Dominanz gegen Kroatien:Spanien spielt nicht spanisch – und gewinnt 3:0

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Spaniens Dani Carvajal (l) jubelt nach dem Tor zum 3:0 mit seinem Teamkollegen Lamine Yamal. (Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa)

Verblüffend wenig Ballbesitz, dafür viele Konter und viel Effizienz: Spanien deklassiert Kroatien 3:0. Lamine Yamal stellt einen Rekord auf, Rodri muss verletzt runter – und die Kroaten müssen zittern.

Von Javier Cáceres, Berlin

Spanien ist mit dem Punch eines Schwergewichtlers in die Europameisterschaft gestartet. Der dreimalige Titelträger brachte ein fest in kroatischer Hand befindliches Berliner Olympiastadion schon zur Halbzeit zum Verstummen – und siegte im ersten Spiel der Gruppe B mit 3:0 (3:0). Allerdings musste Spaniens Trainer Luis de la Fuente sowohl Kapitän Álvaro Morata wie auch dessen Stellvertreter Rodri nach Verletzungen auswechseln. Zumindest Morata gab Entwarnung: „Ich bin bereit für (das Spiel gegen) Italien.“ Seine Auswechslung sei eine reine Vorsichtsmaßnahme gewesen, die Diagnose bei Rodri stand am Samstag noch aus.

Wer die einschlägigen Statistikseiten konsultierte, entdeckte zur Halbzeit und auch am Ende der Partie Unerhörtes. Die Ballbesitzquote – dem Klischee zufolge Sinn und Zweck spanischer Fußballkunst – wies einen Vorteil zugunsten der Kroaten aus. Je nach Anbieter lag er zwischen 52 und 57 Prozent. Auf den drei Anzeigentafeln des sonnengefluteten Olympiastadions aber prangte sowohl nach 45 wie auch nach 90 Minuten ein deutliches 3:0 zugunsten der Spanier. Sie hatten von einem derartigen Start ins Turnier allenfalls kleinlaut geträumt. Zu groß war der Respekt vor der erfahrenen Mittelfeldreihe der Kroaten im Allgemeinen und ihrem bei Real Madrid beschäftigten Kapitän Luka Modric im Besonderen gewesen.

Der fast 39-jährige Regisseur, der sein fünftes EM-Turnier spielt, wurde von Marcelo Brozovic und Mateo Kovacic flankiert. Das bedeutete, dass die Mittelfeldreihe der Kroaten zusammen rund 100 Jahre alt war und mit der Erfahrung von mehr als 370 Länderspielen in die Partie ging. Zum Vergleich: Ihre spanischen Pendants Rodri, Pedri und Fabián kommen zusammen nicht einmal auf 100 Einsätze in der Nationalelf. Doch das spielte nach dem Ende der Partie keine Rolle mehr. Zu konkret waren die Angriffsbemühungen der Spanier gewesen, zu gnadenlos ihre Aktionen – als würden sie die glorreiche zentrale Mittelfeldachse der Kroaten ins Pflegeheim verweisen; Modric und Kovacic wurden in der zweiten Halbzeit ausgewechselt. „Sie haben eine Stunde gespielt. Wir wussten, dass wir noch zwei schwere Spiele gegen Albanien und Italien haben. Wir wollten sie nicht zu lange spielen lassen, und anderen Spielern eine Chance geben. Wir wollten sie einfach schonen“, sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic.

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Der Profi von RB Leipzig trifft bei der EM zum Auftakt auf das Land, in dem seine Karriere einen großen Schub erhielt. Bald könnte für Olmo der nächste Wechsel anstehen – er liebäugelt mit dem FC Bayern.

Von Javier Cáceres

Die Kroaten hatten die Spanier anfangs tief gestaffelt empfangen, ihnen zunächst den Ball überlassen, sich aber nach und nach die Kontrolle übers Spiel gesichert. Just als sie sich am sichersten fühlten, schlugen die Spanier zu. Linksverteidiger Marc Cucurella eroberte den Ball, Rodri schob ihn in der eigenen Hälfte zu Fabián, und dieser teilte die kroatische Abwehr mit einem gnadenlosen Pass in die Tiefe entzwei. Der Mittelfeldspieler von Paris Saint-Germain hatte erkannt, dass die auch in anderen Situationen dürftig agierenden Innenverteidiger Josip Sutalo und Marin Pongracic sich noch nicht darüber verständigt hatten, wer sich um Spaniens Kapitän und Mittelstürmer Álvaro Morata kümmern sollte. Und so konnte Morata allein aufs kroatische Tor zustürmen und ohne größere Mühen zur Führung vollenden (29.).

