Sportpolitik Ausschluss unwahrscheinlich

Russland muss trotz Verfehlungen offenkundig keine erneute Suspendierung seiner nationalen Anti-Doping-Agentur Rusada befürchten.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Russland muss trotz der verspäteten Übergabe von Labordaten und eines Verstoßes gegen die Auflagen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada offenkundig keine erneute Suspendierung seiner nationalen Anti-Doping-Agentur Rusada befürchten. Wie die SZ erfuhr, verzichtet die formal unabhängige Kontrollkommission in ihrem Bericht an den Wada-Vorstand auf eine entsprechende Empfehlung. An diesem Dienstag entscheidet der Vorstand um den umstrittenen Präsidenten Craig Reedie über diese Frage.

Der Verzicht auf eine Sanktion gegen Russland wäre die nächste bemerkenswerte Entwicklung in der langen Dopingcausa. Im November 2015 war die Rusada im Zuge der Staatsdopingaffäre suspendiert und erst im September 2018 wieder zugelassen worden. Dies geschah aber unter Auflagen: Dazu zählte, dass Russland der Wada bis zum 31. Dezember Zugang zu den Informationen der sogenannten Lims-Datenbank verschaffen sollte. Darin enthalten sind alle Testdaten des Moskauer Labors zwischen Januar 2012 und August 2015; das Labor spielte über Jahre eine Schlüsselrolle bei der Manipulation von Dopingproben. Experten erhoffen sich von diesen Daten viele relevante Informationen, um Doper überführen zu können.

Die Daten aus Moskau kamen zu spät. Der Inado-Chef fordert, dass das Konsequenzen hat

Doch bis zur Deadline erhielt die Wada keinen Zugriff auf die Daten. Eine Expertengruppe musste kurz vor Jahreswechsel gar ergebnislos aus Moskau abreisen. Erst Mitte vergangener Woche meldete die Wada, dass sie die Daten habe sichern können. Der Vorgang ist also ein klarer Verstoß gegen die Auflagen, zum wiederholten Mal irritierte Russland in dieser Doping-Affäre mit seinem Verhalten. Doch dem Vernehmen nach wurde nach formalen Argumenten gesucht, mit denen sich behaupten lässt, dass die Weitergabe rechtzeitig genug erfolgte, um Sanktionen zu entgehen.

Mehrfach erwiesen sich in den vergangenen Monaten die Wada und insbesondere Präsident Reedie als Russland-freundlich. Zu den Kritikern zählten westliche Anti-Doping-Agenturen, die sich in der Inado zusammengeschossen haben. Wenn eine solche Deadline nicht eingehalten werde, müsse es auch Konsequenzen geben, sagt Inado-Geschäftsführer Graeme Steel der SZ, und der Ausschluss sei die einzige Konsequenz, die auf dem Tisch liege.

Lars Mortsiefer, Vorstand der deutschen Anti-Doping-Agentur, glaubt nicht an einen Ausschluss. Es sei zwar "moralisch fragwürdig" und hinterlasse einen faden Beigeschmack, wenn keine Konsequenzen folgen, teilt er mit. "Aber andererseits ist es rechtlich und tatsächlich schwierig, wegen der Überschreitung der Frist um 18 Tage eine Non-Compliance auszusprechen und zu suspendieren. Wir fordern aber von der Wada, dass es künftig keine Verzögerungen mehr gibt."

Der Entscheid der Wada aus dem September enthält in der Tat eine zweite Auflage. Demnach muss Moskau gewährleisten, dass jede geforderte Nachuntersuchung einer Probe bis zum 30. Juni 2019 erfolgt. Angesichts der bisherigen Ablaufs der Causa wäre es allerdings schwer verwunderlich, wenn dies komplikationslos klappen würde.