Sportler des Jahres Ehrenhennes und eine Mahnung

Bei der Kür der Sportler des Jahres lassen sich die Probleme der Branche nicht länger ausklammern: Auch in Baden-Baden geht es um Doping und die Reform des Leistungssports.

Von Johannes Aumüller, Baden-Baden

Irgendwie hat es dieser raffinierte Fußball doch noch geschafft. Der Fußball und die Baden-Badener Sportlerkür - das ist ein Klassiker, weil die Spitzenvertreter der beliebtesten Sportart zwar häufiger eine Auszeichnung erhalten, aber ebenso häufig nur mit überschaubaren Abordnungen zur Ehrung erscheinen. Diesmal sieht es also so aus: Die Fußball-Männer sind nicht da, weil ihr Olympia-Silber nur Platz vier in der Mannschaftswertung bringt. Die Fußball-Frauen (Gold in Rio) kommen als Drittplatzierte mit einer Siebener-Abordnung plus Trainerteam auf die Bühne. Und dann mogelt sich noch eine prägende Gestalt der Kickerbranche in einen zentralen Teil der Veranstaltung. Es ist: Geißbock Hennes VIII., das Maskottchen des 1. FC Köln.

Ovationen für die Sieger - da werden Erinnerungen an Birgit Fischer wach

Nun gut, der echte Hennes ist es nicht, aber eine lebensgroße Nachbildung. Einen Preis bekommt er auch nicht, obwohl er den Titel "Maskottchen des Jahres" schon länger verdient hätte. Der Geißbock ist lediglich das Präsent für den Turner (und Köln-Fan) Fabian Hambüchen, der mit großem Abstand die Wahl zum Sportler des Jahres gewinnt. Vor neun Jahren hat er den Preis schon mal bekommen, im Sommer gelang ihm in Rio de Janeiro endlich der lange erträumte Olympiasieg am Reck.

Vom Publikum gibt's dafür Ovationen, ebenso wie später für die anderen Preisträger, die Tennisspielerin Angelique Kerber und das Beachvolleyball-Team Laura Ludwig/Kira Walkenhorst. Der Veranstalter Klaus Dobbratz ist darüber ganz verzückt, denn dass sich der Baden-Badener Bénazet-Saal geschlossen erhebt, habe es seit Birgit Fischer nicht mehr gegeben - die Kanutin und achtmalige Olympiasiegerin gewann 2004.

Dieses Jahresabschlusstreffen im Kurhaus folgt nun seit 70 Jahren einem ziemlich klaren Konzept. Die Sportjournalisten wählen drei Preisträger. Der Sport kommt und feiert sowohl die Preisträger im Speziellen wie auch sich selbst im Allgemeinen: erst in einem offiziellen Teil, den das ZDF aufnimmt und ausstrahlt, dann noch mehr in einem inoffiziellen Teil, den das ZDF aus guten Gründen nicht ausstrahlt. Und gerade in Jahren mit Olympischen Sommerspielen wie 2016 gibt es gemeinhin Anlass für den einen oder anderen Drink.

Fünf Ringe auf dem Handy: Fabian Hambüchen beim Selfie mit Angelique Kerber und Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg (von links).

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty)

Zur schlechten Tradition der Gala gehört es auch, zwischen gebratener Wachtelbrust auf geliertem Zwiebelconfit und brasilianischem Rinderfilet an Pfefferglace die heiklen Themen der Sportindustrie großzügig zu umschiffen. Aber weil der Dopingdampfer inzwischen so groß ist, lässt er sich eben selbst für eine feiernde Sportgemeinde nicht mehr ignorieren. So kommt dann neben den emotionalen Videoschnipseln über die erstaunlichen Lebens- und Jahresverläufe von Hambüchen, Kerber und dem Beach-Duo auch mal ein ernster Beitrag über russisches Staatsdoping und das Versagen des Internationalen Olympischen Komitees.

Es sind nur ein paar Minuten. Aber immerhin: So viel Sportschmutz gab es bei der Sportlerkür in den 69 Jahren zuvor wohl zusammen nicht zu sehen. Moderator Rudi Cerne merkt noch an, dass womöglich bald wieder olympische Medaillen umzuverteilen sind, die nächstes Jahr mit der Weihnachtspost kämen. Und weil Doping bekanntlich kein auf Russland begrenztes Phänomen ist, lohnt in diesem Moment die Überlegung, ob denn unter den nun klatschenden Händen in Baden-Baden auch solche sind, die ihrerseits bis Weihnachten 2017 etwas zurückzugeben haben.

Eine jede Jahresabschlussgala hat zudem drei Fragen zu klären. Die erste: Wie hältst du's mit den Fußballern? Antwort siehe oben. Frage Nummer zwei: Sind denn auch alle Ausgezeichneten da? Antwort: nicht alle, aber doch sehr viele. Die Zeit, in der bei den Männern aus dem Sieger-Trio gar keiner erschien oder Diskuswerfer Robert Harting als einziger auftauchte, scheint vorbei zu sein. Sogar Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg ist dieses Mal gekommen, was eher untypisch ist für prämierte Motorsportgrößen - auch wenn Rosberg ebenso wie Kerber bald verschwunden ist, als der inoffizielle Teil des Abends beginnt.

Frage Nummer drei schließlich: Haben die Ausgezeichneten auch noch etwas mitzuteilen, was über die verdienten Feierstunden hinausgeht? Die ganz kesslippigen Statements entfallen dieses Mal, weil die Leichtathleten Robert Harting (Sieger 2012 - 2014) und Christina Schwanitz (Siegerin 2015) nicht unter den Geehrten sind. Aber auch Turner Hambüchen ist mit der Gabe des klaren Wortes ausgestattet, und so sendet er angesichts der tiefgreifenden Reform, die im deutschen Leistungssport ansteht, eine kleine Mahnung an die Sportfunktionäre. "Kein Schwein weiß, wo das Geld ankommt", sagt Hambüchen über das Sportfördersystem; die Reform gehe in die richtige Richtung, wenn sie Athleten und Trainer individueller unterstützen wolle. Aber die Funktionäre müssten die Sportler mehr zu Wort kommen lassen und diese ernster nehmen.

Hambüchen selbst wird damit nicht mehr viel zu tun haben. Seine internationale Karriere ist vorbei, auch wenn der 29-Jährige sich in Baden-Baden ein Rückkehr-Fensterchen offenließ. Aber fürs Erste ist er ohnehin damit beschäftigt, sich um diverse Geschenke zu kümmern. Seit seinem Olympiasieg in Rio wartet er darauf, dass ihm wie versprochen das goldbringende Reck geliefert wird. Aber das zieht sich, der Zoll macht offenkundig Probleme. Wenn das so weitergehe, müsse er wohl noch mal nach Brasilien fliegen, teilt Hambüchen mit. Der Transport des Geißbocks geht da flotter, der lässt sich einfach ins Auto packen. Und Widerspruch von Familienmitgliedern bezüglich des Aufstellungsortes steht laut Hambüchen auch nicht zu erwarten: "Meine Freundin freut sich über die Deko. Es wird Wahnsinn."