Special Olympics:Nachhilfe für den deutschen Sport

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Special Olympics: Trainer und Spieler einer inklusiven Mannschaft: Sebastian Tröndle und Kai Polefka (v.l.) von den Durlach Turnados.

Trainer und Spieler einer inklusiven Mannschaft: Sebastian Tröndle und Kai Polefka (v.l.) von den Durlach Turnados.

(Foto: Anna Spindelndreier/Special Olympics World Games/oh)

2023 finden in Berlin die Weltspiele für Menschen mit geistiger Behinderung statt. Bei der Generalprobe, den nationalen Special Olympics, zeigen Teams wie die Handballer der Durlach Turnados, was Vereine leisten können.

Von Sebastian Fischer, Berlin

In den Worten von Kai Polefka klingt das Schwierige einfach. "Man muss immer gucken, was der Torwart macht", sagt er. Dann ahmt er mit einem in Richtung Hallendecke gestreckten Arm nach, was ihm da eben gelungen ist: Ein Heber, kurz vor Spielende, geworfen fast von der Grundlinie aus, mit so viel Gefühl in der linken Hand, dass der Ball in hohem Bogen ins Netz fiel. Der Torwart hatte keine Chance.

Wenn Polefka, 32, für die Durlach Turnados aus Karlsruhe solche Tore wirft wie in dieser Woche im Berliner Olympiapark, ist das erst mal nichts Ungewöhnliches - er macht das seit Jahren. Das Bemerkenswerte ist eher: So etwas wie Handball-Traumtore sollen ihm und den Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland fortan mehr Leute zutrauen.

2023 werden in Berlin erstmals in Deutschland die Special Olympics World Games ausgetragen, die Weltspiele für Menschen mit geistiger Behinderung - nicht zu verwechseln mit den Paralympics für Menschen mit Körperbehinderung. 7000 Teilnehmer aus 190 Ländern werden im kommenden Sommer erwartet.

Die alle zwei Jahre abwechselnd in Sommer und Winter ausgetragenen nationalen Spiele, die von Montag bis Freitag in Berlin stattfanden, waren dafür eine Art Probelauf. Und sie waren weit mehr als das, man merkte das schon am Hauptbahnhof, wenn man lauter fröhliche Gruppen in Richtung Olympiastadion fahren sah: Wie bei einer Wiedersehensfeier.

Special Olympics: Wiedersehensparty: Szene von der Eröffnungsfeier, mit aufgeblasenem Brandenburger Tor im Stadion An der Alten Försterei.

Wiedersehensparty: Szene von der Eröffnungsfeier, mit aufgeblasenem Brandenburger Tor im Stadion An der Alten Försterei.

(Foto: Christoph Soeder/dpa)

Sven Albrecht, der Geschäftsführer von Special Olympics Deutschland (SOD), hatte schon vor Corona auf viel Potenzial hingewiesen: Nur 40 000 von rund einer halbe Million Menschen mit geistiger Behinderung in Deutschland trieben da organisiert Sport. Wie viel weniger es nun sind, werde gerade erhoben, sagt er. Doch die Auswirkungen seien massiv. Er geht von einem Rückgang von bis zu 15 Prozent aus.

Albrecht vergleicht die Situation in Behinderteneinrichtungen während der Pandemie mit jener in Seniorenheimen, in denen zum Infektionsschutz kaum Austausch stattfand. Gerade der Mannschaftssport war betroffen. Zudem waren digitale Angebote selten behindertengerecht aufbereitet. Die Folgen: Einsamkeit, gesundheitliche Probleme. Die Spiele 2022, gleichzeitig Qualifikationsmöglichkeit für 2023, boten für viele Teams die erste Gelegenheit zum Wettkampf nach langer Pause.

Die Hauptstadt hat sich zahlreiche Inklusionsprojekte vorgenommen

Es gibt viel zu tun, zum Beispiel im organisierten Sport, der sich weiter für Menschen mit Handicap öffnen könnte - nur etwa zehn Prozent der Teilnehmer in Berlin kamen aus Vereinen. Die Weltspiele auszurichten, bietet sich da natürlich als eine Art Konjunkturprogramm an.

Albrecht sagt bedacht, sein Verband wolle "unterstützen und nicht zu stark fordern", eher Angebote machen, etwa zur Fortbildung von Schieds- und Kampfrichtern. Er betont auch die Erfolge: Der Berliner Landessportbund führt den Berliner SOD-Landesverband als ordentliches Mitglied, was in Deutschland bislang eher die Ausnahme ist. Und die Hauptstadt hat sich zahlreiche Inklusionsprojekte vorgenommen.

