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Sportpolitik:Heißes Eisen

Bitte fernbleiben: Wenn es nach manchen Politikern geht, sollen die Tribünen, hier die Shorttrack-Halle für die Winterspiele 2022 in Peking, auch im kommenden Jahr frei bleiben - zumindest von hohen Würdenträgern aus dem Westen.

(Foto: Noel Celis/AFP)

In der Debatte um die Winterspiele 2022 in Peking erneuern die Grünen ihre Forderungen nach einem politischen und wirtschaftlichen Boykott. Und die umstrittenen Fußball-WM in Katar? Da sind sie deutlich zurückhaltender.

Von Johannes Knuth, München

Das Schmieden ist eine durchaus anspruchsvolle Kunst, nur wer das Eisen zum richtigen Zeitpunkt, bei rund 1000 Grad, aus dem Ofen zieht, kann es mit dem Hammer formen, wie Knete. Ansonsten kann man sich ganz schön abmühen - oder die Finger verbrennen. Margarete Bause, die Bundestagsabgeordnete der Grünen und menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion, sieht es jedenfalls so: Ihr Eisen ist gerade heiß. Deshalb sei es Zeit zu handeln. Oder auch: zu hämmern.

Das heißeste Eisen, das Bause und ihre Parteikollegin Claudia Roth bei einer digitalen Diskussionsrunde am Mittwochabend eifrig hin- und herwendeten, waren die Olympische Winterspiele 2022 in Peking. Tatsächlich debattieren viele Länder seit Längerem, ob und wie sie den umstrittenen Gastgeber boykottieren sollen oder nicht - zuletzt erst die USA -, und vor diesem Hintergrund erneuerte Bause nun ihr Plädoyer: Der Bundestag müsse sich dazu kritisch äußern, deutsche Politiker sollten den Spielen im kommenden Februar fernbleiben, sich "nicht zur Staffage für die Propaganda machen lassen". Das sei das Mindeste, wenn ein Gastgeber wie China mehr als eine Million uigurische Muslime interniere und sich aggressiv gegenüber Nachbarn wie Hongkong und Taiwan verhalte. Unter anderem.

Bause betonte, dass man im Bundestag diesbezüglich gerade verhandele, über die Fraktionsgrenzen hinweg, wohin das führe, sei aber noch ungewiss. Sie hoffe auf "ein Ergebnis noch in dieser Legislaturperiode". Auch deutsche Sponsoren sollten ihr Engagement überdenken, forderte Roth, auch sie trügen eine "menschenrechtliche Verantwortung" - wie der Versicherungskonzern Allianz, ein Partner der olympischen und paralympischen Spiele. Sie habe, gab Roth zu, vor den Sommerspielen 2008 in Peking noch gehofft, dass eine neue Pressefreiheit und so eine Mehrstimmigkeit in der chinesischen Gesellschaft einziehen könnte. "Rückblickend", sagte die 65-Jährige, "war das wohl eine romantische Vorstellung". Bause verwies auf ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, das zuletzt bilanzierte, wie sehr sich die Menschenrechtslage in China zuletzt verschlechtert habe. Wenn Sportverbände Veranstaltungen vergeben, bekräftigte Bause, sollten Menschenrechte "das zentrale Kriterium sein".

Ein Boykott der Fußball-WM 2022? Lieber will Roth den Druck auf Katar hochhalten

Davon sind die Verbände freilich noch weit entfernt, und für die nahenden Winterspiele kommen solche Forderungen ohnehin zu spät. Roth plädierte zumindest dafür, dass Sportler, die sich in Peking kritisch äußern wollen, auch die Möglichkeit dazu erhalten sollten - auch, wenn man sie richtig verstand, in den Sportarenen; eine Forderung, die das Internationale Olympische Komitee bislang strikt zurückweist. Man dürfe sich auch nicht bieten lassen, so Roth, dass das chinesische Organisationskomitee nur mit Journalisten zusammenarbeiten wolle, die ausschließlich über den Sport berichten, wie Berichte zuletzt nahegelegt hatten. Da müssten der Deutsche Olympische Sportbund und die deutschen TV-Rechteinhaber massiv Druck ausüben, auch das Innenministerium.

Dass freilich nicht alle Boykottaufrufe gleich sind, zeigte sich, als die Debatte sich dem zweiten umstrittenen Gastgeber näherte: Katar, Gastgeber der Fußball-WM 2022. Ein Bericht des Guardian, wonach seit der WM-Vergabe 6500 Gastarbeiter in dem Land gestorben seien, mindestens, sei nicht ganz differenziert gewesen und habe wohl auch auf "Übersetzungsfehlern" beruht, so Roth (was manche Menschenrechtsorganisationen zurückweisen). Roth verwies auch auf angebliche Verbesserungen in dem Emirat, einen Mindestlohn für Gastarbeiter, die Abkehr vom Kafala-System, das manche Beobachter mit sklavenähnlichen Zuständen vergleichen, bessere Standards auf den Baustellen. Da sollte man den Druck auf das Land lieber hochhalten, fand Roth, damit die angeschobenen Reformen "nicht nur eine Propagandanummer bleiben".

Die Winterspiele also irgendwie boykottieren, die Fußball-WM aber lieber nicht? Dass das vielleicht auch eine Spur zu romantisch sein könnte, zeigte die kurze Debatte im Anschluss, in der Peter Heidt, der Bundestagsabgeordnete der FDP, ein nicht ganz so rosiges Bild von der Lage in Katar zeichnete: Das Kafala-System etwa sei noch gar nicht richtig abgeschafft. Die Gefahr sei jedenfalls gegeben: dass Reformen vor einer Großveranstaltung im Anschluss schnell wieder verpuffen. Da gibt es im Sport ja tatsächlich ein paar abschreckende Beispiele. Unter anderem in China.

© SZ/vk
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