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Sportmedizin:Die unsichtbaren Patientinnen

Wambach

Schon das Zusehen tut weh: Die Japanerin Saki Kumagai und die US-Amerikanerin Abby Wambach (rechts) im WM-Finale 2011 in Frankfurt.

(Foto: imago sportfotodienst)

Wenn es um Gehirnverletzungen im Sport geht, wird meist über Männer gesprochen. Dabei sind es Frauen und Mädchen, die das größere Risiko tragen.

Manchmal muss man das Leben eines anderen betrachten, um das eigene zu verstehen. Michelle Akers war zweimal Fußball-Weltmeisterin, 1991 und 1999, sie lief 153 Mal für die amerikanische Nationalmannschaft auf und gilt als eine der erfolgreichsten Spielerinnen der Geschichte. Bekannt war sie für ihr physisches Spiel und ihre Kopfballstärke, jetzt, mit 54 Jahren, leidet sie unter Migräne und Gedächtnislücken. Erst als sie vor drei Jahren die BBC-Dokumentation "Dementia, Football and Me" über den früheren englischen Nationalstürmer Alan Shearer sah, stellte sie einen Zusammenhang her. "Ich schaute mir das an und dachte: Meine Güte!", erzählte Akers dem amerikanischen Fernsehsender CBS: "Das könnte ich sein."

Bis zu 50 Mal habe sie in einer Partie den Ball geköpft. Nach ihrem Tod soll ihr Gehirn untersucht werden. Auch Akers Landsfrauen Brandi Chastain, Abby Wambach und Megan Rapinoe haben ihre Schädel bereits der Wissenschaft versprochen.

Wenn es um Gehirnverletzungen im Sport geht, wird meist über Männer gesprochen. Dabei sind es Frauen und Mädchen, die das größere Risiko tragen. Wie die "American Academy of Neurology" 2017 mitteilte, ist die Wahrscheinlichkeit, bei einer Sportart wie Fußball oder Basketball eine Gehirnerschütterung zu erleiden, für weibliche Athleten bis zu 50 Prozent höher als für männliche. Im amerikanischen College-Sport ist die jährliche Zahl der Gehirnerschütterungen im Football am größten - auf Platz zwei liegt der Frauenfußball.

Dass die krachenden Zusammenstöße im Football schädlich für das Gehirn sein können, ist der amerikanischen Öffentlichkeit seit längerem bekannt, spätestens seit 2016 ein gerichtlicher Vergleich über eine Milliarde Dollar zwischen der National Football League (NFL) und ehemaligen Spielern rechtskräftig wurde. Dem Frauensport wird allerdings, wie so oft, wenig Aufmerksamkeit geschenkt. "Wenn Gehirnverletzungen die unsichtbare Krankheit unserer Zeit sind, dann sind die Frauen die unsichtbaren Patienten", sagt Katherine Snedaker.

Sie lebt in New York, hat derzeit im Grunde ganz andere Sorgen, verbringt ihre Zeit aber trotzdem gern damit, am Telefon über "PINK Concussions" zu sprechen. 2013 gründete Snedaker diese gemeinnützige Organisation, um über die Folgen von Gehirnverletzungen, einschließlich Gehirnerschütterungen (engl. concussions), bei Frauen und Mädchen aufzuklären. Denn diese spezifische Thematik sei lange gar nicht wahrgenommen worden: "Es ist die Art und Weise, wie wir Frauen gesellschaftlich betrachten", begründet Snedaker diesen Umstand, der auch im medizinischen Bereich ein Problem ist: "Ich habe gesehen, wie einige wirklich gute Ärzte gesagt haben: 'Oh, die ist einfach sehr nervös oder einfach nur emotional.'"

