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Spanische Nationalelf:Adiós, WM?

Fußball-WM 2018 in Russland - Spanien

Darf Spaniens Nationalelf an der WM 2018 teilnehmen?

(Foto: dpa)
  • Die Fifa hat Spanien Medienberichten zufolge mit einem Ausschluss von der WM 2018 gedroht.
  • Hintergrund: Über seine oberste Sportbehörde drängt Spaniens Regierung auf Neuwahlen des Vorsitzenden des Fußballverbandes. Der saß nach zahlreichen Korruptionsvorwürfen in diesem Jahr zwischenzeitlich in Untersuchungshaft.
  • Die Fifa wertet das Vorgehen als möglichen Fall von staatlicher Einflussnahme auf die Verbandsautonomie, was laut Fifa-Statuten verboten ist.
  • Spaniens Regierung steckt in einem Dilemma: Soll sie einknicken - oder riskiert sie die Teilnahme der Nationalelf am Turnier 2018.

Von Javier Cáceres

Das jüngste aller Turniere, die der Fußballweltverband Fifa organisiert, gewann am Samstag Real Madrid. Der amtierende Champions-League-Sieger siegte in Abu Dhabi gegen den Kontinentalmeister Südamerikas, Grêmio Porto Alegre aus Brasilien, mit 1:0 und sicherte sich die Klub-Weltmeisterschaft. In Spanien wurde das mit den üblichen Fanfaren begleitet, für Real Madrid war es der 12. Finalsieg im 12. Finale seit Jahrtausendbeginn.

Für weit größere Debatte sorgte aber die Frage, was für die Spanier aus dem wichtigsten Pokal der Fifa wird, dem Weltpokal für Nationalmannschaften, um den im kommenden Jahr in Russland gestritten wird. Ob Spanien, sportlich qualifiziert, tatsächlich an der WM 2018 teilnehmen darf, steht zumindest in Frage. Denn die Fifa hat den Spaniern Medienberichten zufolge in einem Schreiben mit einem Ausschluss gedroht.

Den Hintergrund bildet der Überlebenskampf des früheren Fifa-Vizepräsidenten Ángel María Villar, der Spaniens Verband RFEF seit 1988 anführt. Villar saß nach zahlreichen Korruptionsvorwürfen in diesem Jahr zwischenzeitlich in Untersuchungshaft, aktuell ist er gegen Zahlung einer Kaution auf freiem Fuß. Kurz vor seiner Festnahme war Villar im Mai 2017 noch einmal als Vorsitzender des RFEF wiedergewählt worden. Die Regierung aber suspendierte ihn wegen der Ermittlungen im Juli. Das Amt wird seither geschäftsführend von einem Villar-Günstling ausgeübt, von Juan Luis Larrea. Nun stehen die Wahlen vom Mai im Fokus eines Machtkampfes, der für Spanien gravierende Folgen haben kann.

Denn: Über seine oberste Sportbehörde CSD drängt Spaniens Regierung auf Neuwahlen. Es geht darum, das Villar-Regime endgültig zu beenden, weil Abhörprotokolle der Polizei angeblich beweisen, dass Villar über Jahre hinweg die Gunst seiner Wähler - die Chefs der Territorialverbände - mit Gefälligkeiten und Geld gekauft hatte. Der geschäftsführende Verbands-Präsident Larrea traf sich Anfang Dezember am Rande der Auslosung zur WM 2018 mit Vertretern von Fifa und dem europäischen Fußballverband Uefa und klagte über Spaniens Regierung.

Ein Jahr 2018 ohne WM wird man sich in Spanien kaum leisten wollen

Ob er das aus eigenem Antrieb oder - wie die Zeitung Marca behauptet - auf Drängen von Villar tat, ist letztlich irrelevant, beide haben ein großes Interesse daran, dass die Wahlen nicht wiederholt werden. Die Fifa schickte dem spanischen Verband einen Brief, in dem die Neuwahlforderung als möglicher Fall von staatlicher Einflussnahme auf die Verbandsautonomie hinterfragt wird. Das ist laut Fifa-Statuten verboten und könnte einen Ausschluss aus dem Weltverband, der Uefa und ihren Wettbewerben zur Folge haben. Adiós, WM?

