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Sportpolitik:Die Kanzlerin sagt: "Boah"

Medientag im Bundesleistungszentrum Kienbaum

Angela Merkel unterhält sich im Bundesleistungszentrum in Kienbaum (Brandenburg) in der Halle der Turner mit (l-r) Marcel Nguyen, Andreas Bretschneider und Andreas Toba.

(Foto: dpa)
  • Das Trainingszentrum Kienbaum wird zum "Olympischen und Paralympischen Trainingszentrum für Deutschland" aufgewertet.
  • Kanzlerin Angela Merkel besucht die Einrichtung und spricht mit Sportlern und Trainern.
  • Zur großen Geldfrage des deutschen Sports schweigt die Kanzlerin.

Die Kanzlerin zieht jetzt erst einmal die Schuhe aus. Die anderen laufen nur mit Socken durch die Turnhalle, die Sportler, die Trainer und die Funktionäre. Also steht nun auch Angela Merkel (CDU) strumpfsockig vor dem Reck und sieht zu, wie sich ein Athlet nach dem anderen in der Luft dreht. Die Reckstange biegt sich als wäre sie aus Knete, der Turner landet mit einem Knall auf der Matratze und die Kanzlerin sagt: "Boah".

Als der nächste Athlet sich in die Luft wirft, hebt sie die gefalteten Hände vor den Mund, skeptisch, als hoffe sie, dass er wieder heil am Boden aufkommt. Aber sie hat ja die Besten des Landes vor sich, in Kienbaum. Auf dem Gelände östlich von Berlin schwitzten früher einmal die Talente der DDR, heute ist Kienbaum eines von vier Bundesleistungszentren im Land. Einer von den Orten, an denen Deutschland in mehreren Sportarten seine Olympiasiege vorbereitet, die Goldmedaillen, und deshalb ist nun auch die Kanzlerin zum Sommerfest vorbeigekommen. Die Athleten trainieren für den Wettkampf. Und Angela Merkel ist im Wahlkampf.

Die Kanuten stehen schon am See bereit, Max Rendschmidt, Olympiasieger, zeigt der Kanzlerin das Gefährt. Wie er mit seinem Kollegen vorne lenkt, wo hinten das Steuer liegt. Merkel lächelt, nickt, sagt: "sehr schön" und "wunderbar". Dann kommt sie wohl noch aufs Rudern zu sprechen. Für den Laien mag das nahe liegen, Kanuten aber hören das nicht gerne, einer der Männer am Kajak sagt nur: Das sei doch ein "komplett anderer Sport".

Um sich anderen Sport anzusehen, steigt Merkel nun ins Auto, das Gelände ist etwa 60 Hektar groß, eine Fahrt lohnt mehr als ein Spaziergang. Nicht nur Kunstturner und Kanuten, auch Bogenschießer, Volleyballer und Sportler ein Dutzend anderer Disziplinen trainieren hier, ebenso die Bundespolizei. 61 Millionen Euro hat der Staat bisher für Kienbaum ausgegeben. Bald wollen sie für 3,8 Millionen Euro die alte Turnhalle sanieren.

Später, als die Kanzlerin auf der kleinen Bühne vor der Festwiese steht, sagt sie, das Geld sei gut investiert. Genauso formulierte sie das vor sieben Jahren schon einmal, bei ihrem ersten Besuch in Kienbaum, als sie den Preis "gelebte Einheit" vergab. Zu einer anderen großen Geldfrage aber sagt sie nichts an diesem Tag. Zur Leistungssportreform, dem umstrittenen Projekt des Bundesinnenministeriums und des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), nach dem in Zukunft vor allem die Disziplinen viel Geld bekommen sollen, die viele Medaillen gewinnen. Die Kanzlerin erzählt dann noch von ihrem Angelschein, von dem See, an dem sie bis heute ihr Wochenendhaus hat. In der DDR sei eine Fahrt auf manchen Gewässern nur mit solch einem Schein erlaubt gewesen, sie wollte Boot fahren, also legte sie die Prüfung ab. "Ich war dann auch Kassiererin des Angelvereins". Die Sportler lachen. Das kommt besser an als eine Leistungssportreform.

Hinter der Kanzlerin fällt das Plakat zu Boden, auf dem "Bundesleistungszentrum Kienbaum" stand, auf dem zweiten Plakat ist jetzt der neue Name zu lesen: "Olympisches und Paralympisches Trainingszentrum für Deutschland". Angela Merkel lobt also wieder die Einheit in Kienbaum, diesmal die zwischen Sportlern mit und ohne Behinderung. Sie übergibt Max Rendschmidt den sogenannten Kienbaum Award, mit dem das Trainingszentrum Sportler ehrt, die ein besonders gutes Vorbild abgeben. Ziemlich schwer scheint die Trophäe zu sein, als Merkel sie in den Händen hält, sagt sie: "nicht gerade Kanu-like". Aber der Athlet müsse ja sicher auch einmal Krafttraining machen.

© Sz.de/schm/dd

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