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Sportförderung:"Sportler haben den Kopf nicht nur für Medaillen"

Als Chef der Sporthilfe hat Michael Ilgner die Athletenförderung umgekrempelt: Ein Gespräch über Geld, Werte und Höchstleistung - und seinen eigenen neuen Job als Personalchef der Deutschen Bank.

Interview von Johannes Aumüller und Claudio Catuogno

Fast 15 Jahre lang war der frühere Wasserball-Nationalspieler Michael Ilgner, 48, eine prägende Figur bei der Stiftung Deutsche Sporthilfe - seit 2010 war er der erste hauptamtliche Vorstandsvorsitzende der traditionsreichen Institution. Die Sporthilfe - 1967 gegründet und lange geführt von Josef Neckermann - ist im deutschen Sportsystem für die direkte Unterstützung der Spitzenathleten zuständig. Im vergangenen Jahr konnte sie rund 22 Millionen Euro an Athleten ausschütten. Michael Ilgner hat die Sporthilfe konsequent umgebaut: Statt vor allem Prämien für gewonnene Medaillen zu vergeben, stehen inzwischen Themen wie Werte, Glaubwürdigkeit und duale Karriere im Mittelpunkt. Nun endet Ilgners Zeit bei der Stiftung. Am 1. März wird er Personalchef bei der Deutschen Bank und damit zuständig für rund 90 000 Mitarbeiter. Ein Gespräch über Herausforderungen.

SZ: Herr Ilgner, vom Sport zur Bank: Haben Sie die neue Staffel "Bad Banks" im ZDF schon angeschaut?

Michael Ilgner: Ich bin mittendrin, also bitte verraten Sie mir jetzt keine Details.

Die Serie zeichnet ein ziemlich menschenverachtendes Bild vom Finanzsektor. Fühlen Sie sich jetzt gut vorbereitet oder auch ein bisschen abgeschreckt?

Ich habe mir auch schon die erste Staffel angesehen, das ist eine spannende, zu Recht preisgekrönte TV-Serie, die die Dinge natürlich zuspitzt. Aber auch das gehört dazu, mich mit diesem Bild vom Bankengeschäft auseinanderzusetzen.

Immerhin bringen Sie eine gewisse Erfahrung mit, weil der Sport auch ein Haifischbecken ist und es für Sie als Wasserballer davor auch schon eine Kernkompetenz war, mit harten Bandagen zu kämpfen. Wasserball tut auch mal weh.

Zu den vielen Dingen, die ich als Wasserballer gelernt habe, zählt diese Erkenntnis: Je hochklassiger man spielt, desto weniger lässt man sich von Angst leiten, vor Tiefschlägen des Gegenspielers, vor Verletzungen. Man konzentriert sich einfach auf seine Leistung, auf das Spiel an sich.

Aber das wird doch eine ganz andere Welt. Bis jetzt 40, künftig 90 000 Mitarbeiter; bis jetzt ein Fördervolumen von circa 22 Millionen Euro, künftig allein ein Boni-Pool in Milliardenhöhe.

Die neue Aufgabe knüpft ja an das an, was ich vor der Sporthilfe gemacht habe. Ich bin Wirtschaftsingenieur, ich habe mich in meinen ersten Berufsjahren mit Restrukturierungsfragen beschäftigt, auch in großen Konzernen. Die DNA der Deutschen Bank ist es seit 150 Jahren, deutsche und europäische Unternehmen in der Welt zu begleiten. Das ist in Zeiten internationaler Desintegration wichtiger denn je, ich sehe das auch als gesellschaftspolitische Aufgabe. Und wenn ich dazu einen verantwortungsvollen Beitrag leisten kann, dann ist das für mich ein riesiger Ansporn. Große Herausforderungen haben mich eigentlich immer mehr gereizt als abgeschreckt.

Soll solch ein Karriereweg auch als Vorbild für andere Athleten dienen?

