Niederlage in der WM-Qualifikation:Spanien stottert

Sergio Busquets, Aymeric Laporte, Emil Forsberg

Sergio Busquets kommt gegen Leipzigs Emil Forsberg zu spät - der Stratege aus Barcelona war mitbeteiligt beim Gegentor zum 1:1.

(Foto: Nils Petter Nilsson/AP)

Das gab es seit 28 Jahren nicht mehr: Spanien verliert in Schweden nach Ewigkeiten wieder ein Spiel in der WM-Qualifikation und muss um Katar 2022 bangen - Trainer Luis Enrique verliert offenbar kurz die Nerven.

Von Jonas Beckenkamp

Die Erinnerungen mögen verblasst sein, aber diesmal wurden sie wieder lebendig, zumindest bei all jenen, die sich gerne mit Fußball-Enzyklopädie beschäftigen. Spaniens Nationalteam im Jahr 1993, das war eine Elf mit so manch bekanntem Namen. Ein gewisser Josep Guardiola spielte zum Beispiel mit, als die Selección in Dänemark ein WM-Qualifikationsspiel 0:1 verlor. Das Spiel entschied damals der Dortmunder Flemming Povlsen mit einem Tor - die Spanier schafften es trotzdem zur WM 1994 in den USA, wo sie dann an sich selbst und an den Schiedsrichtern scheiterten. Wie so oft also.

Spanien verkompliziert sich gegen Schweden das Leben

Jene Pleite in Kopenhagen vor über 28 Jahren rückt jetzt wieder in den Fokus, denn sie war bis Donnerstagnacht die letzte der Spanier in einer WM-Qualifikation. Und wieder erwischte es den Favorit in Skandinavien: Dank eines 1:2 (1:1) gegen Schweden hat sich der Weltmeister von 2010 das Leben selbst akut verkompliziert. Nach vier Partien könnte der Rückstand zu Platz eins bald schon fünf Punkte betragen, wenn die Schweden (die ein Spiel weniger absolviert haben) ihre Hausaufgaben machen.

Entsprechend alarmiert sendete die Zeitung Marca auf ihrer Titelseite Warnsignale ins Land: "Lucho, wir haben ein Problem", schrieb Madrids Fußballstimme. Gemeint war per Spitzname: Nationaltrainer Luis Enrique, 51, der nun einen "heftigen WM-Crash" zu verantworten habe. Erstaunlich am weitgehend ideenlosen Auftritt seiner Elf war vor allem, dass in Stockholm keine Verlegenheitself aufgelaufen war. Auf dem Feld versuchten sich acht bis neun Etablierte, die auch bei der EM zum Einzug ins Halbfinale beigetragen hatten, doch ihre Bemühungen verpufften nahezu komplett.

Das Führungstor durch Carlos Soler (4. Minute), der eine Flanke von Jordi Alba direkt verwertete, glichen die Schweden im direkten Gegenzug durch Alexander Isak aus (5.). Der Real-Sociedad-Profi profitierte bei seinem energischen Fernschuss auch von der Zaghaftigkeit der Herren Busquets und Eric Garcia (beide FC Barcelona). Die endgültige Niederlage besiegelte für die Spanier dann das 1:2, als Juve-Rumtreiber Dejan Kulusevski auf der linken Seite Cesar Azpilicueta mit einer simplen Drehung stehen ließ. Sein Zuspiel erreichte Viktor Claesson, den Aymeric Laporte beim Abschluss einfach gewähren ließ (57.).

Diese Schläfrigkeiten sprach der gebürtige Asturianer Enrique deutlich an: "Wir haben viele Zweikämpfe verloren und waren im Umschaltspiel nicht gut." Zudem fielen auch ihm zahlreiche "individuelle Fehler" auf. Einen beging er dem Vernehmen nach aber höchstselbst: Weil ihm ein spanischer Fan von der Tribüne ein "Geh doch nach Hause!" entgegen krakeelt hatte, soll der Mister ihm nach Schlusspfiff den unfreundlichsten aller fünf Finger gezeigt haben.

So berichten es schwedische Medien, die den TV-Kommentator Lasse Granqvist und die Field-Reporterin Frida Nordstrand vom Sender TV4 als Kronzeugen heranzogen. Nordstrand gab zu Protokoll, dass Enrique sich zu der Aktion direkt nach dem Interview bei ihr am Spielfeldrand hinreißen ließ. Granqvist folgerte im Livefernsehen, dass Spaniens Coach nun sogar ein Nachspiel seitens der Fifa drohen könnte. "In jedem Fall ist das kein Fairplay, wenn ein Trainer sich so gegenüber Zuschauern verhält." Auch Kinder in der Arena in Solna hätten die Sache mitbekommen.

So diente die mutmaßliche Geste als Untermalung des allgemeinen Frustes bei den Spaniern. Ein angefasster Trainer, eine mutlose Mannschaft und die WM in Gefahr - "Alarmstufe Rot", fasste die Zeitung AS die Situation zusammen. Zur Erinnerung: Nur der Gruppenerste qualifiziert sich jeweils direkt für das Turnier in Katar. Sollte man Zweiter werden, drohen aufreibende Playoffs mit Partien im K.-o.-Modus. Es wäre also an der Zeit, am besten weitere 28 Jahre kein Quali-Spiel mehr zu verlieren. Nächster Gegner ist nun am Sonntag Georgien, gespielt wird in der tiefen Provinz der Extremadura. Angesagt sind 37 Grad - vielleicht hilft das den Spaniern.

© SZ/jkn
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