Spitzensport und Nachhaltigkeit:Ein Athletenwald in Kenia

Olympia Team; carina wimmer

"Bei manchen Sportlern ist noch nicht angekommen, dass sie Verantwortung übernehmen müssen": Carina Wimmer engagiert sich neben dem Spitzensport sehr für den Klimaschutz - und hat eine Klimabörse für Athleten ins Leben gerufen.

(Foto: Lisa Haensch/DSB/oh)

Die Sportschützin und Olympiateilnehmerin Carina Wimmer aus Niedertaufkirchen möchte den Spitzensport nachhaltiger machen. Dafür pflanzt sie Bäume in Afrika, bekommt von anderen Athleten aber nicht die erhoffte Unterstützung.

Von Frederik Kastberg

Dass sie etwas tun müsse, sei ihr direkt klar gewesen, sagt Carina Wimmer. Gleich nach dem Gewinn der Europameisterschaft im Schießen mit der Luftpistole und der damit verbundenen Olympia-Qualifikation habe sie angefangen zu rechnen. Nicht etwa, wie viel Preisgeld sie gewonnen hatte oder wie viele Tage es noch bis zu den Spielen sind, nein, sondern wie viel CO₂ ihr Flug nach Tokio in die Atmosphäre schießen würde. Dann habe sie relativ schnell gemerkt, dass mit der Olympia-Reise ihr kompletter CO₂-Jahresverbrauch erreicht ist, also das, was ein einzelner Mensch maximal verbrauchen sollte, um nicht weiter zur Erderwärmung beizutragen. "Da habe ich gedacht: Ich bin eine Athletin, aber aus Deutschland fliegen da über 400 hin. Da müssen wir irgendwas machen", erzählt sie. Daraus ist die Idee einer "Klimabörse für Sportler" entstanden.

Auf der Crowdfunding-Plattform "Fairplaid", die Sportprojekte von Athleten aus olympischen und paralympischen Sportarten fördert, hat Wimmer mit einer Handvoll Gleichgesinnter eine Art Onlineshop eingerichtet. Dort bieten sie materielle Dinge oder Aktionen an, um mit den Erlösen einen "Athletenwald", wie Wimmer es nennt, in Kenia zu pflanzen. Ein Baum für das WWF-Projekt zur Wiederaufforstung kostet drei Euro. Allein ihr Hinflug nach Tokio habe drei Tonnen CO₂ verbraucht, hat Wimmer ausgerechnet. Deshalb seien einige Bäume notwendig. 2165 Euro sind bislang zusammengekommen, 3500 müssen es mindestens sein, damit das Geld ausgezahlt wird.

Neben herkömmlichen Dingen wie Autogrammkarten oder signierten Caps stehen auf der Plattform auch teils recht skurrile Aktionen im virtuellen Regal. Für 15 Euro - oder besser gesagt: fünf Bäume - macht Wimmer beispielsweise 20 Liegestützen. Als Beweis gibt es noch ein Video inklusive Grußbotschaft obendrauf. "Es wäre aber auch peinlich, wenn ich das als Spitzensportlerin nicht hinbekommen würde", sagt Wimmer. Allerdings ist die sportliche Gegenleistung noch 26 Mal verfügbar, es könnte also durchaus sein, dass Wimmer irgendwann ganz schön die Oberarme brennen.

Für 18 Bäume gibt es ein Mini-Oktoberfest

Die 26-Jährige war bei der Auswahl ihrer Aktionen recht kreativ: Sie bietet gemeinsame Spaziergänge an, bei denen gleichzeitig Müll gesammelt wird, geht gegen eine Spende joggen und befreit auch dabei ihre Laufstrecke von Müll (genannt: "Plogging"). Oder sie veranstaltet für ihre Unterstützer in München ein Mini-Oktoberfest mit insgesamt 50 Litern Bier, das von einer Privatbrauerei aus Unterhaching gestellt wird. Die Teilnahme an diesem kleinen Trinkgelage zum Schutze des Klimas kostet 18 Bäume - mit einem besseren Gewissen kann man sich wohl selten betrinken. "Ich werde noch ein paar Kästen hinstellen, falls das Bier irgendwann leer ist", verspricht Wimmer. Dafür müssten die drei bislang angemeldeten Teilnehmer aber ziemlichen Durst haben.

