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Athletic Bilbao:Mit Sparschwein und Steinbruch

Athletic Club v FC Barcelona  - La Liga

Barcelonas Antoine Griezmann verliert einen Zweikampf gegen Bilbaos Unai Lopez. Auch finanziell könnte Barcelona bald ins Hintertreffen geraten.

(Foto: Juan Manuel Serrano Arce/Getty Images)
  • Athletic Bilbao ist in der großen Finanzkrise der gesündeste Klub in Spanien.
  • Statt am globalen Transferzirkus teilzunehmen, rekrutiert man nur Spieler aus der Region, oft aus der eigenen Akademie.
  • Hohe Ablöse-Einnahmen haben die Kasse gefüllt.

Von Javier Cáceres

Die Bilbainer halten sich viel darauf zugute, der Globalisierung die Stirn geboten zu haben. Abgesehen von wenigen anderen Ausnahmen - wie etwa Chivas Guadalajara aus Mexiko - sind die Fußballer von Athletic Bilbao eines der letzten Reduits lokaler Verwurzelung in einer Welt von transkontinentalen Finanzströmen geblieben, sie rekrutieren nur Spieler aus der eigenen Region. Frei nach Asterix: "Die ganze Fußballwelt? Nein! Ein von unbeugsamen Basken bewohnter Klub hört nicht auf, dem Transferwahnsinn Widerstand zu leisten."

Dass man an der romantischen Idee ein paar Abstriche vornehmen muss, und dass es in der Vergangenheit bei Athletic auch mal einen geheimnisumwitterten Miraculix gab, den auf Doping-Zaubertränke spezialisierten Radsport-Arzt Sabino Padilla - in diesem Fall geschenkt. Nimmt man jetzt, da die Finanzen der Fußballwelt in Flammen stehen, so wie einst im berühmtesten Entree der Comic-Geschichte das Brennglas zur Hand, dann sieht man einen Verein, der beste Chancen hat, die härteste Krise der Fußball-Industrie gut zu überstehen. Sein Name: Athletic Club de Bilbao - zusammen mit dem FC Barcelona und Real Madrid der einzige Klub, der seit Gründung der spanischen Liga 1929 ohne Unterbrechung erstklassig war.

Natürlich hat auch Athletic Kollateralschäden der Pandemie zu bewältigen, aktuell gibt es auch in Bilbao Debatten um einen Gehaltsverzicht. Sollte der Mitte März unterbrochene Spielbetrieb in Spaniens Liga nicht mehr aufgenommen werden können, was angesichts dramatischer Todeszahlen im Land für viel wahrscheinlicher gehalten wird als anderswo in Europa, sollen die Profis auf 20 Prozent ihrer Bezüge verzichten; das schrieb die örtliche Zeitung El Correo am Donnerstag.

Bilbaos Kriegskasse war vor Ausbruch der Krise gut gefüllt

Ein Saisonabbruch wäre auch sportlich bitter: Athletic Bilbao hat das spanische Pokalfinale erreicht. Das Extremszenario des Klubs sieht Einnahmeausfälle von mindestens 30 Millionen Euro vor; es fehlen Erlöse aus dem Ticketing, Merchandising, aus Konferenzen, VIP-Logen, Museumsbesuchen - und natürlich die Fernsehgelder. Und doch nehmen sich Bilbaos Probleme vergleichsweise gering aus, vor allem wenn man sie in Relation setzt zur dramatischen Lage beim Meister FC Barcelona.

Der Grund: Bilbaos Kriegskasse war vor Ausbruch der Krise gut gefüllt. Sogar die Zahlungsmodalitäten spielen dem Tabellen-10. der spanischen Liga jetzt in die Hände. Während die meisten Vereine in Spanien ihren Profis das Salär monatlich überweisen, zahlt Athletic Gehälter halbjährlich. Das verschafft jetzt Zeit. Statt akuter Liquiditätsprobleme haben die Basken Spielraum, um sich zu ordnen.