Wir versuchen ja immer klarzumachen, dass heute Athleten ihren Kopf nicht nur dafür haben, um eine Medaille daran hängen zu können. Nach dieser Prämisse haben wir unsere Förderung bei der Sporthilfe aufgestellt. Es geht uns nicht nur um finanzielle Zuwendungen, sondern auch um Persönlichkeitsentwicklung, um das Thema "Duale Karriere". Viele Sporthilfe-Athleten haben in der zweiten Karriere sehr gute Chancen. Da ist die fachliche Ausbildung immer die Grundlage - aber andere Aspekte, etwa Werteorientierung, kommen hinzu. Ehemalige Athleten bringen oft Erfahrungen mit, die sich außerhalb des Leistungssports kaum erlernen lassen. Insofern gibt es da nicht nur mein Beispiel, sondern ganz viele Beispiele.

Zu Ihrer Zeit als Wasserballer war der Weg zu Fördergeld viel stärker vorgezeichnet: Er führte in die Sportgruppen von Bundeswehr, Bundespolizei oder Zoll. Wäre das für Sie nichts gewesen?

Nein. Ich finde es großartig, dass es diese Fördersysteme gibt, aber sie dürfen nicht die einzige Option sein, Hochleistungssport zu betreiben. Wenn der Sport in der Mitte der Gesellschaft positioniert sein soll, muss er Wege aufzeigen für ganz unterschiedliche Talente. Natürlich muss man als Sportler Einschränkungen hinnehmen. Ich hatte lange den Wunsch, Pilot zu werden - das war mit dem Sport nicht vereinbar. Aber ich hatte dann die Möglichkeit, mein Studienfach frei zu wählen, ich konnte mir aussuchen, was ich wirklich wollte. Das ist ein hohes Gut. Wenn wir die Förderung zu sehr verengen, verlieren wir zu viele Talente. Wir halten es nicht für gut, Athleten in bestimmte Karrierepfade mehr oder weniger hineinzuzwingen, wenn sie eigentlich etwas anderes wollten und könnten.

Wissen Sie noch, wie viel Sie damals von der Sporthilfe bekommen haben?

Das war noch keine monatliche Förderung, wir bekamen Tagegeld. Für jeden Tag, den wir mit dem Nationalteam unterwegs waren, gab es 50 oder 100 Mark. So baute man sich seinen Lebensunterhalt zusammen. Dann kam noch etwas vom Verein dazu ...

... und so konnten Sie Ihr Studium durch den Sport finanzieren.

Das war mir immer wichtig, und darauf war ich auch stolz.

Viele der jüngsten Programme der Sporthilfe klingen, als hätte Sie der eigene Lebensweg inspiriert. Sie haben ein Stipendium für Studenten eingeführt, ein "Eliteforum" oder ein Mentorenprogramm.

Ich dachte schon als Sportler: Wenn ich einen Mentor für die berufliche Entwicklung zur Seite hätte, mit dem ich mich austauschen könnte - das wäre für mich eine fachliche Hilfe, aber auch eine große Motivation. Das haben wir hier im Team dann entwickelt: Wir matchen Athleten mit Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, und es profitieren beide Seiten von so einem Austausch. Das kann als Förderung mehr wert sein als einfach 50 Euro mehr.

Wie viele Sportlerinnen und Sportler fördern Sie derzeit?

Etwa 4000, davon ungefähr 2000 mit einer regelmäßigen monatlichen finanziellen Unterstützung. Die anderen bekommen eine gezielte Projektförderung.

Die Zahl der Sportler, die monatlich etwas bekommen, haben Sie deutlich reduziert. Lief das parallel zur deutschen Spitzensportreform, die ja sehr umstritten ist mit ihrer Konzentration auf Sportarten mit Medaillenpotenzial? Weniger Vielfalt, mehr Medaillen - ist das auch Ihr Prinzip?