Studien legen nahe, dass Frauen für Gehirnerschütterungen anfälliger sind - und stärkere und vielfältigere Symptome zeigen

Snedaker kämpft nicht für Gleichberechtigung, sondern für an die Bedürfnisse von Frauen angepasste Maßnahmen. "Ich möchte, dass Frauen so behandelt werden, als wären sie Frauen - und nicht als wären sie Männer", sagt sie. Ihr Ziel ist es, dass medizinische Betreuer über die Geschlechterunterschiede bei Schädelhirntraumata genauso Bescheid wissen wie Familienangehörige oder Trainer.

Zahlreiche Studien legen nahe, dass Frauen für Gehirnerschütterungen nicht nur anfälliger sind als Männer, sondern dass sie auch stärkere und vielfältigere Symptome zeigen, die länger andauern, erläutert Inga Körte, Professorin für Neurobiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und der Harvard Medical School in Boston. "Frauen berichten häufiger von Schwierigkeiten, Beziehungen aufrecht zu erhalten, zeigen also eher Verhaltenssymptome. Männer hingegen berichten eher neurologische Symptome, wie zum Beispiel Kopfschmerzen oder Schwindel", sagt Körte, die sich seit 13 Jahren mit Schädelhirntraumata beschäftigt.

Ein möglicher Grund für die unterschiedlichen Symptome sind die Faserverbindungen im Gehirn, die bei Frauen im Durchschnitt deutlich dünner sind und schneller reißen, wenn der Kopf beschleunigt wird. Zudem funktioniert das männliche Gehirn anders als das weibliche. "Die Netzwerke in Frauengehirnen beruhen viel mehr auf der Kommunikation zwischen den beiden Gehirnhälften", sagt Körte. Und genau diese Verbindung zwischen den beiden Gehirnhälften sei bei Schädelhirntraumata sehr häufig verletzt.

Die Ursachen für die Geschlechterunterschiede sind vielfältig, auch Hormone spielen wohl eine Rolle. Die Anti-Baby-Pille und andere hormonelle Verhütungsmethoden könnten der Ausprägung von Symptomen entgegenwirken. In welcher Phase sich der Menstruationszyklus befindet, scheint laut einer Untersuchung der University of Rochester die Folgen einer Gehirnerschütterung ebenfalls zu beeinflussen. "Die Studie ist mit Sicherheit ein Hinweis und wahnsinnig interessant", sagt Körte. Sie spricht oft von ersten "Anhaltspunkten" und "Hinweisen", abschließend erforscht ist in diesem Bereich kaum etwas.

Die amerikanischen "National Institutes of Health" (NIH) und die Europäische Union haben Körte und ihrem Team nun mehrere Millionen Euro an Forschungsgeldern zur Verfügung gestellt, um den Einfluss von Hormonen auf Schädelhirntraumata zu untersuchen. Zunehmend rücken weibliche Gehirne in den Fokus der Wissenschaft. "Vor fünf Jahren war es noch ein bizarres, seltsames Thema. Inzwischen ist es akzeptiert", sagt Snedaker.

Erste Langzeitstudien, die für mehr Klarheit sorgen sollen, laufen derzeit an. An einer dieser Studien, der "Soccer, Head Impacts and Neurological Effects Study", nimmt auch Michelle Akers teil. In Boston werden 20 ehemalige Fußballerinnen auf Anzeichen von chronischer traumatischer Enzephalopathie (CTE) untersucht. Zu den Symptomen zählen Gedächtnisaussetzer und Stimmungsschwankungen, eindeutig kann CTE allerdings nur posthum diagnostiziert werden. Die neurodegenerative Gehirnkrankheit wird meist mit Footballspielern in Verbindung gebracht. Nun soll der Zusammenhang zwischen CTE und Fußball untersucht werden. Ausnahmsweise liegt der Fokus dabei nicht auf männlichen, sondern auf weiblichen Sportlern. Unabhängig von den Ergebnissen der Studie, hätte sich Akers während ihrer Fußball-Karriere gern anders verhalten. "Ich würde nicht noch einmal eine Million Bälle köpfen", sagt sie: "Auf keinen Fall würde ich das wieder tun."

© SZ vom 05.05.2020
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