Wenn man Sportpolitiker und deren Arbeit, das zähe Ringen um Kompromisse etwa, einem Sport zuordnen müsste, dann wäre es wohl der Marathon. Manchmal können aber auch sportpolitische Ausdauerläufer sprinten, am vergangenen Mittwoch etwa. Da hatte es die Regierungskoalition plötzlich eilig.
Gegen acht Uhr morgens hievte sie das „Gesetz zur Regelung der Förderung des Spitzensports“ auf die Tagesordnung des Ausschusses für Sport und Ehrenamt. Der sollte nur Stunden später, am Nachmittag, darüber beraten. Die Abgeordneten, die teils in anderen Ausschüssen saßen, arbeiteten also hektisch Änderungsanträge durch, ehe sie dem Gesetz am Nachmittag zustimmten, bis auf die Abgeordneten der Linken. Manche wie Christian Görke (Linke) sahen in dieser Überrumpelungsaktion zumindest ein „kleines Foul“. Der Koalition lag jedenfalls augenscheinlich daran, ein weiteres Reformvorhaben vor der Sommerpause durchzudrücken.
Und so wird es nun wohl auch geschehen. Noch an diesem Freitag will der Bundestag das Sportfördergesetz beschließen, das größte sportpolitische Vorhaben dieser Legislatur, wie Christiane Schenderlein, die zuständige Staatsministerin der CDU, das Projekt betitelt hatte. Im Oktober, nach dem Segen des Bundesrates, wird es demnach im Ziel sein– zehn Jahre nachdem Bund und organisierter Sport beschlossen haben, die Spitzensportförderung zu reformieren. Grob gesagt sollen die Summen, die der Bund jährlich ins System gießt – 2027 soll es im Kern der Rekordetat von 362 Millionen Euro sein – effizienter zu den Athleten fließen, die Niedergänge in den Medaillenspiegeln stoppen. Zugespitzt wird die Medaillenjagd offiziell zum Gesetz.
Dass das „historisch“ ist, wie es viele Abgeordnete nun formulierten, ist unstrittig. Aber ist es auch ein „Paradigmenwechsel“, wie der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) konstatierte, die Interessenvertretung des Spitzen- und Breitensports?
Die Athletenvertreter erhalten nun doch einen Sitz im Stiftungsrat
Bis zum Mittwoch hatten die Abgeordneten mit ihrer parlamentarischen Sprinteinheit noch einige Änderungen herbeigeführt. Die Athletenvertreter erhalten nun doch einen Platz im Stiftungsrat, dem zentralen Aufsichtsgremium jener Agentur, die die Spitzensportförderung künftig zentral steuert (und nicht „entwickelt“, wie es im vorletzten Gesetzentwurf noch hieß). Auch diktiert das Gesetz, dass Berufstrainer künftig „angemessen“ fortgebildet und entlohnt werden sollen. Dass dem nicht so ist, ist eine der größten Malaisen des deutschen Sports, schon seit Jahren.
Auch müssen Sportverbände, wenn sie künftig Geld von der Politik erhalten wollen, ein Werk in ihren Satzungen verankern, mit dem sie fast jede Form von körperlicher und seelischer Gewalt sanktionieren können: den „Safe Sport Code“ des DOSB. Dass es in dieser Hinsicht in manchen Verbänden viel Nachholbedarf gebe, habe ja die eine oder andere Debatte der vergangenen Tage gezeigt, sagte die SPD-Abgeordnete Bettina Lugk am Mittwoch im Ausschuss. Gemeint war, unstrittig, die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft.
Andererseits blieb es in vielen Fragen beim vorletzten Schritt: Was eine „angemessene“ Entlohnung für Trainer bedeuten soll, bleibe unklar, kritisierte die Linke. Oder dass der Sitz im Stiftungsrat für die Athletenvertreter nicht der unabhängigen wie hauptamtlich organisierten Sportlervertretung Athleten Deutschland zugesichert wurde, sondern der Athletenkommission des DOSB: Dahinter vermutete Johannes Herber, der Geschäftsführer von Athleten Deutschland, „machtpolitische Interessen der Verbände“.

