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Nations League:Spanien plagt brennende Nostalgie

Das gab es zuletzt vor 20 Jahren: Spanien hat vor dem Duell mit dem DFB an diesem Abend drei Pflichtspiele ohne Sieg aneinandergereiht. So wächst die Ungeduld mit Trainer Luis Enrique.

Von Javier Cáceres

In Spanien, einem an lokalem, regionalem und nationalem Chauvinismus reichen Land, fordert Asturien, das Heimatterritorium von Fußball-Nationaltrainer Luis Enrique, durchaus eine Sonderrolle für sich ein. "Asturien ist Spanien, und der Rest erobertes Land", sagt der Volksmund und bezieht das dabei auch ausdrücklich auf den sagenumwobenen Don Pelayo, der als Begründer der iberischen Monarchie gilt, seit er 722 n. Chr. bei der Schlacht von Covadonga die Mauren schlug.

"Habt Ihr schon mal was von Don Pelayo gehört?", lautete die berühmte Frage Luis Enriques, als ihm 2018 bei seiner Vorstellung als Nationalcoach rechte Medien ans Zeug wollten, weil er sich angeblich wohlwollend über den Wunsch der Katalanen nach einem Unabhängigkeitsreferendum geäußert hatte: "Ich fühle mich stolz, in Gijón geboren und Asturier zu sein, in Katalonien zu leben - und Spanier zu sein", ergänzte Luis Enrique. Nun, vor der Nations-League-Partie an diesem Dienstag gegen Deutschland in Sevilla, erinnert Luis Enrique mehr denn je an Don Pelayo - an jenen Mann, der sich in den Bergen verschanzt und sich mit seinen Getreuen in einer Art Wagenburgmentalität geübt hatte, ehe er in die entscheidende Schlacht zog.

Schon seit Jahren versucht sich Spaniens Nationalelf an der Reconquista, an der Rückeroberung einer beispiellosen Hegemonie im Weltfußball - und mit jedem Tag, der verrinnt, wird die Nostalgie brennender. Sonntagnacht saß die Nationalmannschaft in Sevilla zusammen vor einem Bildschirm und starrte auf einen neuen Dokumentarfilm über den Triumph bei der Weltmeisterschaft 2010, der von den Siegen bei den Europameisterschaften von 2008 und 2012 umrahmt wurde. "Träumen ist gratis", sagte Kapitän Sergio Ramos danach; der Film zeige, "dass man Träume wahr werden lassen kann, wenn man um sie kämpft". Auch er wusste, dass Optimismus gerade Not tut.

Deutsche Duelle gegen Spanien im 21. Jahrhundert

16.8.2000: Deutschland - Spanien 4:1 (1:0)

12.2.2003: Spanien - Deutschland 3:1 (1:1)

29.6.2008: Deutschland - Spanien 0:1 (0:0)

7.7.2010: Deutschland - Spanien 0:1 (0:1)

18.11.14: Spanien - Deutschland 0:1 (0:0)

23.3.2018: Deutschland - Spanien 1:1 (1:1)

3.9.2020: Deutschland - Spanien 1:1 (0:0)

Noch immer hallt das 1:1-Unentschieden vom Samstag in der Schweiz nach, das erst in letzter Minute gerettet wurde, unter anderem, weil Sergio Ramos zwei Elfmeter verschoss, den zweiten davon zehn Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit. Dass die Tabellenführung in der Nations-League-Gruppe A 4 an Deutschland abgegeben wurde, war das eine. Das andere war, dass Luis Enrique nicht mitbekommen hatte, dass der Verursacher des Elfmeters, der Gladbacher Nico Elvedi, per Gelb-Rot vom Platz gestellt worden war und Spanien inklusive Nachspielzeit eine Viertelstunde in Überzahl spielte.

