Italiens NationalmannschaftEin eigenartiger Vorgang beendet das Spalletti-Experiment

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Am Montagabend wird Luciano Spalletti noch die Partie gegen die Republik Moldau betreuen, dann endet seine Zeit als Nationaltrainer Italiens.
Am Montagabend wird Luciano Spalletti noch die Partie gegen die Republik Moldau betreuen, dann endet seine Zeit als Nationaltrainer Italiens. Spada/LaPresse/Imago
  • Italiens Nationaltrainer Luciano Spalletti verkündet selbst seine Entlassung nach der 0:3-Niederlage gegen Norwegen in der WM-Qualifikation.
  • Spallettis komplexer Spielstil war nicht umsetzbar und führte zu einer Entfremdung zwischen der Nationalmannschaft und den Fans.
  • Der italienische Fußballverband sucht nun nach einem neuen Trainer, der die sportliche Zukunft sichern und die Beziehung zum Land verbessern soll.
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Schon wieder WM-Alarm in Italien: Nach dem Tiefpunkt in Norwegen muss Luciano Spalletti seine Entlassung als Nationaltrainer selbst verkünden. Was die Azzurri nun brauchen, ist ein Wunderheiler.

Von Felix Haselsteiner

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Seine ruhige, sonore Stimme wahrte Luciano Spalletti sogar, als er seine Entlassung verkündete. Zur üblichen Pressekonferenz am Vortag des WM-Qualifikationsspiels gegen die Republik Moldau hatte der italienische Nationaltrainer Platz genommen, umgehend ergriff er das Wort. Für Spalletti ist das nicht ungewöhnlich, er ist ein brillanter, oft ausführlicher Redner, an die Nation hat er sich in den Krisen seiner Amtszeit schon öfter gewandt. Am Sonntag tat er dies allerdings ein letztes Mal in dieser Position.

Er habe am Abend zuvor vom Präsidenten des italienischen Fußball-Verbands mitgeteilt bekommen, dass es für ihn als Nationaltrainer nicht weitergehen werde. „Das ist eine Entlassung“, stellte Spalletti klar, er nehme sie als solche zur Kenntnis, von sich aus wäre er nicht gegangen: „Ich wäre lieber in meinem Amt geblieben und hätte meine Arbeit so weitergeführt, wie ich es in meiner Karriere immer getan habe“, betonte der 66-Jährige. Am Montagabend betreute er noch die Partie gegen Moldau, die Italien glanzlos mit 2:0 gewinnen konnte, aber nun nimmt Spalletti Abschied von jener Aufgabe, die ihm so viel bedeutete: „Es tut mir leid“, sagte er: „Ich liebe dieses Trikot und diese Spieler.“

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Würdevoll war das, so würdevoll wie möglich, wenn man als Trainer seine eigene Entlassung verkündet. Eigenartig bleibt das Vorgehen des Verbandes. Der skurrile Ablauf der Trennung zeugte lediglich von der Größe Spallettis, dem es bisweilen an Tatkraft, aber nie an Worten gefehlt hat. Das bewies er auch bei dieser denkwürdigen Pressekonferenz, in der er das Land noch einmal dazu aufrief, den Glauben an die Nationalmannschaft wiederzufinden, bevor er die Runde mit einem leisen Seufzen und Tränen in den Augen verließ. Das änderte allerdings nichts an der Ursache für das Drama – und auch nicht an der Richtigkeit der Entlassung, die heimische Medien bereits in den Tagen zuvor gefordert hatten, auch wenn sie nun Spalletti beim Abgang fairen Applaus spendierten. Denn Fakt ist: Das italienische Team, das Spalletti hinterlässt, ist ein Trümmerhaufen.

Zu komplex, nicht umsetzbar und unausgereift wirkte Spallettis Fußball

Das 0:3 gegen Norwegen in Oslo am Freitagabend war der Tiefpunkt einer glücklosen Amtszeit des Trainers. Entkräftet und entmutigt wirkten die Italiener gegen die Mannschaft um Torjäger Erling Haaland, die die Qualifikationsgruppe I nach vier Spieltagen mit zwölf Punkten klar anführt. Italien war im wichtigsten Auswärtsspiel für die Qualifikation zur WM 2026 chancenlos, gegen einen hervorragenden Gegner regierten auf dem Platz Chaos und Panik. Und Panik herrscht jetzt auch in ganz Italien.

Denn die Squadra bestritt in Oslo zwar erst ihr erstes Spiel in dieser Gruppe und sie errang mit dem Sieg gegen Moldau immerhin die ersten drei Punkte. Es gibt allerdings schon jetzt ein recht realistisches Szenario, in dem es für die Italiener selbst bei optimaler weiterer Ausbeute nicht mehr zu Platz eins reichen würde. Und weil der Gruppenzweite in komplizierte Playoffs muss, wird das Ganze von einem noch dramatischeren Szenario überlagert: Die große Fußballnation Italien läuft Gefahr, sich zum dritten Mal nacheinander nicht für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren.