Allerdings sollen die Weltspiele nicht nur Berlin etwas angehen: Ein sogenanntes "Host Town Programm" sieht vor, dass Städte und Gemeinden im ganzen Land vier Tage lang internationale Delegationen empfangen. Mehr als 200 machen mit: Jamaikas Team ist dann in Schwetzingen und Wiesloch, die Türkei in Stralsund, Benin in Saarbrücken. Und da kommen die Durlach Tornados ins Spiel, die Mannschaft von Kai Polefka: Sie sind ein Beispiel dafür, was aus solchen Begegnungen entstehen kann.

Special Olympics: Das Tor im Blick: Kai Polefka in Berlin am Ball.

Das Tor im Blick: Kai Polefka in Berlin am Ball.

(Foto: Anna Spindelndreier/Special Olympics World Games/oh)

In Karlsruhe fand 2008 die nationale Ausgabe der Special Olympics statt, der Stadtteilklub TS Durlach sollte seine Halle für Übernachtungen zur Verfügung stellen. "Da haben wir erst erfahren, dass es so etwas wie Special Olympics gibt", sagt Trainer Sebastian Tröndle. Sie wollten mehr tun als Sportler zu beherbergen. "Wir hatten null Plan." Aber sie versuchten es einfach mal.

Zu einem Landesliga-Derby der ersten Handballmannschaft, so erzählt es Tröndle, luden sie Menschen mit Handicap als Zuschauer ein, 150 kamen. In der Halbzeit warben sie für das erste Training. "Und dann standen da 30, 40 Leute."

Wichtig, sagt er, war von Beginn an die finanzielle Eigenständigkeit im Verein, um Missgunst vorzubeugen. Anfangs gehörten sie nicht mal zur Durlacher Handball-Abteilung, das änderte sich aber schnell. "Das schwierigste war, den Leuten beizubringen, dass sie kein Handicap haben", sagt Tröndle und meint: dass sie auch mit Einschränkungen einen Ball werfen und fangen können. Inzwischen sind die Turnados als Vorbild in der Szene bekannt.

Menschen mit geistiger Behinderung mitspielen zu lassen, sei eine Haltungsfrage, findet Durlachs Trainer Tröndle

In Berlin waren sie diesmal als einziger Klub mit drei Mannschaften am Start: Ein Team, in dem nur Athleten mit Behinderung spielen, ein Frauen-Team und eines im Unified-Wettbewerb, dem inklusiven Vorzeigeprojekt der Special Olympics: Athleten mit Handicap spielen gemeinsam mit sogenannten Partnern ohne Behinderung. In Durlach sind das drei Handballerinnen, die über die erste Frauen-Mannschaft des Klubs zum Team kamen.

Die Unified-Mannschaft trat in Berlin unter anderem gegen Ungarns Nationalteam an, internationale Delegationen aus 13 Ländern waren in Vorbereitung auf 2023 dabei. Durlach verlor mit 6:10. Der ungarische Trainer sagte hinterher: "Solche Spiele brauchen wir." So begeistert war er vom handballerischen Niveau.

Durlachs Trainer Tröndle, 38, ist Sozialpädagoge, aber das will er am liebsten gar nicht thematisieren. Menschen mit geistiger Behinderung mitspielen zu lassen, sei eine Haltungsfrage, keine Sache der Ausbildung, findet er. In jeder E-Jugend gebe es schließlich auch unterschiedliche Charaktere. Tröndle ist auch deutscher Nationaltrainer für Berlin 2023, aber er sagt trotzdem, dass es ihm am liebsten wäre, müsste es einen Verband wie Special Olympics gar nicht geben: "Weil ich eigentlich denke, dass es in jedem Handballverband ein Angebot geben muss."

Bei den Turnados gibt es Spieler, die zwar Schwierigkeiten haben, drei Schritte im Spiel zu zählen, aber dann eben beim Laufen den Ball prellen. Es gibt rührende Erfolgserlebnisse. Und es gibt Spieler wie Polefka, der auch in Durlachs dritter Männermannschaft mitmacht.

Polefka arbeitet als Schreiner in einer Behindertenwerkstatt. Als Jugendlicher ging er auf ein Sprachheilinternat, erst danach begann er mit dem Handball. "Besser werden", sagt er, sei sein Ziel, was für gegnerische Torhüter eine durchaus beunruhigende Ansage ist. Wenn man ihn fragt, was ihm am Handball gefällt, sagt er als erstes: "Gemeinschaft."

Er war schon bei zwei Weltspielen dabei, in Los Angeles und Abu Dhabi. Ob er für Berlin 2023 nominiert wird, steht noch nicht fest. "Wenn nicht", sagt er, "fahr ich trotzdem hin." Zum Anfeuern.

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