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Sporthistoriker:Der Taucher

Udo Luy

"Was ich nicht habe, das gibt es eigentlich nicht." - Udo Luy in seinem Archiv in Kleinrinderfeld im Landkreis Würzburg. Bislang hat er elf Bücher veröffentlicht.

(Foto: Privat)

Udo Luy hat sich den Anfängen des deutschen Fußballs verschrieben. Er erfasst Aufstellungen, Ergebnisse und Tabellen, die über hundert Jahre alt sind.

Von Sebastian Leisgang

Früher hat Udo Luy Schmetterlinge gesammelt. Nach rund 30 Jahren hatte er etwa 70 000 Exemplare beisammen, sämtliche Unterarten, die es zu dieser Zeit in Europa gab, Bläulinge und Tütenfalter. Um seine Sammlung fortzuführen, hätte er andere Kontinente bereisen und dafür in ein Flugzeug steigen müssen, und Flugzeuge mag Luy nicht.

Jetzt sitzt Luy, 72, auf einem Schreibtischstuhl in seinem Büro in Kleinrinderfeld, einer Gemeinde knapp 20 Kilometer südwestlich von Würzburg. In den Schränken stehen mehr als 200 Ordner. Sie sind das Ergebnis penibler Recherchen und dokumentieren die Anfänge des deutschen Fußballs, Luys Lebensthema der vergangenen zehn Jahre. Die Ordner sind ebenso akkurat angeordnet wie die Linien auf dem blau-weiß-karierten Hemd, das Luy trägt.

"Was ich nicht habe, das gibt es eigentlich nicht", ruft Luy, steht auf, läuft um seinen Schreibtisch herum und holt eines seiner elf Bücher, die er bislang veröffentlicht hat. Es ist ein Augenblick, in dem sich eine Menge über Luy lernen lässt, weil der Augenblick eine Menge über den Menschen Udo Luy aussagt.

Dem Premier-League-Klub Tottenham half Luy unlängst mit Daten aus dem Jahr 1912

Luy schlägt eine Seite auf, Saison 1912/13, Gruppe Hamburg-Altona, 6B-Klasse. Im Spielplan steht die Paarung: Eimsbütteler TV 1889 XIII gegen den Altonaer FC 1893 XIII, das Duell zweier 13. Mannschaften. "Das interessiert eigentlich keine Sau", sagt Luy, "aber ich habe es trotzdem erfasst." Er lächelt. Es ist ein triumphales Lächeln. Mag sein, dass es vollkommen unerheblich ist, wie Eimsbüttel XIII vor mehr als hundert Jahren gegen den Altonaer FC XIII gespielt hat, aber er, Luy, er weiß trotzdem, wie es ausgegangen ist an diesem 8. Dezember 1912 - 3:1 für Eimsbüttel XIII.

3:1. Es ist ein Resultat, das, für sich betrachtet, nichts bedeutet, im Kontext aber ist es alles.

Das Große und das Kleine, das ist ein zentrales Thema für Luy. Er geht zurück zu seinem Schreibtisch, setzt sich wieder und sagt: "Es ist wie Briefmarkensammeln. Du kriegst zwei geschenkt - dann willst du gleich die ganze Welt sammeln." Ende der Fünfziger bekam er keine Briefmarken geschenkt, sondern ein altes Fußballheft, das seine besten Tage längst hinter sich hatte. Darin: die Meisterschaften seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Luy, ein gebürtiger Nürnberger, stieß auf das Endspiel 1921 zwischen dem 1. FC Nürnberg und Vorwärts Berlin. "Mich hat interessiert, gegen wen die vorher gespielt haben, aber bei Vorwärts Berlin habe ich nichts gefunden. Das hat mich geärgert", sagt Luy, "aber als junger Kerl konnte ich nirgends hinfahren, um zu recherchieren."