Nur wenig später gab es den Versuch einer kroatischen Antwort (durch den Hoffenheimer Andrej Kramaric). Doch das Tor trafen wieder die Spanier, in einem mit Kunst gepaarten Akt der Entschlossenheit. Rechtsaußen Lamine Yamal, der seit Samstag als 16-Jähriger nun der jüngste EM-Spieler der Geschichte ist, spielte am Strafraumrand Fabián an, und dieser zeigte einen besonderen Moment individueller Klasse.

Kroatiens Tor nach einem Elfmeter zählt nicht, weil Perisic zu früh in den Strafraum rannte

Fabián ließ einen Kroaten mit einem Hackentrick ins Leere laufen, setzte einen weiteren mit einem Richtungswechsel außer Gefecht – und schloss mit einem Linksschuss aus 14 Metern in die rechte Ecke zum 2:0 ab (32.). Wieder setzte Kroatien zu einer Replik an, diesmal durch den Wolfsburger Lovro Majer; aber wieder wurde es nichts, weil er nach einem von Torwart Unai Simón abgewehrten Abschluss von Brozovic den Abpraller ans Außennetz setzte. Die Spanier hingegen agierten schon wieder treffsicher. In der Nachspielzeit der ersten Hälfte versenkte Rechtsverteidiger Dani Carvajal nach einer Hereingabe von Lamal den Ball aus fünf Metern.

Auch nach der Pause setzten die Spanier ein Spiel fort, das an Miles Davis erinnerte. Sie ließen die Kroaten zunehmend wilde Rhythmen spielen, setzten aber selbst Synkopen wie einst der legendäre Jazz-Trompeter: Sie spielten zielsicher gesetzte Konter. Schon früh hätte das fast zum Erfolg geführt: Wäre Dominik Livakovic nicht zu einer Glanztat abgetaucht, so wäre Spanien in der 52. Minute nach einem Außenristpass von Pedri durch Lamal zu einem vierten Treffer gekommen. Die Kroaten agierten zunehmend mit Verve – und kamen in der 55. Minute ihrerseits zu einer Großchance, die der Leverkusener Josip Stanisic aus sechs Metern vergab. Die Spanier überlebten dann nicht nur den Nachschuss, sondern später auch den fast schon traditionellen Bock von Torwart Simón (Athletic Bilbao), der mit den Füßen nicht so gut mit dem Ball umgehen kann.

Diesmal verdaddelte Simón einen Rückpass, Majer legte ab auf den kurz zuvor eingewechselten Stürmer Bruno Petkovic – und der holte einen Elfmeter heraus, weil Rodri ihm am Fünfmeterraum ein Bein stellte. Beim Strafstoß fand Petkovic zunächst in Simon seinen Meister – dass der Ball danach im Netz landete, blieb aufgrund der Intervention des Videoschiedsrichters ohne Effekt. Denn es stellte sich heraus, dass Ivan Perisic zu früh in den Strafraum gelaufen war, als er den Abpraller eroberte (80.). Das Tor, das den Kroaten womöglich Hoffnung gegeben hätte, wurde den Regeln entsprechend annulliert, sodass es beim Stand aus der Halbzeit blieb: Die Spanier haben sich vor dem Duell mit dem Titelverteidiger Italien eine glänzende Ausgangsposition verschafft, um die K.-o.-Runde zu erreichen. Die Kroaten müssen wohl zittern. Mittelstürmer Ante Budimir sprach von einer „sehr harten Niederlage“ und sagte: „Wir haben keine Zeit, traurig zu sein.“ Denn: „Das Spiel am Mittwoch (gegen Albanien) ist für uns ein Endspiel.“

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