Tage später, betont Reinhard: "Ich will keinen Kampf gegen den BFV führen, ich bin auch kein streitsüchtiger Mensch, aber ich bilde mir meine eigene Meinung, und die vertrete ich dann auch." Er hat sein Schreiben nicht nur den Sailaufer Gegnern aus der Bezirksliga zukommen lassen, sondern auch den Kreisligisten und allen Mannschaften aus den Kreis- und A-Klassen. Nun überlegt er auch, sich an Joachim Herrmann zu wenden, den bayerischen Staatsminister des Innern, für Sport und Integration.

"Ich sehe keinen Sinn darin, eine komplette Saison zu opfern", sagt Reinhard, "andere Verbände wollten auch erst weiterspielen und haben dann umgedacht. Nur der BFV bewegt sich keinen Millimeter. Er zieht sein Ding durch und schaut weder nach links noch nach rechts." Bloß: Hat der Bayerische Fußball-Verband nicht weitsichtig gehandelt, wenn doch Großveranstaltungen bis Ende Oktober verboten sind und womöglich auch in Sailauf und in Stein frühestens im November wieder gespielt werden kann? Ist es dann nicht klug, alles bereitet zu haben, um zumindest die derzeit unterbrochene Saison beenden zu können?

"Auch unter diesen Umständen wäre ein Abbruch besser", ruft Reinhard jetzt. Der Verband müsse sich dann gar nicht erst mit all den Themen, etwa zu Spielerwechseln, befassen - und eine neue Saison ließe sich flexibel gestalten. "Wir könnten die Mannschaften auf mehr Spielklassen verteilen", sagt Reinhard, "dann gäbe es ein paar Spiele weniger, und wir hätten Spielraum, wenn Spiele ausfallen würden."

Da der hessische Verband die Saison abbrechen will, könnten gerade die Klubs am Untermain vor einem Dilemma stehen: Will ein Spieler seinen Verein in Richtung Hessen verlassen, kann dieser den Wechsel nicht verhindern - und sucht dann womöglich vergeblich nach Ersatz bei der bayerischen Konkurrenz, weil er in diesem Fall von der Freigabe des abgebenden Klubs abhängig ist.

"In unserer Region gibt es sehr viele Wechsel zwischen hessischen und bayerischen Vereinen", erklärt Reinhard. Er weiß: Gerade deshalb sind die Klubs am Untermain besorgt. Einzelne haben sogar erwogen, den Landesverband zu wechseln. Der Unmut in der Region ist generell groß, auch bei Klubs, die sich Ende April, als der Verband das erste Meinungsbild einholte, noch für eine Saisonfortsetzung aussprachen. "Ich möchte nicht wissen, wie eine zweite Abstimmung ausgehen würde", sagt Reinhard. Er vermutet: Eine ganze Reihe an Klubs würde mittlerweile eine andere Meinung vertreten.

In den vergangenen Wochen hat Reinhard immer wieder mit der Presse über den Verband gesprochen. In all diesen Gesprächen war er sehr kämpferisch, Reinhard ist keiner, der sich selbst zügelt, nur um nicht anzuecken. Jetzt aber seufzt er und sagt: "Als die Bezirksligisten am Sonntag über die Einführung eines Ligapokals abstimmen sollten, durften wir immerhin selbst was sagen. Aber es war halt eine BFV-Veranstaltung."

Aus seiner Stimme ist eine gewisse Resignation herauszuhören. Der bayerische Verband hat längst klargestellt, dass er von seinem Entschluss nicht mehr abrücken wird. Auch Reinhard muss das hinnehmen. "Aber schön", sagt er, "dass der Verband mittlerweile wenigstens meinen Namen kennt."

© SZ vom 18.06.2020

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