Im Gegenteil. Das Bekenntnis zur Vielfalt hat uns immer angetrieben. Wir haben sogar angefangen, neue Sportarten wie Parkour, Skaten oder BMX mit unserer Projektmarke "Our House" zu fördern. Aber Vielfalt heißt ja nicht Gießkanne. Es muss klar sein, dass individuelle Perspektiven und Förderkonzepte vorhanden sind. Wir hatten schon im alten Förderkonzept hinterlegt, dass wir Sportler, die im B-Kader sind, in der Regel nur noch maximal sieben Jahre gefördert werden, weil wir gesagt haben: Die Chance, dass du jetzt noch den Sprung in die Weltspitze schaffst, ist statistisch gesehen gering. Jetzt ist es vielleicht besser, dass du dich auf deine berufliche Entwicklung konzentrierst.

Wiesbaden, RheinMainCongress Center, 01.02.2020, 50. Ball des Sports Wiesbaden im RheinMain CongressCenter, Bild: EroÌÆ

Ein Tänzchen für die Sportförderung: Sporthilfe-Chef Michael Ilgner mit Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo beim Ball des Sports Anfang Februar in Wiesbaden.

(Foto: Jörg Halisch/Imago)

Aber Sie haben das System so geändert, dass nicht mehr vergleichsweise viele Athleten einen vergleichsweise geringeren Betrag bekommen, sondern die einzelnen geförderten Athleten deutlich mehr.

Im Schnitt bekommen die geförderten Athleten jetzt rund 1000 Euro. Und wer zur Weltspitze zählt, sogar noch deutlich mehr. Nehmen Sie zum Beispiel den Ruderer Oliver Zeidler, der ist in allen Programmen, der liegt mit knapp 2500 Euro monatlich auf dem Niveau eines gut ausgestatteten Bundeswehrathleten. Der kann sich jetzt voll auf die Spiele in Tokio konzentrieren. Da wollten wir immer hin.

Es gab in der Vergangenheit oft Klagen, dass Sportler insgesamt zu wenig verdienen. In Ihrer neuesten Erhebung steht, dass die Athleten aus dem höchsten Kader im Schnitt 33 000 Euro brutto im Jahr zur Verfügung haben, von der Sporthilfe und aus anderen Quellen. Das ist nicht weit weg vom deutschen Durchschnittseinkommen. Würden Sie sagen, der Betrag ist jetzt angemessen?

Ja, würde ich sagen. Wir haben da ein gutes Level erreicht. Es wird keiner Multimillionär, es muss aber auch keiner betteln gehen. Wir sind aber konsequent konstruktiv unzufrieden: Mehr ist immer schöner.

Neben Wirtschaftsunternehmen und Privatspendern gibt neuerdings auch der Bund sieben Millionen Euro für die direkte Athletenförderung. Warum soll es der Steuerzahler finanzieren, wenn jemand ein Hobby wie Beachvolleyball zum Beruf machen will?

In der Satzung der Sporthilfe steht als Stiftungszweck: "Ausgleich für die Inanspruchnahme durch die Gesellschaft". Das ist unser Auftrag. Ein großer Teil der Bevölkerung lässt sich durch Sport begeistern, mitreißen, inspirieren. Um Menschen zum Sport zu bewegen, sind Vorbilder wichtig. Wenn wir aber den Effekt sozialisieren - also Sportbegeisterung jedem zugänglich machen -, aber die Risiken, die der Athlet dafür eingeht, komplett individualisieren, dann ist das kein faires Angebot. Deshalb braucht es einen angemessenen Beitrag der öffentlichen Hand - gerade, um die Vielfalt zu sichern. Sonst hätten wir nur noch die Sportarten, die durch Vermarktung im internationalen Wettbewerb bestehen können. Das sind aber nicht so viele. Dann würden uns in vielen Bereichen die Vorbilder fehlen.

Auch eine staatliche "Sportlerrente" ist weitgehend beschlossen. Auf eine Grundrente gegen allgemeine Altersarmut hat sich die große Koalition hingegen noch nicht einigen können.