"Welche Rote?", fragte der Trainer, als er in der Pressekonferenz darauf angesprochen wurde. Jenen, die meinen, noch Rechnungen mit ihm offen zu haben, dient der offenkundige Lapsus als willkommener Anlass, sein Projekt Reconquista infrage zu stellen. Vor allem jenen, die aus anderen Gründen mit Verbandschef Luis Rubiales überkreuz liegen.

Entrenamiento de la seleccion espanola en Amsterdam. En la imagen, Luis Enrique. Spain training session in Amsterdam. In

Schreib dir das hinter die Maske: Spaniens Nationaltrainer Luis Enrique (links) diskutiert mit seinem Assistenten Rafel Pol.

(Foto: Pablo Garcia/Marca/Imago)

Sie fühlen sich unter Luis Enrique an die Zeiten erinnert, da der frühere Nationalcoach Javier Clemente mit den spanischen Medien gern Konflikte schürte. Clementes Kalkül: Ein externer Feind garantiert den inneren Zusammenhalt. Bislang waren Spaniens Medien Luis Enrique wohlgesonnen. Doch weil er sich direkten Interviews (und Kungeleien) entzieht, bei Presserunden nicht nur einsteckt, sondern auch austeilt, und die Nationalelf als abgeschottet wahrgenommen wird, steht nun im Raum, dass Luis Enrique sich den Führungsstil Clementes aneignet. Zumal Luis Enrique den früheren Trainer, der ihn unter anderem mit zur WM 1994 nahm, als Referenzgröße für die eigene Arbeit bezeichnet hat.

Experimentiert Enrique zu viel?

Derlei kann in Zeiten des Übergangs, wie ihn die Spanier erleben, ein Wagnis sein. Zwar besteht an der Notwendigkeit eines Neuanfangs kein grundsätzlicher Zweifel. Bei der WM 2014 in Brasilien war nach der Vorrunde Schluss, bei der EM 2016 wie bei der WM 2018 reichte es nur für das Achtelfinale. Aber die Geduld lässt nach. Spanien hat zuletzt drei Pflichtspiele ohne Sieg aneinandergereiht, eine solche Serie gab es letztmals vor 20 Jahren. Und so wird Luis Enrique ein zu großer Hang zu Experimenten unter die Nase gerieben.

Denn gegen die Schweizer verzichtete er ausgerechnet auf die Spieler, die im vorgeschalteten Testspiel in den Niederlanden überzeugt hatten. Torwart David De Gea, der gegen das DFB-Team wohl wieder zwischen den Pfosten stehen wird, wurde gegen Unai Simón (Athletic) ausgetauscht. Regisseur Sergio Canales (Betis), Álvaro Morata (Juventus Turin) sowie Gerard Moreno (Villarreal), der schließlich das 1:1 erzielte, saßen in Basel (zunächst) auf der Bank.

Mildernde Umstände wurden Luis Enrique nicht zugebilligt: Dass er gerade auf Navas (Sevilla), Carvajal (Real Madrid), Ansu Fati (FC Barcelona), Gayà (FC Valencia), den früheren Bayern-Profi Thiago (FC Liverpool) und nun auch auf Busquets (Barcelona) verzichten muss, wird allenfalls in Fußnoten vermerkt. Und viel Vorfreude auf die kommenden Jahre ist auch nicht zu verspüren, obwohl Luis Enrique in der Schweiz fünf Spielern vertraute, die 2018 nach einem Finalsieg gegen Deutschland U 21-Europameister geworden waren, darunter Leipzigs Dani Olmo.

Luis Enrique bleibt zuversichtlich: "Die Resultate sorgen mich nicht, ich mag, was ich sehe", sagte er. Ein Sieg gegen das DFB-Team am Dienstag dürfte kaum die Bedeutung wie Don Pelayos Triumph in der Schlacht von Covadonga erlangen, wobei man nie wissen wird, wie Historiker das in 1 300 Jahren beurteilen. Willkommen wäre er heuer aber schon.

© SZ vom 17.11.2020/bek
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