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Sportpolitik:"Eine Katastrophe"

Wada-Chef Craig Reedie spricht beim jährlichen Wada-Symposium in Lausanne im März 2018.

(Foto: Fabrice Coffrini/AFP)

Die Wada empfiehlt, den Bann der russischen Anti-Doping-Agentur aufzuheben - und löst damit heftige Kritik aus. Derweil wird gegen zwei russische Spione ermittelt.

Travis Tygart, Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, hat angesichts der bevorstehenden Aufhebung der Suspendierung der russischen Anti-Doping-Agentur (Rusada) heftige Kritik geübt. "Ganz ehrlich, das stinkt zum Himmel", sagte Tygart in Richtung der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada): "Die Interessen einer Handvoll Sportfunktionäre werden über die Rechte von Millionen sauberer Athleten gestellt." Der Compliance-Prüfungsausschuss der Wada hatte am Freitag eine überraschende Empfehlung abgegeben, die Rusada nach fast drei Jahren wieder aufzunehmen und die Suspendierung aufzuheben.

Die Wada-Exekutive wird sich am 20. September bei ihrer Sitzung auf den Seychellen mit der Empfehlung beschäftigen. Wie die Wada mitteilte, sieht das Gremium die zwei noch offenen Kriterien von der Rusada als erfüllt an. Demnach habe das russische Sportministerium die im Zuge des Dopingskandals identifizierten Probleme anerkannt. Außerdem sei Russland bereit, unabhängigen Experten Zugang zum Labor in Moskau und den darin befindlichen Daten und Proben zu gewähren.

Aus einem Schreiben von Wada-Chef Craig Reedie und Generaldirektor Olivier Niggli an Russlands Sportminister Pawel Kolobkow vom 22. Juni, das die BBC veröffentlichte, geht hervor, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur zugunsten der Russen von ihrer ursprünglichen harten Marschroute abgewichen ist und Russland vor allem beim Kriterium Zugang zum Moskauer Dopinglabor Zugeständnisse gemacht hat.

"Im Sinne des Kompromisses möchten wir einen Vorschlag machen, der helfen wird, uns alle bei der Erfüllung dieser zweiten verbliebenen Bedingung zufriedenzustellen", schrieb die Wada-Führung an Kolobkow. Es folgte ein dezidierter Vorschlag zur neuen, weicheren Vorgehensweise mit dem Hinweis, dass die Wada verhindern möchte, dass ihr aufgrund des "moderateren Wordings" öffentlich eine "Verlagerung der Ziele" vorgeworfen werde. Die ARD veröffentlichte am Samstag Kolobkows Antwortschreiben, in welchem der russische Minister erklärt, mit der Wada-Vorgehensweise einverstanden zu sein. Datiert ist dieser Brief auf den 13. September - einen Tag bevor die Empfehlung zur Wiederaufnahme der Rusada ausgesprochen wurde.

Nicht nur aus den USA kommt Kritik wegen der Entscheidung

Tygart, der einst federführend im Fall Lance Armstrong gewesen war, monierte dass die Rusada die zwei zentralen Kriterien für die Wiederaufnahme nicht erfüllt habe. "Bis zum heutigen Tag haben Wada-Offizielle keinen Zugang zu den Proben von Athleten im Moskauer Labor. Zudem ist der McLaren-Report bislang nicht öffentlich anerkannt worden", sagte Tygart. "Kein Wunder, dass saubere Athleten geschockt und wütend über die plötzliche Kehrtwendung der Wada sind." Kritik kam nicht nur aus den USA. In einem Brief an Wada-Präsident Craig Reedie protestierte eine Gruppe britischer Athleten um Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe, die angekündigte Entscheidung wäre "eine Katastrophe für den sauberen Sport" und warnten, dass "Athleten nicht mehr an das System glauben" würden, wenn die Rusada zu diesem Zeitpunkt wieder zugelassen würde. Auch Kanada und die USA unterzeichneten das Schreiben.

Auch die Nationale Anti-Doping Agentur (Nada) und der Verein Athleten Deutschland äußerten sich kritisch angesichts der sich abzeichnenden Wiederaufnahme Russlands in die Welt-Anti-Doping-Agentur. "Die Entscheidung der Wada kommt für uns sehr überraschend. Sie ist aus Sicht der Nada nicht nachvollziehbar", schrieb die Bonner Agentur in einer Stellungnahme am Samstag. "Für uns gilt weiterhin: Es gibt eine klare Road Map der Wada! Diese muss der russische Sport erfüllen. Alles andere ist und bleibt aus Sicht der Nada nicht akzeptabel." Jegliche Form von "schnellem Deal" sei im Sinne eines dopingfreien Sports und zum Schutz der sauberen Athletinnen und Athleten "absolut nicht hinnehmbar". Silke Kassner, stellvertretende Vorsitzende der DOSB-Athletenkommission und von Athleten Deutschland e.V., sagte: "Wir brauchen das System, es ist alternativlos. Aber gesetzte Regeln müssen eingehalten werden, sonst brauchen wir die Institution Wada nicht."

In den Niederlanden wird gegen zwei russische Spione wegen eines Cyberangriffs auf die Wada ermittelt

Derweil wird gegen zwei russische Spione, die in den Niederlanden wegen des mutmaßlichen Hacking-Versuchs auf ein Schweizer Labor verhaftet wurden, auf einen versuchten Cyberangriff auf die Wada ermittelt. Die Agenten, die Anfang dieses Jahres von niederländischen Geheimdiensten festgenommen worden waren, waren nach aktuellem Ermittlungsstand in einen geplanten Anschlag auf das Labor Spiez in Bern verwickelt, das nach Angaben von Schweizer Beamten die Vergiftung des russischen Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien untersuchte. Das Büro des Schweizerischen Generalstaatsanwalts (OAG) teilte am Samstag der Nachrichtenagentur AFP mit, dass dieselben zwei Personen seit März 2017 "wegen eines Cyber-Angriffs gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur" separat strafrechtlich verfolgt würden. "Das Verfahren wird wegen des Verdachts politischer Spionage geführt", erklärte OAG-Sprecherin Linda von Burg. Von der Wada gab es zunächst keine Stellungnahme.

Die Rusada hatte 2015 im Skandal um massenhaftes Doping im russischen Sport ihre Anerkennung durch die Wada verloren. Aus diesem Grund waren russische Sportler auch bei den Winterspielen in Pyeongchang nur ohne eigene Flagge und Hymne sowie in neutraler Teamkleidung zugelassen. Kurz nach Olympia hatte das IOC die Sanktionen wieder aufgehoben. Russische Leichtathleten dürfen dagegen bei internationalen Wettkämpfen nur als "zugelassene neutrale Athleten" (ANA) starten. Würde die Suspendierung auch vom Weltverband IAAF aufgehoben, könnten im nächsten Jahr russische Teams unter anderen an der Hallen-EM in Birmingham (1. bis 3. März) und an den Weltmeisterschaften in Doha/Katar (28. September bis 6. Oktober) teilnehmen.