Das sollten wir nicht gegeneinander ausspielen. Wir reden über 500 bis 800 Sportler, die als Repräsentanten für die Bundesrepublik antreten, die uns mitreißen, die dafür 50, 60, 70 Stunden pro Woche investieren und sich in der Zeit nicht um das Thema Altersvorsorge kümmern können. Anders als zum Beispiel die Athleten bei der Bundeswehr, die Rentenpunkte sammeln. Diesen Athleten einen Ausgleich anzubieten, finden wir ein wichtiges Signal im Rahmen einer nachhaltigen Förderung.

Prämien für EM- und WM-Titel wiederum hat die Sporthilfe abgeschafft. Warum?

Die sind gestrichen. Wir finden, es ist nicht unsere Aufgabe, ein singuläres Ereignis maximal zu fördern, sondern den Weg dahin und den Weg danach.

Für einen Olympiasieg bekommt man allerdings weiterhin 20 000 Euro Prämie.

Auch das diskutieren wir kontrovers, halten es aber als zusätzliche Anerkennung für angemessen. In vielen europäischen Ländern, auch in den USA, sind diese Beträge ähnlich. Ein Vielfaches davon bekommen Sie eigentlich nur in Ländern, deren Gesellschaftssystem sich doch sehr von unserem unterscheidet. Ich halte nichts davon, unser Budget alleine darauf zu fokussieren, dass etwa ein 23-jähriger Kanute mit einem Olympiasieg ausgesorgt hat. Ein System, das suggeriert: Du musst alles Menschenmögliche und vielleicht noch etwas darüber hinaus tun, um diese Medaille zu gewinnen, ist falsch. Das passt nicht zu unserer Gesellschaft und unseren Werten.

Auch weil es den Anreiz verstärken würde, das Ziel mit Doping zu erreichen?

Man kann nicht direkt sagen, dass man durch so einen finanziellen Anreiz zum Doping verführt wird, aber es kann eine Rolle spielen. Andrea Gotzmann (Chefin der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada) hat einmal gesagt: Die duale Karriere ist eine der besten Maßnahmen gegen Doping, weil wir eine weitere Perspektive neben dem Leistungssport bieten.

Trotzdem existiert auch im deutschen Sport ein massives Dopingproblem. Vor ein paar Jahren gaben in einer anonymisierten Sporthilfe-Umfrage sechs Prozent der Athleten an, regelmäßig zu dopen, 40 Prozent beantworteten die Frage gar nicht. Das waren erschreckende Zahlen.

Ich glaube, es ist auf der einen Seite wichtig anzuerkennen, dass der Großteil der geförderten Athleten sauberen Sport betreibt. Dass es aber auf der anderen Seite im Leistungssport, auch in Deutschland, immer Doping geben wird. Zahlen zu kennen, hilft aber noch nicht, den Anteil zu reduzieren. Deswegen haben wir damals auch gefragt: Woher kommt das?

Die Antworten waren unter anderem: Druck; die Angst, Erwartungen zu enttäuschen; Existenzängste.

Und das war für uns ein Grund, das Fördersystem weiter umzustellen und eine Förderkarriere zu entwickeln, in der die Existenzangst, so weit es geht, reduziert wird.

Oft gibt es das Argument, dass Druck nun mal einfach zum Sport dazugehört.

Frage ist, welcher Druck angemessen ist. Der Athlet hat doch selbst das größte Interesse daran, den maximalen Erfolg im Wettkampf zu erzielen. Es bringt also nichts, wenn Außenstehende noch eine zusätzliche Erwartungshaltung formulieren. Das macht niemanden besser. Aber bei dieser Studie war noch etwas anderes interessant.

Was denn?