Erst im Jahr 2000, als er alle europäischen Unterarten in seiner Schmetterlingssammlung hatte, da kam er wieder zurück auf den Fußball. Luy arbeitete damals als Großhandelskaufmann, nahm sich Urlaub, fuhr nach Köln, buchte sich ein Hotelzimmer und pendelte dann eine Woche lang zwischen Unterkunft und Sporthochschule, um sämtliche Sportzeitungen einzuscannen. Weil er zu keinem Ende kam, fuhr er in den nächsten Jahren immer wieder nach Köln, allerdings auch nach Leipzig, Berlin, München, Erlangen, Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe und Hamburg. "Ich glaube, ich war überall", sagt Luy und hält noch mal kurz inne: "Nur nicht in Greifswald. Die haben noch was über den Fußball in Ostpreußen, aber nur aus den Dreißigern, das interessiert mich weniger."

Zunächst mal will er ja den Fußball vor dem Ersten Weltkrieg erfassen. Nur Westdeutschland und Berlin fehlen noch, die anderen fünf der damaligen sieben Verbände hat er schon aufgearbeitet: gewissenhaft recherchiert, zusammengetragen, in eine Ordnung und dann in Büchern unter die Leute gebracht. Aber: Luy hat die meisten Dinge auch im Kopf.

Luy ist ein ewig Suchender, er wird nie ankommen - denn der Fußball ist unerschöpflich

Ein Test. Ein beliebiges Buch aus seinem Schrank, eine beliebige Seite, Saison 1909/10, Klasse 1 in Ostsachsen. Welche Klubs sind in der Tabelle gelistet? Luy überlegt einen Moment, dann zählt er auf: Dresdener SC 1898, Dresdner FC von 1893, Dresdner SV 1902 Guts Muts, BC Sportlust 1900 Dresden. Vier Vereine hat er parat. Vier von sechs.

Im Grunde ist Luy ein Taucher. Er stürzt sich hinein in das, was da vor ihm liegt, er weiß nicht, was ihm auf dem Weg in die Tiefe begegnet; wenn er aber weiter und weiter vordringt, gelangt er irgendwann an den Grund, und manchmal ist der Grund eben das Ergebnis des Spiels zwischen Eimsbüttel XIII und dem Altonaer FC XIII.

Er könne zwar nicht ausschließen, sagt Luy, dass sich in einer kleinen Bibliothek in Bremerhaven oder anderswo vielleicht noch etwas finde, was nicht in einem seiner Bücher stehe, er habe seine Recherche aber stets auf die amtlichen Unterlagen gestützt. "Ich könnte das Internet und die Vereinschroniken in Massen berichtigen", sagt Luy, "aber dafür ist mir meine Zeit zu schade." Er hat ja auch so genug zu tun, Montag bis Sonntag, Tag für Tag, nie weniger als acht Stunden. All das aus einem Grund: um etwas zu schaffen, das bleibt, etwas Überdauerndes. Und auch: um Leuten zu helfen, die ihn um seine Hilfe bitten.

Eines Morgens, ein paar Monate her, erhielt Luy eine Nachricht aus London. Ein Mitarbeiter des Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur suchte nach Daten zu einer Deutschland-Reise aus dem Jahr 1912. Damals spielten die Spurs in Leipzig und in Hamburg. "Ich habe die Aufstellungen und Ergebnisse gefunden", sagt Luy, dreht sich auf seinem Schreibtischstuhl um und holt ein Heft aus einem Schrank: das Programmheft, das Tottenham im vergangenen Februar zum Champions-League-Spiel gegen RB Leipzig herausgegeben hat. Auf Seite 81 findet sich ein Dank an ihn, Luy.

Der 1. FC Nürnberg, der BC Sportlust 1900 Dresden und Tottenham - der Fußball ist unerschöpflich. Für Luy bedeutet das: Er ist ein ewig Suchender. Er wird nie ankommen, Luy weiß das. Ist das nicht deprimierend? Macht es nichts mit ihm, zu wissen, dass er zwar Detail um Detail finden, das große Ganze am Ende aber nicht fertigstellen kann?

Luy denkt einen Moment nach, dann meint er: "Ich suche schon seit Jahren einen jungen Mann, der meine Arbeit weiterführt, wenn ich sie irgendwann nicht mehr selbst machen kann." Kurze Pause, dann sagt er: "Was ist denn mit Ihnen? Sie könnten das doch machen. Könnten Sie sich das nicht vorstellen?"

© SZ vom 01.08.2020
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