Wie eine dunkle Gewitterwolke schwebt diese Angst über dem Land, das sich längst azurblauem Misstrauen hingibt. Die Leute fremdeln mit ihrer Squadra Azzurra wie vielleicht noch nie zuvor in Italiens langer, stolzer Fußballgeschichte. Als ungefährer Richtwert für die Fallhöhe: Wer sich an die große Distanz zwischen der deutschen Nationalmannschaft und ihrem Publikum nach den enttäuschenden Leistungen bei den Weltmeisterschaften 2018 und 2022 erinnert, der möge sich vorstellen, Deutschland hätte sich damals (wie Italien) gar nicht erst für diese Turniere qualifiziert.

Chaos und Panik auf dem Platz: Entkräftet und entmutigt wirken die Italiener gegen Erling Haaland (re.) und die norwegische Nationalmannschaft. Danach folgte die überfällige Trennung von Spalletti.
Chaos und Panik auf dem Platz: Entkräftet und entmutigt wirken die Italiener gegen Erling Haaland (re.) und die norwegische Nationalmannschaft. Danach folgte die überfällige Trennung von Spalletti. Cornelius Poppe/NTB/dpa

Anteil an dieser Entfremdung hatten viele Personen, allen voran aber zwei Trainer. An erster Stelle Roberto Mancini, der oft gelobt wurde für seine Verdienste, weil ein furioses Italien 2021 unter seiner Regie Europameister wurde. Doch dieser Titel muss inzwischen eher als Ausrutscher nach oben gewertet werden. Mancini war auch verantwortlich für ein verpasstes WM-Turnier und eine fehlende Entwicklung. Zudem bediente sein abrupter Weggang ins Gehaltsparadies Saudi-Arabien Zweifel am Charakter von Trainern. Die Tifosi hatten ihm zuvor trotz sportlicher Enttäuschungen in den Monaten nach dem EM-Titel die Treue gehalten – Mancini dankte es ihnen, indem er im August 2023 dem Lockruf des Geldes folgte.

Das Feld überließ er dem sonoren Redner Spalletti, einem langjährigen Vereinscoach, der damals amtierender Meistertrainer mit Napoli war. Ein Experiment war das in Wahrheit, weil Spalletti sich schlichtweg weigerte, als Nationaltrainer einen einfacheren Fußball-Ansatz zu akzeptieren, so wie das etwa Julian Nagelsmann nach Anfangsschwierigkeiten in Deutschland gelang. Zu komplex, nicht umsetzbar und unausgereift wirkte Spallettis Fußball, und er selbst kam so unnahbar rüber, dass er die Herzen der Fans nicht mal an den wenigen sportlich guten Tagen eroberte.

Claudio Ranieri, 73, wird zugetraut, die extrem herausfordernde Nachfolge anzutreten

Diese Mannschaft und ihr Trainer fanden nie zusammen, sie verloren sich in Debatten über Dreier- und Viererketten, aus denen sich Spalletti meist nur wegen seines Talents zur langwierigen Erklärung herausreden konnte. Einen Schlussstrich hätte man unter diese Amtszeit schon im vergangenen Jahr ziehen können, nach der gut begonnenen, aber am Ende katastrophalen EM in Deutschland. Stattdessen wurde es ein langsamer, schleichender Abstieg, der nun unrühmlich endet – mit den Tränen eines Trainers, der am Sonntag mit hängendem Kopf von der Bühne ging, beschämt und selbstkritisch. Auch wegen dieses Endes wird man ihm das sportliche Misslingen in Italien eines Tages wohl verzeihen. Spallettis Abschiedsgeschenk ist der Verzicht auf eine Abfindung. Von Dienstag an, sagte er, werde er nichts mehr verdienen, Nationaltrainer sei für ihn „Dienst an meinem Land“ gewesen.

Der Verband wird sich jetzt auf die Suche nach einem neuen Retter machen, es braucht nun einen Wunderheiler, der kurzfristig die WM-Teilnahme sichern und darüber hinaus die Beziehung zwischen Land und Mannschaft kitten muss. Die Gazzetta dello Sport berichtete bereits, dass ein Routinier für diese große Aufgabe bereit sei: Claudio Ranieri, 73, hat zwar schon zweimal in der jüngeren Vergangenheit sein Karriereende verkündet, gilt aber als jemand, der niemals nie sagt. Einem Trainer, der 2016 mit dem Außenseiter Leicester City Meister in England wurde und zuletzt als AS-Trainer den Standort Rom wiederbelebt hat, dem wäre ein Wunder durchaus zuzutrauen.

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