Zunächst gab es ja durchaus kritische Stimmen, dass wir uns das so genau anschauen und auch noch öffentlich machen. Wir haben es immer für falsch gehalten, Fragen auszuweichen, nur weil sie unangenehm sind. Aber später kam auch von der Nada und aus vielen Fachverbänden die Rückmeldung, dass es doch gut war, sich damit zu beschäftigen, statt es wegzudrücken. Denn der Kampf gegen Doping ist heute eine Existenzgrundlage für den Sport.

Wobei der Sport keinen glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf hinkriegt. Im Gegenteil: Es ist bestens dokumentiert, wie wenig das Kontrollsystem taugt. Dazu Staatsdoping in Russland, dazu die Enthüllung, dass man in manchen Weltverbänden Positivtests gegen Bezahlung tilgen kann.

Deswegen ist es erfreulich, dass Maßnahmen wie das neue Anti-Doping-Gesetz erste Früchte tragen. Wir sehen da ganz klar eine abschreckende Wirkung - und dass staatliche Stellen Möglichkeiten haben, die weit über das hinausgehen, was sportliche Kontrollmechanismen leisten können.

„Dein Name für Deutschland“: Mit Kampagnen wie dieser generiert die Sporthilfe Aufmerksamkeit für das Thema Sportförderung. Das Bild zeigt Michael Ilgner (ganz links) im Jahr 2010 mit dem Deutschlandachter.

(Foto: Imago)

Der organisierte Sport hat sich auch hierzulande lange gegen ein scharfes Anti-Doping-Gesetz gewehrt.

Wir von der Sporthilfe hatten da immer eine andere Position. Ich glaube, es fällt vielen im Sport nach wie vor unheimlich schwer, die Ambivalenz auszuhalten, die den Leistungssport aber nun mal prägt.

Sie haben als Sporthilfe deutlicher als andere eine Werteorientierung artikuliert. Müssen Sie aber nicht fairerweise auch zugeben, dass das für Sie einfacher ist als zum Beispiel für den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB)? Weil Sie nicht den Kopf hinhalten müssen, wenn bei Olympischen Spielen mal wieder die Medaillenbilanzen schlechter werden?

Gegenthese: In der klassischen Welt des Sportmarketings zählen Werte nicht so unmittelbar wie das Hochglanzbild des strahlenden Olympiasiegers. Um Gelder zu generieren, haben viele in den Köpfen das Bild des unantastbaren Sporthelden. Werte zu verankern, ist der komplexere Weg. Wir haben aus Überzeugung den Slogan "Leistung. Fairplay. Miteinander." in den Mittelpunkt gestellt. Und wenn ich mich umschaue, freue ich mich, dass diese Orientierung des Sports an Werten vielleicht noch nicht Mainstream geworden ist, aber dass man heute doch andere Diskussionen führt.

Trotzdem: Sie können leichter die Guten sein.

Es ist keiner gezwungen, sich alleine auf Medaillen zu fokussieren. Wobei auch wir ganz klar sagen: Hochleistungssport hat den Zweck, Hochleistung liefern zu wollen, der Beste sein zu wollen.

Wie kommen Sie darauf, dass Werte im Sport wichtiger geworden sind? Wenn man die medaillenfixierte Reform des Spitzensports sieht, die vielen Dopingaffären, die Skandale bei Fifa und IOC? Da ist von einer Werte-Entwicklung nichts zu spüren.

Wenn Sie sich Kommunikationskonzepte von Verbänden anschauen, spielen heute Werte eine größere Rolle, als es noch vor zehn Jahren der Fall war.

Aber nur in der Vermarktung.

Das mag oft noch nicht durchgedrungen sein auf das Verhalten, da stimme ich Ihnen zu. Aber wenn es einmal anfängt in der Kommunikation, hat es eine Chance, in das Verhalten hineinzuwachsen.

Bei der Fifa sehen wir unter dem Präsidenten Infantino einfach nur einen zynischen Umgang mit dem Begriff "Fairplay".

Ja. Unsere Welt hier hat mit der Fifa aber überhaupt nichts zu tun.

