Diese Europameisterschaft wird Gordon Herbert noch lange in Erinnerung bleiben. Was sicherlich nicht daran liegt, dass sein Nachfolger Alex Mumbru auf dem Posten des Bundestrainers im Gegensatz zu ihm – Herbert wurde 2022 EM-Dritter – den Titel holte. Herbert ist noch nie auffällig geworden, einem Kollegen den Erfolg zu neiden. Obwohl man dem Kanadier einen gewissen Anteil an dem Triumph im September zugestehen darf: Er hat diese Mannschaft in drei höchst erfolgreichen Jahren erschaffen – und er hat als Trainer des FC Bayern den größten Anteil an Spielern eines Vereins abgestellt. So können die Münchner zwar für sich reklamieren, dass sie fünf Europameister im Team haben, allerdings standen diese dem Trainer zur Vorbereitung nicht zur Verfügung.
Schlimmer noch: In Justus Hollatz und Johannes Voigtmann kehrten zwei Akteure verletzt zum Klub zurück. Und am schlimmsten: Das gilt auch für den litauischen Spielmacher Rokas Jokubaitis, den Herbert als zentralen Spieler im runderneuerten Team eingeplant hatte – und auf den er wegen eines bei der EM erlittenen Kreuzbandrisses monatelang verzichten muss. Immerhin konnten die Münchner kurzfristig den zu diesem Zeitpunkt vereinslosen Stefan Jovic verpflichten, der bei der EM für Serbien das Spiel gestaltete.

Basketballer Hollatz beim FC Bayern:Der Erbprinz will noch lernen
Justus Hollatz kam verletzt von der EM zurück, nun zeigte er im Pokal-Achtelfinale gegen Braunschweig seine bisher beste Leistung für den FC Bayern. Über einen bescheidenen Welt- und Europameister, von dem noch einiges zu erwarten ist.
Hollatz ist zwar zurück auf dem Feld und glänzte zuletzt als korbgefährlicher Regisseur beim Pokalsieg gegen Braunschweig, aber nun fehlt auch noch Jovic wegen einer Sprunggelenksverletzung. Angesichts der immensen Belastungen durch die drei Wettbewerbe Pokal, Meisterschaft und Euroleague, sowie den fordernden Saisonzielen nationales Double und Euroleague-Playoffs, wurde der Druck, den Kader weiter zu verstärken, immer größer. Sportdirektor Dragan Tarlac hatte schon vor Wochen bestätigt, dass er sich auf dem Markt umschaue, besonders die Preseason in den USA wurde von den Bayern dabei ins Visier genommen.
Mit Erfolg, die Umsicht der Münchner Vereinsleitung, die nach den Verletzungen von Panikverpflichtungen absah, hat sich nun bezahlt gemacht: In dem US-amerikanischen Combo-Guard Spencer Dinwiddie hat der deutsche Meister nun einen Spielmacher präsentiert, der den Kader auf einen Schlag signifikant aufwertet. „Wir mussten in den letzten Wochen geduldig sein und auf die Möglichkeiten des NBA-Markts warten. Das war ein Risiko und auch nicht ganz einfach, diese Geduld aufzubringen angesichts der Verletzungen. Doch es hat sich nun komplett ausgezahlt und wir freuen uns sehr auf diesen tollen Spieler“, sagt Tarlac.
Dinwiddies Vertrag bei den Dallas Mavericks, für die er die vergangene Saison aufgelaufen war und einen zweistelligen Punkteschnitt (79 Spiele, 11,0 Punkte) erzielte, war ausgelaufen. In der Preseason, in der sich solche Spieler für neue Klubs empfehlen können, spielte er für die Charlotte Hornets, erhielt aber kein ansprechendes Angebot, was umgehend die Europäer auf den Plan rief.
2019 sammelte Dinwiddie für Brooklyn 41 Punkte – damals war Gordon Herbert Berater der Nets
Trotz prominenter Mitbewerber wie Partizan Belgrad, die den Münchnern vor einem Jahr Isaac Bonga mit einem Topangebot abspenstig gemacht hatten, unterschrieb der 32-Jährige ohne Ausstiegsklausel beim deutschen Meister. Schon am Wochenende wird der Kalifornier aus Los Angeles zum abschließenden Medizincheck in München erwartet. Die Spiele gegen Piräus (die Bayern verloren das Euroleague-Duell am Freitagabend ohne Dinwiddie in eigener Halle deutlich mit 71:95) und am Sonntag gegen Alba Berlin in der Bundesliga kommen allerdings zu früh.
In der Euroleague sind NBA-Akteure mittlerweile so üblich wie das hohe Spielniveau; die Durchlässigkeit zwischen den beiden elitärsten Ligen, die der Basketball zu bieten hat, nimmt indes immer stärker in Richtung alter Kontinent zu. In der BBL sind die Münchner seit Jahren für die spektakulären Transfers aus Übersee zuständig: So holten sie in Derrick Williams (428 NBA-Spiele), Greg Monroe (632) und natürlich Serge Ibaka (919 Spiele inklusive des Titelgewinns 2019 mit den Toronto Raptors) herausragende Spieler nach Deutschland, zuletzt waren Shabazz Napier (354) und Carsen Edwards (72) für NBA-Flair in der BBL zuständig.
Mit diesen beiden dürfte der für einen Spielmacher mit 1,96 Metern groß gewachsenen Dinwiddie locker mithalten. In 621 Spielen für die Detroit Pistons, Brooklyn Nets, Washington Wizards, LA Lakers und zuletzt Dallas stand der vielseitige Guard, der neben der Spielmacher-Position auch als Shooting Guard oder Small Forward spielen kann, in meist prägender Rolle auf dem Parkett. 20 Mal erzielte er dabei 30 Punkte oder mehr, als Bestleistung sind 41 Punkte aus dem Dezember 2019 für die Nets notiert. Trotz seines Alters von 32 Jahren dürfen die Bayern vom voll austrainierten Profi Höchstleistungen erwarten, bei der Integration ins Team sieht Sportchef Tarlac zudem kaum Probleme: „Er kommt mit seiner großen NBA-Erfahrung und wir sind sicher, dass er sofort Einfluss auf unser Spiel haben wird, zumal er Coach Herbert bereits aus Brooklyn kennt.“
Trainer Gordon Herbert war nach seiner Zeit als kanadischer Nationaltrainer 2019 für die Brooklyn Nets als Berater tätig, er kennt Dinwiddie in Höchstform: „Spencer ist ein elektrisierender Spieler, er kann scoren und für andere kreieren, stark verteidigen und hatte große Jahre in der NBA.“ Zudem verfüge Dinwiddie über einen „hohen Basketball-IQ und eine smarte Persönlichkeit“, so Herbert weiter. Für ihn, sein Team und die gesamte Liga sei dessen Verpflichtung einfach nur „großartig“.

