Sportfreunde Lotte Der Albtraum verwöhnter Fußballprofis

1860 München ist abgehakt, jetzt konzentriert sich Lotte schon darauf, auf seinem Acker Dortmund ein Bein zu stellen.

Von Ulrich Hartmann, Lotte

Am Donnerstag wagte endlich auch der Trainer Ismail Atalan an das Fußballwunder zu glauben. Er las es in der Zeitung und vernahm es aus dem Radio. Dort hörte er sich selbst sagen: "Ich glaube das erst, wenn ich es in der Zeitung lese und im Radio höre." So hatte Atalan es am Abend zuvor gesagt, nach einem 2:0 gegen 1860 München. Atalans Klub heißt Sportfreunde Lotte. Die westlich von Osnabrück gelegene Stadt hat 14 000 Einwohner. Der Verein hat 1400 Mitglieder. Ins Stadion passen 10 000 Zuschauer. Lotte ist Siebter in der dritten Liga. Im DFB-Pokal aber haben die Westfalen nach die Erstligisten Werder Bremen (2:1) und Bayer Leverkusen (4:3 im Elfmeterschießen) nun den Zweitligisten TSV 1860 ausgeschaltet. Die Auslosung in der Nacht zum Donnerstag bescherte Lotte fürs Viertelfinale am 28. Februar ein Heimspiel gegen Borussia Dortmund. Der BVB wird mit klassischen Pokalfaktoren zu kämpfen haben: mit einer Kabine wie in einer alten Turnhalle, mit einem engen Stadion, einem hitzigen Publikum, leidenschaftlichen Sportfreunden und vor allem mit einem Fußballrasen, der gar keiner ist.

Auch die Löwen zerzaust: Pokalschreck Lotte (rechts Matthias Rahn neben Christian Gytkjaer) bestätigte seinen Ruf auch gegen 1860 München.

(Foto: Christina Pahnke/Sampics)

Lottes Platz ist schon unter normalen Umständen in der dritten Liga umstritten. Er ist uneben, tief und hat einen übersichtlichen Grasbewuchs. In der Nacht zum Mittwoch hatte es im Tecklenburger Land stark geschneit. Der Platz sah am Morgen vor dem Spiel gegen 1860 aus, als könnte man darauf einen Skilanglauf austragen. Eine Rasenheizung gibt es nicht. Knapp 100 freiwillige Helfer räumten den Schnee weg, am Abend blieb ein graubrauner Matsch übrig, auf dem den Münchnern kaum ein präziser Pass gelang. Der Sechzig-Trainer Vitor Pereira sagte: "Wir haben gegen eine gute Mannschaft verloren - und gegen den Platz." Als Atalan gefragt wurde, ob der wichtigste Heimvorteil seiner Elf dieser Platz sei - ein brachialer Boden, auf dem keine andere Elf so zu spielen vermag wie seine eigene -, verzog er das Gesicht. "Als Fußballprofi sollte man schon in der Lage sein, auch auf diesem Platz vernünftig zu spielen", antwortete er.

Knapp 100 freiwillige Helfer ersetzten am Mittwoch mit Schaufeln und Schubkarren die fehlende Rasenheizung.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Tatsächlich ist Lotte in der dritten Liga durchaus kein Heimbollwerk. Lotte hat in der Liga bereits fünf Heimspiele verloren, aber besser bezahlte Vollprofis aus Bremen, Leverkusen und München wurden hier von ihnen gedemütigt. Lotte ist der Albtraum verwöhnter Fußballprofis, weil hier im Winter überhaupt nichts angenehm ist. Daran sind auch die Münchner Löwen gescheitert. Sie haben den Ball von hinten immer ganz weit nach vorne gedroschen und gedacht, dort vorne könnten sie die Lotter mit ihrer individuellen Qualität schon ausspielen. Aber das war ein Trugschluss. Lotte spielt schnell und gewitzt. Atalan hat einst in Dortmund und Leverkusen hospitiert und Ende 2014, als er Trainer in Lotte wurde, seinen Beruf als Versicherungs- und Bürokaufmann aufgegeben. Er mag den Pressingfußball von Jürgen Klopp und Roger Schmidt. Lottes Sieg hätte sogar höher ausfallen können.

Für Höheres bestimmt? Lottes Trainer Ismail Atalan rückt in den Fokus namhafter Profiklubs.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Der Einzug ins Viertelfinale hat den Lottern schon jetzt mehr als zweieinhalb Millionen Euro eingebracht und ist der größte Erfolg der Sportfreunde. Nach acht Jahren in der Regionalliga waren sie im vergangenen Jahr erstmals in die dritte Liga aufgestiegen, mit einem Erfolg in den Aufstiegs-Playoffs gegen Waldhof Mannheim. Schon 2013 hätten sie diesen Aufstieg beinahe geschafft und damit RB Leipzig an seinem Triumphzug gehindert. Unter dem Trainer Maik Walpurgis, heute FC Ingolstadt, scheiterte Lotte damals erst in der Verlängerung des Rückspiels. Unter Atalan und mit riskantem Offensivfußball gelang dieser Aufstieg nun doch. Durch die Erfolge in der Liga und im Pokal rückt der junge Trainer in den Fokus namhafter Profiklubs. Er macht gerade seinen Fußballlehrerschein. Die Arbeit in Lotte ist ein exzellenter Praxisteil für all die graue Theorie.

Atalan will nichts wissen von Wettbewerbsvorteilen durch schlechte Bodenverhältnisse und ungünstige Umstände. "Das ist eine Mentalitätsfrage", sagte er, "man darf nicht jammern, sondern muss immer Gas geben." Und das tun seine Spieler auch. "Wir haben einen Plan", sagt Atalan, "jeder weiß, wann er sprinten und wann er Tempo rausnehmen muss." Zum Beispiel Kevin Freiberger. Der 28-jährige Flügelstürmer ist mit acht Treffern Lottes erfolgreichster Torschütze in der dritten Liga und hat gegen Sechzig das Tor zum 2:0 geschossen. Freiberger ist in seiner Karriere nirgendwo so richtig glücklich geworden. Er hat in Verl, Bochum, Burghausen, Essen und Osnabrück gespielt und ist jetzt schon zum zweiten Mal in Lotte. Dort hat er sich in dieser Saison zu einem der besten Offensivspieler der dritten Liga gemausert. Jedes Mal, wenn er oder einer seiner Kollegen ein Tor schießt, brüllen die Lotter Fans drei Mal nacheinander "Volle! Lotte!"

Auch gegen Dortmund wollen sie das Ritual möglichst oft zelebrieren. "Ich hätte mir eigentlich einen leichteren Gegner gewünscht", sagt Atalan. "Aber wir sind auch gegen Dortmund nicht chancenlos - wir spielen auf Sieg."