WM 2006:Beckenbauers neue Merkwürdigkeiten

  • Franz Beckenbauer soll als Chef des Organisationskomitees der WM 2006 in Deutschland 5,5 Millionen Euro verdient haben.
  • Dabei soll es sich um ein Werbe-Honorar des Wettanbieters Oddset aus einem Sponsorendeal handeln - doch warum schloss Beckenbauer keinen separaten Vertrag?
  • Auch die Rolle der damals verantwortlichen DFB-Funktionäre ist unklar.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Frankfurt

Seit Beginn der Affäre um die WM 2006 mimt Franz Beckenbauer den ahnungslosen Fußball-Kaiser, der auch von der größten Merkwürdigkeit nichts mitgekriegt haben will. Realistisch besehen, rückt er rasant ins Zentrum des multiplen Finanzskandals. Er war Chef des Organisationskomitees (OK), und er signierte kurz vor der Turnier-Vergabe durch den Fußball-Weltverband (Fifa) einen mysteriösen Vertrag mit dem skandalumtosten Wahlmann Jack Warner. Zudem war er Mitinhaber eines Kontos, von dem anno 2002 die vielen Transaktionen begannen, an deren Ende unter Mithilfe von Ex-Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus zehn Millionen Franken in Katar landeten - für einen Zweck, der weiterhin völlig ungeklärt ist.

Jetzt tauchen weitere zweifelhafte Vorgänge um Beckenbauer und die WM 2006 auf. Solche, bei denen es um seine persönlichen Interessen geht. Denn der OK-Chef Beckenbauer, der stets beteuerte, dieses Amt ehrenamtlich auszuüben, erhielt ein üppiges Honorar über 5,5 Millionen Euro vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Am Dienstag bestätigte der Verband diese Zahlung der SZ, zunächst hatte der Spiegel darüber berichtet. Demnach erhielt Beckenbauer das Geld zwischen Februar 2005 und Oktober 2006 in fünf Raten. Ebenso erklärte der DFB, dass die Millionen erst vier Jahre später nach einer Betriebsprüfung des Finanzamts Frankfurt Ende 2010 versteuert wurden.

Sechs Förderer zahlten je zwölf Millionen Euro

Der Verband zahlte im Dezember 2010 zirka 1,16 Millionen Euro Abzugssteuer, im März 2011 erstattete Beckenbauer gemäß Verbandsangaben das Geld "bis auf den Cent genau". Beckenbauers Management äußerte sich auf Anfrage zunächst nicht zu diesem Thema. Integriert wurde der Deal nach Aktenlage interessanterweise in den damaligen Sponsorenvertrag des OK mit dem Wettanbieter Oddset. Vor der WM waren sechs große deutsche Firmen als nationale Förderer angetreten, jeder von ihnen zahlte zirka zwölf Millionen Euro. Im Fall des Glücksspielbetriebs Oddset gab es aber noch eine Sondervereinbarung. Laut DFB habe Beckenbauer Werbeleistungen für Oddset erbracht und sei dafür an den Erlösen des Verbandes aus dem Vertrag beteiligt worden.

Der Vorgang dürfte nun auch die zahlreichen Behörden interessieren, die sich mit den Fragwürdigkeiten rund ums Sommermärchen beschäftigen. Insbesondere gilt das wohl für die Staatsanwaltschaft in Frankfurt, die seit fast einem Jahr wegen des Verdachts auf schwere Steuerhinterziehung gegen Beckenbauers damalige OK-Vizepräsidenten Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger ermittelt. Kern dieses Verfahrens ist, dass in der Steuererklärung fürs WM-Jahr eine Überweisung über 6,7 Millionen Euro aus dem April 2005 wahrheitswidrig als Beitrag zur Eröffnungsgala deklariert wurde. Tatsächlich floss das Geld an Louis-Dreyfus, um dessen Darlehen aus dem Jahr 2002 auf die diskrete Tour zu tilgen.

DFB-Funktionäre wollen "nie etwas gehört" haben

Allerdings wirft der nun bekannt gewordene Vorgang nicht nur Fragen an Beckenbauer, sondern auch an den DFB und die seinerzeit Verantwortlichen auf. So führt die Konstruktion dieser Honorarzuteilung zu der Frage, warum es nicht zwei separate Verträge gab, einen mit Beckenbauer und einen mit dem Verband. Ebenso wäre zu untersuchen, ob der Marktwert von Beckenbauers Auftritten dem Honorar entsprach. Zudem stellt sich auch hier die übliche Frage, wer wann von was wusste - und wer an der üppigen Entschädigungsvereinbarung beteiligt war. Irgendjemand muss Beckenbauer das Geld ja angewiesen haben.

Die SZ hatte schon in der Vorwoche verschiedene Funktionäre mit der Information über die 5,5-Millionen-Transaktion an Beckenbauer konfrontiert. Ein hohes aktuelles Präsidiumsmitglied sagte, er wisse von Oddset-Vereinbarungen, hätte aber von einer Überweisung in dieser Höhe nie etwas gehört. Auch ein Beschuldigter im Frankfurter Strafverfahren hatte "die Zahl 5,5 Millionen nie gehört". Nun sagt der DFB, die Kanzlei Freshfields, die nach Ausbruch der Affäre durch eine Spiegel-Recherche im Herbst 2015 mit Ermittlungen beauftragt wurde und im März einen Bericht vorlegte, habe die Zahlung überprüft und nicht beanstandet. Nur, hätte nicht auch so eine Information in einen Report über die Fragwürdigkeiten rund um die WM 2006 gehört?

© SZ vom 14.09.2016/ees
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