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Spanien:Absturz ohne Epik und Publikum

Spanish La Liga soccer match FC Barcelona, Barca vs Espanyol at Camp Nou Stadium, Barcelona, July 08, 2020 Lozano La Li

Einziger Trost: Lange dürfte es nicht dauern – nach jedem Abstieg kehrte Espanyol bislang sofort wieder in die erste Liga zurück.

(Foto: imago images/Cordon Press/Miguel)

Drei Spieltage vor Schluss steigt RCD Espanyol in die zweite Liga ab - den letzten Schubs versetzt ausgerechnet Lokarivale FC Barcelona.

Von Javier Cáceres

Die Pein des Nachbarn ist mitunter die schönste. "Hoy puede ser un gran dia", stand auf einem Transparent, das die Spieler des FC Barcelona am Mittwoch auf dem Weg in ihr Stadion lesen konnten; der Titel eines Lieds des famosen Barden (und Barça-Anhängers) Joan Manuel Serrat: "Heute kann es ein großartiger Tag werden..."

Der Grund: Es war der Tag, an dem der FC Barcelona zur ersten Mannschaft in Spaniens Liga werden konnte, die ihren Lokalrivalen zum Abstieg verurteilt. Und so geschah es: Durch einen Treffer von Luis Suárez, der nun mit 195 Toren hinter Lionel Messi (630) und César Rodríguez (232) der drittbeste Schütze des Klubs ist, siegte Barça 1:0 und schickte den Reial Club Deportiu Espanyol in die Hölle der zweiten Liga.

Es ist nach 1962, 1969, 1989 und 1993 der fünfte Abstieg eines 120-jährigen Klubs, der zu den Gründungsmitgliedern der spanischen Liga zählt. Von den 20 Mannschaften weisen nur die drei "historischen" Teams - Athletic Bilbao, Real Madrid und eben der FC Barcelona - mehr Spiele in der ersten Liga auf als Espanyol. Der Abstieg von 1993 wurde nach einem Spiel gegen Racing Santander besiegelt, wo ein Spieler dabei war, der am Mittwoch neuerlich Zeuge eines Abschieds von Espanyol wurde: Quique Setién, heute Trainer bei Barça. Doch anlasten mag man ihm das nicht. Denn im Grunde hat sich RCD Espanyol in so atemberaubender wie überraschender Weise selbst gerichtet.

Als Barças Suárez zum 1:0 trifft, steigt vor der Arena eine Rakete in die Luft

Im vergangenen Jahr hatte sich Espanyol als Tabellensiebter für die Europa League qualifiziert, doch der Klub wappnete sich schlecht für den Erfolg. Zwar blieb das Gros des Teams zusammen, unter anderen Mittelfeldspieler Marc Roca, für den der FC Bayern sich erst brennend interessierte, der dann aber sitzengelassen wurde. Aber Spieler wie Borja Iglesias und Mario Hermoso wurden doch verkauft und nur unzulänglich ersetzt. Vor allem aber versäumte es der Klub, Trainer Rubi zu prämieren, der aus der Mannschaft ein Erfolgsteam geformt hatte - und dann lieber für mehr Geld zu Betis Sevilla abwanderte.

Was folgte? Eine frühe Qualifikationsrunde für die Europa League, die wie Blei auf dem Team lastete, es kam nie mit der Doppelbelastung zurecht. Das ließ Erinnerungen an die Zeit rund um 1988 wach werden, als Espanyol das Uefa-Cup-Finale gegen Leverkusen trotz eines 3:0-Hinspielsiegs verlor und ein Jahr drauf abstieg. Gleich vier verschiedene Trainer versuchten sich diesmal, zuletzt setzte sich Manager Rufete auf die Bank. Um zu retten, was nicht mehr zu retten war - Ambitionen und Einlagen des chinesischen Investors "Rastar Group" wurden pulverisiert.

Der milliardenschwere Spielwaren- und E-Games-Produzent hatte 2015 die Hälfte der Aktien von Espanyol gekauft, seine Anteile später auf rund 99 Prozent erhöht. Der Plan: Den Klub nach und nach in der Spitze der spanischen Liga zu etablieren und dann die Champions League zu stürmen. Es floss Geld, Schulden wurden abgebaut und in dieser Saison schließlich mehr als 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Der eine oder andere Winterpanikkauf war auch dabei, nachdem Espanyol im Keller hing und Chen Yansheng, der Rastar-Group-Vertreter und Espanyol-Chef, den Kanon der Durchhalteparolen um eine chinesische Volksweisheit erweiterte. "Kein Berg hält den Lauf eines Flusses auf", rief Chen. Am Donnerstag wandte er sich in einem Video auf Chinesisch mit katalanischen Untertiteln an die Fans des Klubs und erklärte: "Ich übernehme die volle Verantwortung."

Bislang schaffte es Espanyol noch immer, sofort ins Oberhaus zurückzukehren, doch ob es diesmal klappt? Nach dem letzten Abstieg gab es sogar einige Erfolge zu feiern, zwei Pokalsiege (2000, 2006) sowie die Teilnahme am Uefa-Cup-Finale 2007, das Espanyol gegen den FC Sevilla verlor. 2009 zog der Verein in ein neues, schmuckes Stadion um. Nun also der peinliche Absturz, der ohne Epik und Publikum erfolgte, aber laut Augenzeugen vor den Toren des Camp Nou gefeiert wurde: Als Barças Suárez zum 1:0 traf, sei bis ins Innere der Arena zu hören gewesen, wie jemand eine Rakete fliegen ließ.

© SZ vom 10.07.2020

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