Vor Olympia:Schwimm-EM in London: Nur Koch taucht auf

European Swimming Championships 2016 in London

Marco Koch: Greift nach einer Medaille im Vorbeigehen

(Foto: dpa)

Aus Angst vor dem nächsten Olympia-Debakel dürfen die deutschen Schwimmer nicht zur EM. Marco Koch fährt trotzdem. Er könnte zum einsamsten Europameister werden.

Von Saskia Aleythe

Um Marco Koch kann man sich schnell mal Sorgen machen. Wenn der Brustschwimmer vom Startblock ins Wasser taucht, ist er verschwunden, ziemlich lange sogar. Auf den Nebenbahnen ragen die Köpfe schon wieder heraus, doch Koch gleitet, immer weiter. Und dann taucht er auf, vor allen anderen liegend. Das Gleiten ist seine Kunst. Die gibt es gerade in London zu sehen, am Donnerstag könnte er Gold über 200 Meter gewinnen - und seinen EM-Titel von 2014 verteidigen. Spätestens dann werden in Deutschland verdutzte Gesichter auf diese Nachricht und seine Medaille gucken: Achso, es ist EM?

Ja, es ist EM, doch so richtig präsent ist das hierzulande kaum. Weil im August die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro starten, hat sie geringeren Stellenwert bei den Athleten. Wie gering, ist schwer zu sagen, schließlich sind in London fast alle Topschwimmer vertreten: Viel-Schwimmerin und Rekorde-Halterin Katinka Hosszu aus Ungarn etwa, die Nicht-Atmerin Sarah Sjöström aus Schweden oder ihr dänisches Pendant Jeanette Ottesen. Die Briten sowieso, sie könnten nach fleißiger Aufbauarbeit in den vergangenen Jahren in Rio zu den großen Gewinnern gehören.

Nur die deutsche Schwimm-Elite ist in London ziemlich ausgedünnt: Außer Weltmeister Marco Koch und der WM-Vierten Franziska Hentke nimmt kein Olympia-Starter teil, ansonsten üben sich nur Nachwuchssportler in den Wettbewerben. Kein Paul Biedermann, keine Alexandra Wenk, kein Steffen Deibler. Es ist eine Maßnahme, die mit dem zu tun hat, was 2012 passiert ist: Damals sammelten die Deutschen bei der EM im ungarischen Debrecen 17 Medaillen, allein acht davon waren golden. Doch bei Olympia in London dann, ein paar Monate später: Eine Nullnummer.

Fokus soll auf dem Training liegen - doch Koch geht eigenen Weg

Für Bundestrainer Henning Lambertz gibt es da durchaus einen kausalen Zusammenhang, er will nicht, dass die Vorbereitung seiner Schwimmer auf Olympia durch eine EM leidet. Die bedeutet schließlich Reisestress, eine Umstellung in den Abläufen zwischen Wasser- und Krafteinheiten sowie Regeneration. "Wir wollen nicht die Fehler wiederholen", sagt Lambertz. Dass mit Marco Koch und Franziska Hentke zwei große Medaillenkandidaten für Rio trotzdem in London starten, sieht er gelassen: "Marco ist sowieso ein Vielstarter", sagt der Bundestrainer: "Und Franzi macht so einen riesigen Trainingsumfang, das reicht für drei". Um Bestzeiten geht es beiden in London kaum.

Für Koch sind Wettbewerbe mittlerweile zum Training geworden, sich immer wieder in den Kampfmodus zu begeben, gehört zu seiner Vorbereitung auf Olympia. "Es ist eine der wenigen Chancen, noch mal alles zu testen - mit Vorlauf, Halbfinale, Endlauf", sagt er zur EM im Königreich. Bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren hatte auch Koch große Probleme, "ich war zu früh angereist und zu lange vor Ort. Es ging einfach nicht los. Ich habe von Tag zu Tag Spannung verloren". Im Halbfinale scheiterte er als 13. Das soll ihm in Rio nicht noch einmal passieren: Die Eröffnungsfeier lässt er aus, zu viel Warterei und Rumstehen vor den wichtigen Rennen.

Die Vorläufe in London meisterte Koch problemlos, er sprang, tauchte, glitt und war am Ende wieder schnellster, er steht ja auch auf Rang eins der Weltjahresbestenliste. Am Donnerstagabend könnte er einen Titel gewinnen, der dann in seiner Vita steht, für immer. Ohne Vermerk, dass da ein großer Konkurrent wie Daniel Gyurta aus Ungarn gar nicht angetreten ist, um sich auf Olympia vorzubereiten. Kann man also mal mitnehmen.

© SZ.de/ska/jbe
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