Und der bald verpflichtende „Safe Sport Code“: Der ist zwar ein durchaus scharfes Schwert, liegt aber in der Hand der Verbände – die so weiter Probleme verhandeln können, in die sie nicht selten verstrickt sind. Manche Abgeordnete und Athletenvertreter hatten deshalb darauf gedrängt, die Fachverbände dazu zu verpflichten, dem Zentrum für Safe Sport (ZfSS) beizutreten. Das wurde von Bund und Ländern am Donnerstag gegründet, ebenfalls nach jahrelangem Vorlauf. Es soll künftig Fälle von interpersonaler Gewalt prüfen und sanktionieren, streng unabhängig von den Verbänden. Dass es der verbindliche Zutritt zum ZfSS nicht ins Sportfördergesetz schaffte, war, wenn man der Sportausschusssitzung am Mittwoch lauschte, eher nicht der SPD geschuldet. Immerhin will die Politik nach sechs Jahren evaluieren, wie viele Sportverbände dem ZfSS beigetreten sind. Für viele Opfer wird das zu spät kommen.
Kann ein System, das auf einen solchen Schutzfilter verzichtet, überhaupt „nachhaltige Spitzenleistungen hervorbringen“, wie DOSB-Präsident Thomas Weikert hofft? Zumal eine zweite große Unbekannte bleibt: der „Motor“ der Reform, wie ihn der DOSB nennt. Künftig soll ja, nach britischem Vorbild, eine Spitzensportagentur entscheiden, welche Verbände künftig wie viel Geld erhalten, wie viele Kaderathleten und Stützpunkte gefördert werden sollen. Und das unabhängig von Bund und DOSB, die sich in diesen Fragen in der Vergangenheit oft schwer gezankt hatten.
Nur entscheidet der DOSB jetzt zwar nicht mehr unmittelbar über die Förderung, wie es der Bundesrechnungshof oft getadelt hatte – aber durchaus noch mittelbar. Im Stiftungsrat, dem zentralen Aufsichtsorgan der Agentur, hat sich der DOSB etwa auf den letzten Metern vier von zehn Sitzen gesichert, statt wie zu Beginn geplant einen von fünf. Hinzu kommen fünf für den Bund und einen für die Länder. Zwar hat der Bund auf dem Papier weiter die Mehrheit, weil bei Stimmgleichheit der Vorsitz entscheidet, also das Kanzleramt. Für die Wahl der zwei Vorstände der Spitzensportagentur, der künftig wichtigsten Personalien der deutschen Sportförderung also, ist aber eine Zweidrittelmehrheit nötig. Ein verkapptes Vetorecht für den DOSB.
Einige Mitarbeiter von Bund und DOSB könnten künftig zur neuen Spitzensportagentur wechseln
Die wichtigsten Fragen, die über das Gelingen der Reform entscheiden, blieben so völlig offen: Welche Vorstände werden auf diesem Weg ins Amt gehievt? Wie sehr wird ihnen der Stiftungsrat, über Förderrichtlinien etwa, ins Lenkrad greifen? Und wer wird neben den Vorständen in der rund 40-köpfigen Spitzensportagentur arbeiten, wenn diese den Betrieb vollends hochgefahren hat? Diese Agentur wird zumindest einige Aufgaben schultern, die bislang in der Leistungssportabteilung des DOSB angesiedelt sind.
Zwar sagte DOSB-Vorstand Otto Fricke am Donnerstag auf Anfrage: „Es gibt im DOSB keinerlei Pläne, irgendwelche Mitarbeiter zu entlassen.“ Das schließt allerdings nicht aus, dass Mitarbeiter des DOSB und auch des Bunds selbst kündigen und sich bei der neuen Agentur am Standort Leipzig bewerben könnten. Was die Frage aufwirft, ob dieser „Paradigmenwechsel“ im deutschen Sport nicht zu einer bekannten sportpolitischen Übung verkommen könnte: dem Bäumchen-wechsel-dich-Spiel.