Der Grund für das gut gefüllte Sparschwein weist zurück ins Jahr 2012 - und zu einem Profi aus dem aktuellen Kader des FC Bayern München. Seinerzeit eiste der deutsche Rekordmeister den Defensivhybriden Javier Martínez aus Bilbao los. Der Transfer traf die Basken emotional ins Mark. Martínez war der erste, der seinen Abschied erzwang, indem er die vertraglich festgeschriebene Ablösesumme hinterlegen ließ: 40 Millionen Euro. In der Rückschau aber sicherte diese Operation die erste Schicht eines Finanzpolsters, von dem Bilbao bis heute zehrt. Denn statt das Geld zurück in den Markt zu pumpen, legte der damalige Klubchef Josu Urrutia, einst Spieler unter dem früheren Athletic-Trainer Jupp Heynckes, die Überweisung aus dem Freistaat auf die hohe Kante. Mit noch höheren Einnahmen aus den Verkäufen von Spielern wie Aymeric Laporte (Manchester City/65 Millionen Euro) oder Torwart Kepa (FC Chelsea/80 Millionen Euro) wurde später ähnlich verfahren.

Laut Transfermarkt hat Athletic seit der Saison 2009/10 für Zugänge 104 Millionen Euro ausgegeben - im selben Zeitraum aber 221 Millionen Euro eingenommen. 2018 wies Bilbao in seiner Bilanz einen Gewinn von fast 24 Millionen Euro aus. In der Vorsaison sank der Gewinn auf eher symbolische 125 000 Euro, und das auch nur deshalb, weil auf einen nicht näher genannten Betrag aus der Spardose zurückgegriffen wurde, nachdem man die Europa League verpasst hatte. Weit interessanter war, dass in der Sparte "Verbindlichkeiten" vor der Kennziffer ein Minuszeichen stand: Die Verbindlichkeiten beliefen sich auf minus 92 Prozent der Saisoneinnahmen 2018/19. Mit anderen Worten: Athletic schreibt schwarze Zahlen und hatte Mitte vergangenen Jahres sagenhafte 188 Millionen Euro in der Kasse. Zum Vergleich: Den Champions-League-Teilnehmer Atlético Madrid drücken Verbindlichkeiten von mehr als 500 Millionen Euro.

Der Klub profitiert von seiner bestens beleumundeten Jugendakademie

Dass Bilbao finanziell der im Moment mit Abstand solideste Klub der spanischen Liga ist, hat auch mit der fast einzigartigen Klubphilosophie zu tun. Athletic rekrutiert grundsätzlich nur Spieler aus dem Baskenland, wobei sich das Einzugsgebiet seit geraumer Zeit nicht mehr auf die Autonome Gemeinschaft Baskenland (2,2 Millionen Einwohner) beschränkt, sondern auch auf angrenzende Regionen wie La Rioja erstreckt. Javier Martínez wurde in der ebenfalls im Norden des spanischen Staates gelegenen Navarra geboren.

Für den aktuell prominentesten Spieler Athletics, Stürmer Iñaki Williams, gilt zudem, was man von 85 Prozent der Kaderprofis des achtmaligen spanischen Meisters sagen kann (und auch von Javi Martínez sagen konnte): Alle wurden in der bestens beleumundeten Jugendakademie des Klubs ausgebildet, in Lezama, einem Talente-Steinbruch vor den Toren der Stadt.

"Im Moment sind wir im Mittelfeld überbucht"

Um solche Spieler zu halten, wendet Athletic fast 70 Prozent der Einnahmen auf, rund 84 Millionen Euro. Ein solcher Etat bietet die Möglichkeit, auf dem Transfermarkt tätig zu werden - sofern die Spieler den Rekrutierungskriterien entsprechen, also eine baskische Verwurzelung aufweisen. Gefahndet wird nach Nachfahren baskischer Auswanderer, etwa in Lateinamerika, nach Spielern aus dem französischen Baskenland (wie einst der spätere Bayern-Profi Bixente Lizarazu) - oder nach rückkehrwilligen Ex-Spielern.

In Bilbao träumen sie daher auch von Javi Martínez, dessen Vertrag in München 2021 ausläuft. Sportdirektor Rafa Alkorta erteilte einer Rückkehr zur nächsten Saison aber eine Absage: "Darüber müsste man im kommenden Jahr sprechen, im Moment sind wir im Mittelfeld überbucht."

Grundsätzlich müsse es den Fans aber immer mehr Freude bereiten, "einen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs in der ersten Mannschaft debütieren zu sehen, als jemanden von außen". Das Jugendzentrum müsse ein noch stärkerer Pfeiler werden, betont Alkorta, "weil wir immer stärker von Lezama leben müssen".

Zurzeit leben sie jedenfalls ganz gut damit. So gut, dass der Klub keine Angst hat, dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt.

© SZ vom 03.04.2020/ebc
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