Wimmer, die bei den Spielen in Tokio das Luftpistolen-Finale verpasste, wird von den Olympiateilnehmern Monika Karsch (Sportpistole), Anna-Maria Wagner (Judo), Marc Koch (400m Sprint), Nadine Apetz (Boxen) und Tina Punzel (Wasserspringen) unterstützt. Wer auf einen Schlag gleich mal ein ganzes Waldstück aufforsten möchte, kann sich für 510 Euro, also schlappe 170 Bäume, einen persönlichen Life-Kinetik-Vortag, eine Art Gehirnjogging, von Monika Karsch sichern. Wimmer und sie sind nicht nur Trainingspartnerinnen , die beide für den SV Kelheim Gmünd in der Luftpistolen-Bundesliga antreten, sie haben sich in Tokio auch ein Zimmer geteilt und verstehen sich auch außerhalb des Schießstandes sehr gut. Deswegen sei sie auch sofort dabei gewesen, erzählt die Regensburgerin. "Mit dem Projekt wird einem vor Augen geführt, was man da eigentlich mit seinem Flug macht."

Von Anna-Maria Wagner gab es einen signierten schwarzen Judo-Gürtel zu haben, der inzwischen allerdings schon vergriffen ist. "Da steckt auf jeden Fall viel Schweiß drin", sagt die Ravensburgerin, die in Tokio im Einzel und mit dem Team jeweils Bronze gewann. Sie bietet aber auch noch ein 20-minütiges Einzelgespräch an, für das der Käufer 18 Bäume finanzieren muss. Wimmer kennt sie von gemeinsamen Lehrgängen bei der Bundeswehr. "Ich finde das Projekt sehr schön, weil ich in der Hinsicht auch noch nie was gemacht habe", sagt sie, "und Leistungssport ist nicht gerade klimafreundlich." Bäume zu pflanzen sei da "sehr simpel und effektiv".

"Ich glaube, bei manchen Sportlern ist noch nicht angekommen, dass sie Verantwortung übernehmen müssen", sagt Wimmer

Insgesamt war die Resonanz, sowohl bei den Spenden als auch bei den teilnehmenden Athleten, bislang aber eher mau, gibt Wimmer zu. Vielleicht war der Zeitpunkt so kurz nach den Olympischen Spielen, wo viele Athleten in den Urlaub fahren und die erfolgreichen unter ihnen dazu noch allerhand Pressetermine haben, der falsche. Vielleicht liegen die Prioritäten aber auch noch woanders: "Ich glaube, bei manchen Sportlern ist noch nicht angekommen, dass das auch deren Beitrag ist und dass sie Verantwortung übernehmen müssen", meint Wimmer: "Das ist schade."

Auf eine Rundmail an alle Olympiateilnehmer mit ihrer Aktion hatte sich nur eine Athletin, die Bronzemedaillengewinnerin Tina Punzel, gemeldet, deren Aktionen in den kommenden Tagen online gehen sollen. Auch Karsch findet, dass Sportler generell aktiver sein könnten, gibt aber auch zu bedenken, "dass es unsere Aufgabe ist, unseren Sport zu machen, und man aufpassen muss, dass man sich nicht verzettelt". Wer ganz oben ankommen wolle, müsse da seine ganze Energie reinstecken - und nicht nur 90 Prozent.

Wimmer würde sich aber generell wünschen, "dass das Thema noch mehr in den Köpfen der Athleten und Zuschauer ankommt. Wir sehen ja, was sonst mit der Natur passiert". Schließlich sei der Sport von Umweltbedingungen und Wettereinflüssen abhängig. Deshalb hofft sie, ein ähnliches Projekt auch bei den Olympischen Winterspielen im kommenden Jahr starten zu können, "weil die Sportler selber wissen, welchen Einfluss sie auf die Umwelt haben", sagt sie, "und auch, wie viel da vielleicht nicht so gut ist". Die Sportschützin weiß aber auch: Zwingen kann sie niemanden.

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Spitzensport und Klimaschutz müssen sich immer mehr Athleten stellen, gerade im Wintersport, wo die Auswirkungen des Klimawandels in den Bergen längst sichtbar sind. "Ganz ohne schlechtes Gewissen geht es nicht mehr", sagt Wimmer deshalb auch über sich selbst. "Wenn ich rigoros wäre, müsste ich aufhören." Doch der Sport sei nun mal ihr Leben, und dazu gehöre zwangsläufig auch das viele Reisen. Deshalb der Versuch, so viel wie möglich auszugleichen: "Immer nur kompensieren ist natürlich auch keine Lösung, aber es ist zumindest ein Anfang."

© SZ/sewi/cca
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