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Spaniens EM-Auftakt gegen Schweden:Meister des Funkenschlags

Wenn Luis Enrique etwas nicht passt, kommt ein verbales Umschaltspiel zum Tragen.

(Foto: Javier Soriano/AFP)

Der scharfzüngige Trainer Luis Enrique will Spaniens vierten EM-Titel mit seinen ganz eigenen Ideen sichern - auch wenn diese nicht überall gut ankommen und es Lücken im Kader gibt.

Von Javier Cáceres, Bukarest

Es gibt Momente schneidender Stille, die sich ergeben, wenn Worte im Raum stehen, die einen erschlagen können. Vor dem Spiel der Spanier gegen Schweden, das am Montagabend in Sevilla ansteht, gab es so einen solchen Moment: als Trainer Luis Enrique, 51, die Presse über die umgehend als "Corona-Panik" gebrandmarkte Lage unterrichten und erklären wollte, wie er persönlich den (echten) Corona-Fall von Kapitän Sergi Busquets sowie den (falschen) Positivtest von Diego Llorente verarbeitet hatte.

"Verglichen mit dem, was ich erlebt habe, ist das alles ein Kinderspiel", sagte Luis Enrique also, und in dem virtuellen Raum, in dem die Pressekonferenz stattfand, machte sich große Betretenheit breit. Denn jeder wusste, was gemeint war: der Krebstod seiner Tochter Xana im Jahr 2019.

Nie zuvor hatte Luis Enrique öffentlich an diese Tragödie erinnert, nicht aus freien Stücken und nicht gezwungenermaßen. So, wie die spanischen Journalisten sich an den ungeschriebenen, pietätvollen Schweigepakt gehalten hatten, als längst die Gerüchte um eine todbringende Krankheit des Mädchens kursierten - so fand sich auch danach niemand, der es gewagt hätte, das Thema auch nur in Andeutungen aufzuwerfen. In einem Land wie Spanien, in dem man Debatten über intimste Konflikte schon mal lauthals an der Supermarktkasse führt, ist das durchaus bemerkenswert.

Die eiserne Zurückhaltung hat auch mit dem Schutzwall zu tun, den Luis Enrique von jeher um sich herum errichtet hat. Der frühere Mittelfeldspieler, der von Sporting Gijón - seiner einzig wahren fußballerischen Liebe - zu Real Madrid und von dort zum Erzrivalen FC Barcelona gewechselt ist, er hat die Medien schon zu seinen Zeiten als Profi auf Distanz gehalten.

Individuelle Interviews waren bei ihm die Ausnahme. Andererseits hat er sich nie auf die Zunge gebissen, und das hält er bis heute so. Wenn Luis Enrique etwas nicht passt, kommt ein verbales Umschaltspiel zum Tragen, ein feines Stakkato aus ironischen und sarkastischen Worten, getragen von einem Unterton, der nicht selten herablassend wirkt - und der meist auch so gemeint ist. Seine Zunge ist schärfer als jedes Messer, zu denen man in Spanien greift, um den Schinken kunstvoll zu zerteilen.

Nicht ein Spieler von Real Madrid steht in Luis Enriques Kader - das irritiert viele Spanier

Sein Disput mit dem früheren Assistenten Robert Moreno, der das Traineramt von Luis Enrique nach dem Tod der Tochter nicht bloß warmhalten, sondern am Ende behalten wollte, war exemplarisch. Luis Enrique nannte den Ehrgeizling Moreno öffentlich "illoyal" und schloss dessen Eingliederung in den Trainerstab aus.

Als ihm hinterbracht wurde, dass eine Links-Abgeordnete gegen die Bevorzugung der Fußballer bei der Corona-Impfung agitiert hatte ("elf Männer, die einem Ball Trittchen verpassen, werden besser behandelt als jene, die in der Corona-Krise an vorderster Front gekämpft haben"), konterte Luis Enrique mit demonstrativer Ignoranz: "Die Indifferenz ist eine sehr gute Waffe." Er ist allerdings auch hart gegen sich selbst: Nach dem Ende seiner Karriere praktizierte er Extremsportarten , unter anderem absolvierte er den Triathlon über die Ironman-Distanz. Auch das stählt. Für jede Form von Funkenschlag.

November 15, 2020, Basel, Switzerland: Sergio Ramos of Spain kicks a penalty during the UEFA Nations League group stage

Einzigartig in Spaniens Turniergeschichte: Nationalcoach Luis Enrique hat keinen Spieler von Real Madrid für den EM-Kader nominiert, nicht mal Kapitän Sergio Ramos (Mitte).

(Foto: Indira /ZUMA Wire/imago)

Zuletzt waren in Pressekonferenzen von Luis Enrique wieder mehr solcher Funken zu sehen, was auch damit zu tun, dass er aus voller Überzeugung Entscheidungen trifft, die nicht überall in Spanien gut ankamen. "Seine Fähigkeit, Routinen den Kampf anzusagen, ist sprichwörtlich", schrieb sein früherer Mannschaftskamerad bei Barça und der spanischen Auswahl, der frühere Torwart Andoni Zubizarreta, in einer Kolumne für die Zeitung El País.

Luis Enrique ist der einzige von insgesamt 24 EM-Nationaltrainern, der das mögliche Kaderkontingent von 26 Spielern nicht ausschöpfte, 24 reichten ihm. Nach den Positivtests von Busquets und Llorente wussten es alle erst recht besser. Doch Luis Enrique setzte noch einen drauf: Wenn er sich neu entscheiden könnte, würde er es bei 23 belassen, weil dann die Ansteckungsgefahr um einen Kopf geringer sei.

Vorne fehlt ein Goalgetter, hinten gibt es Zweifel

Irritierend blieb für viele Spanier überdies, dass er nicht einen Spieler von Rekordmeister Real Madrid berief. So etwas hatte Spanien in seiner Turniergeschichte nie erlebt. Der berühmteste unter den Ausgebooteten: der nominelle Kapitän Sergio Ramos, der 2021 nur eine Handvoll Spiele bestritten hat. Luis Enrique hielt den Kader auch dann "madridista"-frei, als er 17 (!) Spieler in einen B-Kader berief. Den vierten EM-Sieg für Spanien nach 1964, 2008 und 2012 will er mit seinen Leuten und seinen Ideen sichern. Und zu seinen Leuten zählt vor allem Busquets, der letzte Spieler aus dem siegreichen WM-Kader von Südafrika 2010.

Tatsächlich ist der Kader mit einer Reihe junger, qualitativ hochwertiger Mittelfeldspieler versehen, wie Dani Olmo (RB Leipzig) und Pedri (FC Barcelona), doch im Strafraum hakt es. Vorne fehlt ein Goalgetter, der für Tore garantiert, hinten gibt es Zweifel, ob Unai Simón als Torwart überzeugt. Für alle Fälle griffen die Spanier am Sonntag in die Kiste der kleinen, perfiden Tricks. Sie schickten ihre schwedischen Gäste um 14.30 Uhr zum Abschlusstraining auf den Platz, in Sevilla herrschten da weit über 30 Grad im Schatten. Schwedens Trainer Janne Andersson fand das gar nicht fein.

© SZ/jkn/bek/and
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