Süddeutsche Zeitung

Spanien in der Rubiales-Krise:Die dröhnende Stille der spanischen Nationalspieler

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Die "Kuss-Affäre" um den gesperrten Verbandschef setzt auch Spaniens Männernationalteam zu. Verteidiger Dani Carvajal muss nach aufsehenerregenden Aussagen zurückrudern.

Von Javier Cáceres

Zu Beginn der Woche wurde Spaniens Fußballnationalmannschaft in Las Rozas bei Madrid zusammengezogen, auf dass sie sich in der Zentrale des spanischen Verbandes RFEF auf das am Freitag anstehende EM-Qualifikationsspiel in Tiflis gegen Georgien (18 Uhr/Dazn) vorbereite. Und wer eines Beweises bedurfte, dass ebendieser Verband wegen der Krise um seinen gesperrten Präsidenten Luis Rubiales, 46, gerade Konvulsionen erlebt, der musste nicht durch die Flure laufen, in denen sich Rubiales-Anhänger und -Gegner mit Fäusten in den Taschen begegnen. Er konnte es auch daran ablesen, dass das gängige Protokoll des A-Teams völlig über den Haufen geworfen war.

Die herzlichen Begrüßungen, die sonst dem Wiedersehen der spanischen Internationalen innewohnen, der übliche Smalltalk war diesmal flüchtiger Natur. Stattdessen fanden sich die Spieler zu einer dreistündigen Sitzung zusammen, in der besprochen wurde, wie man sich zum Thema Rubiales und dessen "Kuss-Affäre" von der Frauen-WM in Sydney verhalten sollte. Gesellschaftspolitik statt Taktiktafel und Playstation-Turniere - es war, als führte Spaniens Nationalteam auf anderer Ebene ein Remake der Regenbogenbinden-Krise des deutschen WM-Kaders von Katar auf.

Mit ein paar Unterschieden. Anders als seinerzeit Bundestrainer Hansi Flick wird Spaniens Nationalcoach Luis de la Fuente kritisch beäugt. Ähnlich kritisch wie zuletzt der bisherige Frauen-Auswahltrainer Jorge Vilda. Der wurde am Dienstag abgesetzt. Ein Grund dafür ist, dass beide auf einem ikonischen Bild zu sehen waren: Beide hatten bei Rubiales' Verteidigungsrede vor der Vollversammlung des Verbandes in der ersten Reihe gesessen - und dem nunmehr gesperrten und strafrechtlich verfolgten Präsidenten stehend applaudiert.

Als sie sich gewahr wurden, dass Spaniens Öffentlichkeit Rubiales' Diskurs als infam empfanden, distanzierten sie sich zwar. De la Fuente geißelte sich danach so exzessiv, wie es verbal möglich war. Er erkenne sich nicht wieder und würde gern die Uhr zurückdrehen, um nicht zu applaudieren, sagte er vor ein paar Tagen bei einer Pressekonferenz voller schneidender Fragen. Doch das Thema blieb. Auch wegen der Rolle der Männer-Auswahlspieler, die von weiten Teilen der Öffentlichkeit als mindestens unrühmlich empfunden wurde.

Während im Land ein Sturm der Entrüstung losbrach, hielten sie sich mit Vorwürfen an den desavouierten Rubiales oder mit Solidaritätsadressen für die Kolleginnen derart zurück, dass die Stille dröhnend wurde. Der Stürmer Borja Iglesias von Betis Sevilla war die große Ausnahme. So wie rund 80 Topspielerinnen erklärte er, das Nationalteam boykottieren zu wollen, bis sich die Strukturen verändert hätten.

Spaniens Spieler wollen nicht weiter behelligt werden - das bleibt ein frommer Wunsch

Umso stärker stieß auf, dass sich der Kader der Männer-Nationalmannschaft nur auf einen verschwindend kleinen gemeinsamen Nenner einigen konnte, als er in Las Rozas am Montag beisammensaß. Er besagte einerseits, dass man "das Verhalten von Herrn Rubiales zurückweise", weil es "inakzeptabel war und der Institution, die von ihm vertreten wird, nicht gerecht wird". Doch im Kommuniqué, das als Audiodatei 99 Sekunden abwirft, fehlt jede Erwähnung von Jennifer Hermoso, die Rubiales mittlerweile wegen eines sexualisierten Übergriffs angezeigt hat. Was hingegen nicht fehlte: die Bitte, nicht weiter mit der Affäre behelligt zu werden. "Angesichts der Relevanz der vor uns liegenden Herausforderungen möchten wir uns von nun an auf sportliche Themen konzentrieren."

Das freilich blieb ein frommer Wunsch. Zum Leidwesen unter anderen des früheren Leverkuseners Dani Carvajal, Rechtsverteidiger von Real Madrid. Er sorgte für Aufsehen, als er in einem Radiointerview infrage stellte, ob Hermoso überhaupt als Opfer betrachtet werden dürfe. Anderntags ruderte er zurück.

Jenseits davon bleibt eine sportlich heikle Lage. Als Nachfolger von Luis Enrique (nunmehr Trainer bei Paris Saint-Germain) hat Luis de la Fuente vier Spiele hinter sich, und dabei einerseits gegen Kroatien die Nations League gewonnen, andererseits das EM-Qualifikationsspiel bei den mittlerweile in vier Spielen ausschließlich siegreichen Schotten in den Sand gesetzt. Spanien steht derzeit mit drei Punkten aus zwei Spielen auf dem vorletzten Platz der Gruppe A. Und ist damit zum Siegen verdammt - allein schon deshalb, weil andernfalls die Diskussionen um de la Fuente noch stärker an Fahrt aufnehmen dürften.

Am Donnerstagabend schaffte es die Auswahl dann immerhin mit sportlichen Nachrichten anderer Art in die Schlagzeilen: Die Spieler bestritten das Abschlusstraining in Tiflis in Turnschuhen, weil das Gepäck mit Fußballtretern und Torwarthandschuhen die Anreise nicht mitgemacht hatte.

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