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Spaniens Nationalteam:Superspreader der Zuversicht

Das außergewöhnliche 6:0 gegen das DFB-Team weckt im pandemiegeplagten Spanien die Hoffnung, dass die Selección bald wieder so erfolgreich ist wie vor einem Jahrzehnt.

Von Javier Cáceres

(201118) -- SEVILLE, Nov. 18, 2020 -- Players of Spain celebrates the goal during the UEFA Nations League group match b; x

Ungewohnte Rolle: Manuel Neuer (links) sieht zu, wie andere jubeln, die diesem Fall die Spanier. Und das sogar sechsmal!

(Foto: Pablo Morano/Xinhua/Imago)

Die Synthese des Spiels lieferte Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique, noch ehe er zur Pressekonferenz im Estadio de La Cartuja erschienen war. In einem Video, das der spanische Verband RFEF gegen Mitternacht veröffentlichte, sah man, wie der Coach im Kabinentrakt dem Kapitän Sergio Ramos entgegenlief und ihn so umarmte, wie man das früher legal tun durfte. "Qué partidazo ...", lautete der abgebrochene Satz, den Luis Enrique ausstieß, was für ein Spiel! "Joer, Joer ...", stammelte Ramos lächelnd zurück - "Verdammt, verdammt!" Dann fiel er dem Nächsten in den Arm - "Qué alegría, macho!", welch eine Freude, Kerl!

Sechs Tore gegen einen mehrmaligen Weltmeister - das hat es, so unglaublich es klingen mag, schon einmal gegeben. Während die Deutschen im Almanach bis zu den Zeiten Hindenburgs und Brünings zurückblätterten, um eine vergleichbare Schmach zu finden - die Spanier kamen nur bis zum März 2018, als sie den zweimaligen Weltmeister Argentinien 6:1 besiegten. Dennoch: Dieser Sieg fühlte sich anders an, auch weil Argentinien damals ohne Lionel Messi antrat. "Deutschland hat mit Ausnahme von Kimmich (verletzt) seine beste Elf aufgeboten", hob Luis Enrique hervor. Trotzdem vollbrachte seine Elf eine Leistung, die sich nicht so schnell vergessen lässt.

"Wir haben", sagte Enrique, "Deutschland minimisiert." Im Wortsinne. Sogar zwei Kopfballtore nach Ecken hatte es in der ersten Hälfte gegeben, wofür es in Spanien ebenfalls historische Vorlagen gab: bei Siegen gegen San Marino und Malta. Dem Reporter des spanischen Fernsehens ging der Gaul derart durch, dass er die letzte, in faschistoiden Kreisen tief verankerte Depesche vom letzten Tag des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) paraphrasierte. Die deutsche Mannschaft erklärte er nach dem 4:0 für "gefangen und entwaffnet" - wie weiland die Truppen der Republikaner am Vorabend der fast 40 Jahre währenden faschistischen Diktatur.

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Größenvorteile genutzt: Alvaro Morata (rechts) lässt Serge Gnabry beim 1:0 klein aussehen.

(Foto: Miguel Morenatti/AP)

Spaniens Sieg kam in Höhe und Vollkommenheit gänzlich unerwartet. Und er glättete Wogen. Nach dem 1:1 in der Schweiz am Samstag schien Luis Enrique auf bestem Wege zu sein, allein auf weiter Flur zu stehen. Unter anderem wurde ihm um die Ohren gehauen, dass er die falschen Leute aufgestellt und ohne Not auf einen echten Stürmer wie Álvaro Morata verzichtet hatte. Was stimmte. Seit Monaten lamentiert Spaniens Presse in crescendo, dass es dem Nationalteam an Toren gebricht - was statistisch belegbar war -, nun gab es allein deshalb "nur" sechs Treffer, weil ein Tor aberkannt, nicht alle Großchancen verwertet und ein Elfmeter verweigert wurde - und weil Manuel Neuer im deutschen Tor Dinge machte, "die eines Neuers würdig waren", wie die Zeitung Diario de Sevilla verzückt schrieb.

Spanien hat nunmehr in den sechs Nations-League-Spielen 13 Treffer erzielt, zählte Luis Enrique auf, nach einer "Nacht, die man selten erlebt, weil alles, was du geplant hattest, perfekt aufgeht. Wenn du Qualität und die richtige Einstellung hast, passieren solche Dinge", referierte der glückliche Coach. Und dennoch, einer wollte nur noch weg: Stürmer Morata.

"Ich habe große Lust, nach Hause zu fahren, um zu sehen, was die Leute jetzt sagen", erklärte der Angreifer von Juventus Turin - und lieferte die einzige Stellungnahme, die darauf deutete, wie gereizt das Klima am Vorabend der Partie noch gewesen war. "Ich habe immer gesagt, dass ich optimistisch bin, und das war keine Pose", sagte Luis Enrique, der über Nacht zum Superspreader der Zuversicht eines Landes wurde, das pandemiegeplagt ist wie kaum ein zweites in Westeuropa. Am Vorabend des Spiels hatte es noch beschämt zu Boden geblickt, weil der spanische Erdbeobachtungssatellit Ingenio kurz nach dem Start von der Flugbahn abgekommen war.

Nun wirkt es, als hätten die Spanier genau dort, am Boden, die weltbesten Ingenieure - obwohl sie noch immer Lichtjahre entfernt sind von jener Generation um Xavi und Iniesta, die 2008, 2010 und 2012 zwei Europameister- und einen Weltmeistertitel aneinanderreihte.

Der unzerstörbare Respekt vor dem Siegel "Made in Germany" verlieh dem Sieg jedoch besonderen Glanz. "Deutschland ist ohne jede Frage noch immer eine der besten Mannschaft Europas und der Welt", sagte Luis Enrique. Möglicherweise habe sich bemerkbar gemacht, dass Löw in Toni Kroos gegenüber Samstag nur eine frische Kraft brachte: "Wir hatten unsere Zweifel, ob sie das Risiko eingehen würden, mit Kroos, Gündogan und Goretzka zu spielen", verriet Spaniens Coach; zudem schickten die Deutschen erneut "die drei entscheidendsten Spieler ihrer offensiven Phase" aufs Feld: Gnabry, Sané und Werner. Enrique hingegen rotierte sechs Spieler neu ins Team. "Ich habe keine fixe Elf", betonte er, man habe vielmehr "23, 24, 25 Spieler, die ohne Ausnahme in einer Startelf stehen können". Das könnte in Turnieren noch von großer Bedeutung sein.

In der Tat: Eine der vielen Fußnoten dieser Partie ist, dass Spanien ohne jenes Mittelfeld antrat, das Luis Enrique gefunden zu haben schien: Busquets und Thiago fehlten verletzt, Fabián und Mikel Merino wurden eingewechselt. Aber: Es funktionierte die Idee, die Luis Enrique entwickelt hat: Der fabulöse Pep-Guardiola-Schüler Ferrán Torres (Manchester City) erzielte nicht nur einen Hattrick, er war mit Sturmpartner Morata, dem wieder erstarkten Koke (Atlético Madrid), mit Rodri (City) und Leipzigs Dani Olmo auch einer der Architekten eines vorbildlichen Pressings.

"Wir haben sie dazu gezwungen, lange Bälle zu spielen, was sie nicht mögen, und waren selbst in der Erarbeitung sehr präzise", so der Trainer. "Die EM kann beginnen", tönte die Zeitung As.

© SZ vom 19.11.2020
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