Sportförderung in Deutschland:Weil wir es lieben

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Sportförderung in Deutschland: Die deutsche 4x400-Meter-Staffel: Judith Franzen, Alica Schmidt, Elisa Lechleitner und Jessica-Bianca Wessolly (v.l.).

Die deutsche 4x400-Meter-Staffel: Judith Franzen, Alica Schmidt, Elisa Lechleitner und Jessica-Bianca Wessolly (v.l.).

(Foto: Soeren Stache/dpa)

Warum investiert Deutschland 260 Millionen Euro jährlich in seine Spitzensportler? Damit sie Medaillen holen, sagen Verbände und Politik. Zum Glück sehen das die Athleten selbst ein bisschen differenzierter.

Kommentar von Claudio Catuogno

"Wieso tust du dir das an?" - mit dieser Frage beginnt ein 82-seitiges Thesenpapier, das die "Athleten Deutschland" in dieser Woche vorgelegt haben. Clever mal wieder: mitten hinein in die Jubeltrubelstimmung der European Championships. "Das", so geht das kluge Werk weiter, "sind die Widrigkeiten einer Karriere im Spitzensport": Treppenläufe im Morgengrauen, abgebrochene Semester, verpasste Familienfeste, Patellaspitzensyndrome, Fernbeziehungen und manches mehr werden aufgeführt. "Hässliche Kommentare im Netz. Girokonten gerade so gedeckt."

Sich mit dem Alltag jener Sportlerinnen und Sportler zu befassen, die man gerade elf Tage lang in München über die Tartanbahn oder die Kletterwand hinauf hat flitzen sehen - zum Beispiel damit, dass sie im Schnitt eine 56-Stunden-Woche haben und über ein jährliches Einkommen von 18 700 Euro verfügen -, auf diese Idee kommen womöglich die wenigsten. Schließlich scheint die Kernfrage ja geklärt zu sein, aus Sicht des Publikums. Warum sollte einer Gesellschaft der Spitzensport etwas wert sein? Na, für solche berauschenden Abende am Königsplatz, im Olympiapark und vor dem Fernseher natürlich! Der Sport als Unterhaltungsgewerbe.

Vielleicht machen es die Münchner Sternstunden auch manchem Bahnrad-Ass, mancher Kugelstoßerin etwas leichter, sich demnächst wieder mit abgelehnten Förderbescheiden, fehlenden Hallenzeiten oder teilqualifizierten Trainern abzufinden. Ein bisschen pathetisch steht in dem Papier der Athleten: "Wir machen das, weil wir es lieben. Den perfekten Wurf, die präziseste Wende, den kraftvollsten Absprung." Das Glücksgefühl, wenn man seine persönlichen Grenzen verschiebt. Auch viele im Publikum kennen das, aus ihrer Hobbykarriere.

Das Problem ist, dass den Betrieb auch jemand organisieren und bezahlen muss. Bezahlen muss ihn der Staat, mit einem föderalen Geflecht aus Fördertöpfen, vor allem mit ungefähr 260 Millionen Euro Spitzensportförderung des Bundes pro Jahr. Organisieren muss ihn der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Und bei diesen beiden klingt das Ganze gleich etwas anders, nachzulesen in einem aktuellen DOSB-Papier: "Die zentrale Zielstellung des deutschen Leistungssports ist die kontinuierliche Entwicklung von Weltspitzenleistungen, die durch eine konsequente potentialorientierte Förderung auf der Grundlage der Rahmenkonzeptionen der Spitzenverbände unterstützt wird."

Mal abgesehen von der Sprache finden viele auch den Inhalt scheußlich. Denn letztlich steht da mal wieder: Gefördert wird, was Medaillen verspricht. Das Glücksgefühl der Athleten? Irrelevant.

Sind es wirklich die Gold-Lieferanten, die das Publikum inspirieren?

Warum steckt ein Land Steuergeldmillionen in die Medaillenproduktion? Um der Medaillen willen? Weil Erfolge der schwarz-rot-goldenen Sportflotte die Leute stolz machen? Oder weil das Mitfiebern mit den Besten die Menschen auch selbst in Bewegung versetzen kann? Sind es dann aber wirklich die austauschbaren Gold-Lieferanten, die das Publikum inspirieren - oder wären es nicht eher die Persönlichkeiten, die im Gedächtnis bleiben, selbst wenn sie mal nur Siebte werden?

Um diese Fragen drücken sich Verbände und Politik seit Jahren herum, während sie, leider kein Witz, ihre Fördersummen mit einem computergestützten "Potenzialanalysesystem" namens PotAS berechnen. Aber ein Staat, der den Sport stur nach Medaillenpotenzial fördert, redet sich oft nur ein, dass er damit auch dem großen Ganzen dient. Er fördert noch den 23. Rodler, aber versenkt eine Sportart wie das Synchronschwimmen. Er treibt seine Gewichtheber in die Dopingfalle und ignoriert die Mühen seiner Langstreckenläufer, die sich naturgemäß schwertun gegen die Konkurrenz aus dem afrikanischen Hochland.

Es ist mal wieder die unabhängige Vertretung der deutschen Athletinnen und Athleten, die eine große gesellschaftliche Debatte darüber fordern, welchen Sport wir eigentlich wollen. Man sollte ihnen dafür dankbar sein. Im aktuellen Haushaltsentwurf der Bundesregierung wird ihnen allerdings die Förderung gekürzt.

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