Sportler des Jahres:Die Helden werden auch dafür geehrt, dass sie im Bild waren

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Sportler des Jahres: Protagonisten großer Sommersportmomente: Eintracht-Präsident Peter Fischer, Sprinterin Gina Lückenkemper und Zehnkämpfer Niklas Kaul (von links nach rechts) nehmen die diesjährigen Preise in Empfang.

Protagonisten großer Sommersportmomente: Eintracht-Präsident Peter Fischer, Sprinterin Gina Lückenkemper und Zehnkämpfer Niklas Kaul (von links nach rechts) nehmen die diesjährigen Preise in Empfang.

(Foto: Uwe Anspach/dpa)

Die Auszeichnung erzählt eine Menge über die Hierarchie im deutschen Fernsehsport. Olympiasiege reichen nicht gegen eine rauschhafte Multisport-EM zur besten Sendezeit.

Kommentar von Johannes Knuth

Es ist noch gar nicht so lange her, da saßen sie auf einem Podium, die frisch prämierten Sportlerinnen und Sportler des Jahres, und waren peinlich berührt. Für den Preis der Männer hatten sich damals einige Kandidaten aufgedrängt, Eric Frenzel und Felix Loch waren 2014 Olympiasieger geworden, nur als kleine Referenz. Die meisten Stimmen der (zumeist männlichen) Sportjournalisten flogen dann aber wieder einem alten Bekannten zu: Robert Harting, der gerade Europameister im Diskuswurf geworden war, an einem regnerischen Abend im Zürcher Letzigrund.

Es sei ein "Armutszeugnis", dass "ein Europameister aus dem Sommer anscheinend mehr wert ist als ein Olympiasieger aus dem Winter", tadelte Maria Höfl-Riesch, die es damals immerhin auf das Podium geschafft hatte, als Alpin-Olympiasiegerin und Sportlerin des Jahres. Ihre Meinung teilten so ziemlich alle Sportler und Ex-Sportler bei der Gala in Baden-Baden, auch der neue Sportler des Jahres: "Ich schäme mich ein bisschen", sagte Harting damals, "in der Hierarchie von uns Sportlern kommt Olympia immer zuerst." Und jetzt?

Athleten wie Lückenkemper sind erfolgreich - und bleiben im Gedächtnis

Sprinterin Gina Lückenkemper, Zehnkämpfer Niklas Kaul und die Fußballer von Eintracht Frankfurt, die diesjährigen Gewinner, haben zweifellos Hervorragendes geleistet. Sie sind Inhaber von EM-Gold (Lückenkemper, Kaul), WM-Bronze (Lückenkemper mit der Sprintstaffel) und der zweitwichtigsten Trophäe des europäischen Klubfußballs, der Europa League (die offenbar mehr zählt als Platz zwei der Fußballfrauen oder Platz drei der Basketballer bei Europameisterschaften, aber gut). Sie haben sich, jede und jeder auf ihre und seine Weise, auch als "Vorbilder" verdient gemacht. (Die Preisausschreibung fordert etwas wolkig eine "überragende Leistung mit oder ohne Medaille.") Zugleich erzählte die diesjährige Gala in Baden-Baden auch mal wieder eine Menge über die Hierarchie des deutschen Fernsehsports.

Das Fernsehen hievt seine Helden ins Bild, dann werden die Helden auch dafür geehrt, dass sie im Bild waren, schrieb die SZ anlässlich Hartings Sieg vor acht Jahren. Der einstige Diskuswerfer war immer maßgeschneidert für diese Bilderwahl, er war erfolgreich und blieb jedem im Gedächtnis. Harting irritierte und faszinierte, er zerriss nach Erfolgen sein Trikot entzwei; einmal sprang er im Siegesrausch über die Hindernisse, die für den Hürdensprint der Frauen aufgebaut waren. Das hatte die Anmut einer Giraffe mit Rheuma im Frühstadium, aber es waren verdammt gute Bilder; zumal in einem Gewerbe, in dem PR-Doktoren und Manager den Athleten gerne mal ein paar Kanten weghobeln.

Lückenkemper passt in dieses Schema, wenn auch ganz anders als Harting. Sie ist flink mit Beinen und Mund, sie tadelt in den sozialen Medien die Förderpolitik des deutschen Sports und informiert über das Lieblingskuscheltier ihres Dackels, auf einem eigenen Kanal. Von den Olympiasiegern - Johannes Ludwig, Denise Herrmann-Wick, Natalie Geisenberger, Vinzenz Geiger, Christopher Grotheer, Hannah Neise, Katharina Hennig, Victoria Carl, Tobias Wendl, Tobias Arlt, Francesco Friedrich und Laura Nolte samt Bob-Crews - weiß man in erster Linie, dass sie beim Sport eine Wurstpelle tragen und im Februar Gold bei einem Sportereignis gewannen, das am deutschen Morgen stattfand - in einem Land, das mit Mega-Events davon ablenkt, dass es Menschen in Lager sperrt.

Das reicht dann eben nicht gegen eine rauschhafte Multisport-EM zur besten Sendezeit. "Wir hatten in diesem Jahr mit München einfach Glück", sagte Niklas Kaul, der neue Sportler des Jahres. Für die Kollegen aus dem Winter, sagte Kaul, tue es ihm "einfach leid".

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