Wir haben jetzt viel über Werte geredet. Künftig wird eine Ihrer zentralen Aufgaben sein, einen großen Stellenabbau zu organisieren: 18 000 von 92 000 Stellen sollen bis 2022 wegfallen.

Wir haben die Aufgabe, die Bank so aufzustellen, dass sie wettbewerbsfähig ist, dafür sind leider auch schmerzliche Einschnitte nötig. Es gibt viele Elemente, auf die sich die Bank einstellen muss, neue Technologien, Digitalisierung. Es geht auch darum, für die Bank Talente zu entwickeln und die umfassendste Transformation der vergangenen 20 Jahre zu gestalten - die im Übrigen schon anfängt, Wirkung zu zeigen.

Bisher haben Sie Fördermittel verteilt und vielleicht mal einem Athleten sagen müssen, dass er 300 Euro Förderung nicht mehr erhält. Jetzt geht es um einen solch drastischen Stellenabbau. Dafür muss man sich doch auch emotional ganz anders wappnen, oder nicht?

Man kann das schwer vergleichen. Aber es ist zum Beispiel auch für einen Athleten oft eine einmalige Chance, zu Olympischen Spielen zu fahren. Und wenn man der Verantwortung, ihn auf dem Weg dorthin angemessen zu fördern, nicht gerecht wird, dann hat das eine wesentliche Auswirkung auf die Laufbahn eines jungen Menschen. Genauso hat auch der Umbau einer Bank Auswirkungen auf einzelne Mitarbeiter, die man verantwortungsvoll gestalten muss. Deswegen glaube ich, dass die Grundfrage, so etwas konstruktiv und letztlich auch werteorientiert umzusetzen, schon vergleichbar ist, wenngleich in anderen Dimensionen.

Der Plan war, dass Sie in absehbarer Zeit in den Vorstand aufrücken. Bei der Bankenaufsicht Bafin, die das genehmigen muss, gibt es aber Skepsis. Ist der Vorstandsposten weiter der Plan?

Ich bin vom Aufsichtsrat bestellt als Generalbevollmächtigter, und es ist vorgesehen, dass ich in den Vorstand wechsle, wenn die Voraussetzungen der Regulatoren erfüllt sind. Daran hat sich nichts geändert.

Wenn Sie im Bankenturm an Ihre Zeit im Sport zurückdenken werden, welcher Moment bleibt besonders in Erinnerung?

Da gibt es mehrere. Da ist zum Beispiel ein Bild, wie ich mal in einer entscheidenden Situation bei einer EM einen Torschuss versemmelt habe. Jahrelang habe ich davon schlecht geträumt.

Das war aber nicht 1995, als Sie EM-Bronze holten?

Doch, da habe ich in einem Vorrundenspiel in einer entscheidenden Situation nicht geliefert. Das habe ich lange gespeichert, weil ich da gespürt habe: Wenn ich versage, leiden alle darunter. Das andere Erlebnis war dann aber, vier Tage später eine Medaille zu gewinnen. Und was ich nie vergessen werde, ist der Abend, an dem ich für die Spiele 1996 nominiert wurde.

Die Nominierung war toller als die Olympischen Spiele selbst?

Letztlich prägender, ja. Wir waren in Italien im Trainingslager, der Bundestrainer und 15 Spieler waren da, und dann wurde verkündet: Der und der fahren nicht mit, alle anderen sind in Atlanta dabei. Das war für mich herausfordernd, weil einer derjenigen, die nicht mit durften, sich mit mir ein Zimmer geteilt hat. Ich habe sozusagen den größten Moment meiner Sportkarriere mit jemandem geteilt, der im gleichen Moment seine größte Niederlage erfahren hat. Ich habe dann darauf verzichtet, meine eigene Freude offen auszukosten - diese Ambivalenz zu spüren und damit umzugehen, das ist mir sehr nachdrücklich im Kopf geblieben.

© SZ vom 16.02.2020
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