Laut El País wird im Fifa-Brief das Szenario eines Ausschlusses klar beschrieben. Die Fifa bestätigte die Existenz des Briefes und kündigte die Entsendung einer Fifa-Delegation nach Madrid an, man wolle mit der Regierung sprechen, da man die Lage "mit Sorge" betrachte. Spaniens Regierung zeigte sich offen für eine solche Unterredung, ein Termin ist aber noch nicht vereinbart. Der Grund: Die Regierung will die Expertise des Staatsrates abwarten, ein beratendes und formal unabhängiges Gremium aus früheren Spitzenpolitikern, Ministern und Juristen. Dessen Beschlüsse sind zwar nicht bindend, gelten aber als machtvolle Fingerzeige.

Sollte der Staatsrat gegen Neuwahlen sein, wäre die Forderung hinfällig. Das wäre zwar ein Gesichtsverlust für Spaniens Regierung, weil sie offensiv auf das Ende der Ära Villar drängte und dann dastehen würde als eine Exekutive, die vor der Fifa einknickt. Das würde man im Zweifel jedoch wohl in Kauf nehmen, denn die Alternative, Neuwahlen, würde das Risiko der heiklen Option eines WM-Ausschlusses heraufbeschwören.

Erste Titelverteidigung - Alle Endspiele seit 2000

2000 Boca Juniors - Real Madrid 2:1

2001 Bayern München - Boca Juniors n.V. 1:0

2002 Real Madrid - Olimpia Asuncion 2:0

2003 Boca Juniors - AC Mailand i.E. 3:1 (1:1)

2004 FC Porto - Caldas/Kolumbien i.E. 8:7 (0:0)

2005 FC São Paulo - FC Liverpool 1:0

2006 Porto Alegre - FC Barcelona 1:0

2007 AC Mailand - Boca Juniors 4:2

2008 Manchester United - LD Quito 1:0

2009 FC Barcelona - E. de La Plata n.V. 2:1

2010 Inter Mailand - TP Mazembe/Kongo 3:0

2011 FC Barcelona - FC Santos 4:0

2012 Corinthians São Paulo - FC Chelsea 1:0

2013 Bayern München - Raja Casablanca 2:0

2014 Real Madrid - CA San Lorenzo 2:0

2015 FC Barcelona - River Plate 3:0

2016 Real Madrid - Kashima Antlers n.V. 4:2

2017 Real Madrid - Gremio Porto Alegre 1:0

Das dürfte sich Spaniens Regierung kaum leisten wollen. Fußball wirkt in Spanien seit jeher nicht nur als gesellschaftlicher Kitt, sondern auch als Sedativ. Jetzt, da das Land an allen Fronten, politisch und wirtschaftlich, eine tiefe Staatskrise durchlebt, wird man sich ein Jahr 2018 ohne WM kaum leisten wollen. "Spanien wird bei der WM dabei sein und diese auch gewinnen", sagte Ministerpräsident Mariano Rajoy.

Gleichwohl verspürt der suspendierte Präsident Villar Oberwasser. Jahrelang mied er Medienauftritte. Nun kündigte er für Montag überraschend eine Pressekonferenz an. Spanien schaut ungläubig auf die Geschehnisse. Liga-Verbandschef Javier Tebas bezeichnete die Berichte über die Ausschluss-Drohung als verfrühten Aprilscherz. Und Real Madrids Kapitän Sergio Ramos, der am Samstag in Abu Dhabi nach dem Siegtor von Cristiano Ronaldo (53.) gegen Grêmio den Klub-Weltpokal aus den Händen von Fifa-Präsident Gianni Infantino entgegennahm, will nicht glauben, dass Spanien "in einem Büroraum verliert, was es sich auf dem Feld so mühsam verdient hat".

© SZ vom 18.12.2017/chge

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