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Spätes Mainzer Siegtor:Hertha in der Flaute

16 Chancen, nur ein Tor - die Berliner kassieren einen späten Treffer und sind nach dem 1:2 in Mainz Tabellenletzter. Dabei hatte die Saison für sie vielversprechend begonnen.

Als Marko Grujic zum eigentlich verdienten 1:1 getroffen hatte, streckte Ante Covic erleichtert wie beschwörend seine Hände in Richtung Himmel. Auch die Augen blickten nach oben, ganz so, als wolle der Trainer von Hertha BSC Berlin mit dieser Geste dem Fußballgott danken. Doch da waren erst 83 Minuten gespielt - und in der finalen Phase ließen die Wirkmächte des Schicksals die Hertha dann doch wieder im Stich. Ein gewisser Jeremia St. Juste köpfte in der 88. Minute nach einer Ecke sein erstes Bundesligator und damit den 2:1-Siegtreffer für Mainz 05.

Wer oder was den Mainzern zum ersten Saisonsieg verholfen haben könnte und Hertha BSC zum Sturz ans Tabellenende, darüber gingen im Publikum die Meinungen weit auseinander. Mancher meinte gar, die Euphorie sei durch die Hymne "Meenzer Bube, Meenzer Mädcher" gespeist worden, die der Klub kurz vor Spielbeginn via Lautsprecher eingespielt hatte. Jener Hymne, mit der Hermann Schneider, der als "Onkel Hermann" und Frontmann der Band Batschkapp in Mainz bekannt ist, auf ewig unvergessen bleiben dürfte. Ende August starb der "Joe Cocker vun de Vilzbach". Es hätte sicher Onkel Hermanns Gefallen gefunden, dass sich die Mainzer Stimmungslage durch zwei Tore geändert hat: Der Blues ist erst mal vertrieben.

Den haben jetzt die Berliner. Tabellenletzter nach vier Spielen - und das trotz eines 2:2 im Saisoneröffnungsspiel beim FC Bayern. Anschließend kam kein Punkt mehr hinzu. "Manchmal ist es schwer, den Sport zu erklären", haderte Trainer Covic. Dabei habe seine Elf "unfassbare 16 Torschüsse in einem Auswärtsspiel" zustande gebracht - und tatsächlich auch viel besser Fußball gespielt als zuvor beim 0:3 auf Schalke. Aber aus 16 Schüssen nur ein Tor zu erzielen, ist eben auch eine Leistung, wenn auch eine miese, weshalb das interne Zeugnis eine Warnung ist: Versetzung gefährdet, heute schon. "Im Moment müssen wir sehr viel investieren, um Tore zu erzielen", hadert Covic, das Fazit ist banal: Am Samstag, 15.30 Uhr, muss gegen Aufsteiger Paderborn im Berliner Olympiastadion gewonnen werden. Nur einen Punkt aus vier Duellen - so einen miesen Saisonstart erlebte die Hertha nur zwei Mal, 1979/80 und 1990/91. Daran wird in Berlin jetzt erinnert, weil die Hertha in jenen Jahren abgestiegen war. Noch bleiben 30 Spieltage zur Korrektur, doch wie groß die Geduld mit dem jungen Trainer ist, wird zur spannenden Frage. Gegen Mainz hatte Covic, 44, seine Mannschaft auf fünf Positionen verändert, doch die Debüts von Rechtsaußen Marius Wolf (jüngst aus Dortmund ausgeliehen) und Innenverteidiger Dedryck Boyata (Celtic Glasgow) verliefen unauffällig. Im Gegenschnitt agierte Adam Szalai, 31, im Mainzer Sturmzentrum emsig, auch wenn ihm nicht alles gelang. Der Ungar war aus Hoffenheim zurückgekehrt nach Mainz, wo einst seine Bundesligakarriere begann. Nun soll er die langfristigen Ausfälle der Offensivspieler Dong-Won Ji und Jean-Philippe Mateta kompensieren.

Hertha-Manager Michael Preetz hingegen hatte nicht nur intern den Trainer getauscht (Pal Dardai setzte sich privat auf die Tribüne, Hertha-Nachwuchscoach Covic rückte an den Spielfeldrand), er investierte mit Hilfe eines neuen Sponsors auch diverse Millionen ins Personal, vorrangig in Stürmer Dodi Lukebakio, der für circa 20 Millionen Euro vom FC Watford kam. In Mainz versuchte sich Lukebakio an der Seite von Davie Selke, während die langjährigen Stammkräfte Salomon Kalou (eingewechselt) und Vedad Ibisevic (blieb auf der Bank) spielfeldnah platziert wurden.

Wie die Berliner ihre Torflaute beheben wollen, weiß Covic theoretisch: "Noch enger zusammenrücken und so fleißig bleiben wie bisher." Manager Preetz ("Wir bleiben ruhig") stärkt dem Trainer demonstrativ den Rücken. Zunächst aber plagt die Hertha der Blues.

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Quelle:
SZ vom 16.09.2019
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