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Sportpolitik:Für Stolz keine Zeit

Der Verein Athleten Deutschland hat sich als Stimme einer unabhängigen Athletenbewegung etabliert. Die Brandherde im organisierten Sport zeigen, wie nötig das ist.

Von Johannes Knuth

Timing ist alles, das Können also, die beste Leistung am Wettkampftag zum Klingen zu bringen - das gilt auch in der sportpolitischen Arena. Am vergangenen Donnerstag schrieb sich das 1002. Mitglied beim Verein Athleten Deutschland ein, rein zufällig vor der Mitgliederversammlung drei Tage darauf. Ein Lächeln schimmerte unter Johannes Herbers Bart, als er diese Kunde am Wochenende überbrachte. Ganz unschuldig ist er daran ja nicht: Als er vor einem Jahr die Rolle des Geschäftsführers im Verein übernahm, waren es noch 460 Mitglieder. Er habe schon ein wenig Kundenakquise betrieben, gab Herber nun zu - aber wer sich als unabhängige Athletenvertretung etablieren will im organisierten Sport, der sich für unabhängige Initiativen traditionell eher selten begeistert, der darf natürlich zu legalen Nachhilfen greifen. Es war ja auch nicht so, dass Herber die Neuankömmlinge unter Waffengewalt überreden musste, wie der 37-Jährige beteuerte: "Unsere Mitglieder spüren, dass der Verein wertvoll ist."

Man spürt schon den stillen Stolz, der die Vertreter von Athleten Deutschland in diesen Tagen zu ihrem dreijährigen Bestehen umhüllt. Als sie den Verein im Oktober 2017 gründeten, um Athleteninteressen unabhängiger zu vertreten, blies ihnen noch eine scharfe Brise entgegen: Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) fand, man habe doch schon seine Athletensprecher in diversen - oft stromlinienförmig bestückten - Kommissionen der Verbände. Und die Fördermittel für den neuen Verein würden vielleicht an anderer Stelle fehlen - 450 000 Euro schießt der Bund jährlich zu; sie fließen unter anderem in eine sechsköpfige Geschäftsstelle und Rechtsberatungen für Mitglieder. Die vergangenen Jahre haben freilich gezeigt, dass die neue Initiative dringend benötigt wird: Wo viele Sportverbände salbungsvoll dozieren, wie ihre Sportler im Mittelpunkt stünden, lassen sich bei der unabhängigen deutschen Initiative nicht nur starke Worte, sondern auch Taten erkennen. Max Hartung, Präsident des siebenköpfigen Vorstands und Fechter im Hauptberuf, bilanzierte nun: "Wenn Athleten sich zusammentun und öffentlich äußern, kann man viel tun. Viele politische Entscheidungsträger warten mit offenen Türen auf uns." Was natürlich auch implizierte, dass das bei anderen Würdenträgern nicht immer ganz der Fall ist.

Johannes Herber berichtete am Wochenende von mehr als 30 Fällen, in denen man im Vorjahr zwischen Athleten und ihren Verbänden geschlichtet habe; im Streit um Sponsoring-Fragen oder Athletenvereinbarungen etwa. Rund 30 Mitglieder engagierten sich derzeit in diversen Arbeitsgruppen, die prekäre Themen behandeln - oft proaktiv und auch dort, wo die Scheinwerfer der Öffentlichkeit nicht immer hin leuchten. Mal geht es um Meinungsfreiheit für Sportler, was seit Wochen von einem Bass an düsteren Nachrichten begleitet wird, da in Belarus immer wieder Athleten inhaftiert werden, die gegen das Regime protestieren. Eine Gruppe um Marathonläuferin Fabienne Königstein kümmere sich derweil um Gleichstellung von Frauen im Sport, in puncto Bezahlung, Trainingsbedingungen und Forschung.

Oder auch das Thema Rassismus: Viele Athleten berichteten zuletzt von Alltagsrassismus und Hasskommentaren in sozialen Netzwerken, sagte Herber. Da wünsche man sich, dass sich die Verbände stärker positionieren und Vertrauenspersonen benennen, die es derzeit kaum gebe. Ein weiteres gewaltiges Problem sei sexualisierter Missbrauch: Jüngste Berichte, wonach Boxtrainer in Baden-Württemberg Athleten missbraucht hätten, seien "sehr bedrückend", so Herber, "da wollen wir uns künftig stärker engagieren". Man habe fürs Erste an die Mitglieder appelliert, in ihren Fachverbänden eine Kultur des Hinsehens zu propagieren. Außerdem habe man zuletzt in einer kleinen Umfrage erhoben, in welchen Verbänden es eine Vertrauensperson gebe, an die man derartige Probleme herantragen könne. 80 Prozent der befragten Athleten, so Herber, hatten noch nie von einer derartigen Anlaufstelle gehört.

2019 World Judo Championships

Der Verein Athleten Deutschland engagiert sich derzeit auch für die Sicherheit von Athleten bei Meisterschaften in der Pandemie – wie etwa der Judo-Europameisterschaft in Prag ab kommender Woche (oben, Judoka Martyna Trajdos aus Zweibrücken im weißen Trikot).

(Foto: Kim Kyung-Hoon/Reuters)

Die größten "Bauchschmerzen", sagte Max Hartung, bereiteten derzeit aber die auf 2021 verschobenen Sommerspiele. Wie gestalten sich die Qualifikationen, die gerade schleppend anlaufen? Was, wenn Wettkämpfe an Orten mit hohen Infektionszahlen oder defizitären Hygienekonzepten stattfinden? Wie vertretbar ist das Reiserisiko für Athleten oder auch Para-Athleten, die zu Risikogruppen zählen? "Jeder Athlet muss da abwägen dürfen, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen", forderte Hartung. Bislang habe er noch keine Berichte vernommen, wonach Sportler zu Teilnahmen an Wettkämpfen gedrängt wurden, es habe aber schon einige Covid-Positivfälle bei Kaderathleten gegeben. Da befürchte er, dass man gerade erst am Anfang einer Phase stehe, "die sehr, sehr heikel" wird. Auch diesbezüglich wolle sein Verein eine Plattform bieten, auf der man die Anliegen der Athleten bündelt.

Ob diese dann auch gehört werden? Darin liege nach wie vor die größte Herausforderung für seinen Verein, betonte Herber: Es sei ein Unterschied, "eine Stimme zu haben und auch wirklich gehört zu werden". Man könne derzeit Debatten vorantreiben, Druck aufbauen, aber mit Blick auf die großen Sportverbände sind wir "von den Entscheidungsprozessen weitgehend abgeschnitten". Diese Prozesse bleiben - oft in geringem Maße - den Athleten vorbehalten, die in den Verbandskommissionen sitzen. Dort in eine Verhandlungsposition hineinzurutschen, als unabhängige Stimme, sei eines der größten Ziele für die Zukunft. Der Austausch mit dem IOC, berichtete Vizepräsidentin Manuela Schmermund leicht irritiert, sei zuletzt eher wieder ins Stottern geraten - während IOC-Präsident Thomas Bach sich lieber zu digitalen Fragerunden mit Speerwerfer Johannes Vetter traf, der in keiner Athletenvertretung sitzt. Auf Dauer, glaubt Schmermund, lasse sich diese Kommunikationspolitik aber nicht aufrechthalten. Dafür ist die Stimme ihres Vereins wohl tatsächlich schon zu stark.

© SZ vom 16.11.2020
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