Sotschi-Gewinner Bottas Viel Sisu vor Kurve eins

Valtteri Bottas ist der nächste hartnäckige, kühle und sehr schnelle finnische Formel-1-Fahrer. Sechs Jahre lang hat er auf seinen ersten Formel-1-Sieg gewartet, nun wird der Mercedes-Pilot zum wichtigen Faktor im Titelkampf.

Von Elmar Brümmer, Sotschi

Als der Schlussspurt immer dramatischer wurde, da griff Valtteri Bottas noch einmal zum Funk. Es ging ja um seinen ersten Sieg in einem Autorennen seit sechs Jahren, es ging darum, die immer selbstbewusstere Ferrari-Konkurrenz in die Schranken zu weisen, es ging darum, diese Führung nach Hause zu bringen. Bottas musste sich konzentrieren. Also wies er seine Ingenieure per Boxenfunk an, doch bitte etwas weniger zu quatschen.

Die Stille half. Nun ist Bottas, 27, der nächste Finne, der Formel-1-Rennen gewinnt. Die beiden Ferraris hatte er in Sotschi erst düpiert, dann erfolgreich auf Distanz gehalten und das gezeigt, was auch die Landsleute Kimi Raikkönen und Mika Häkkinen schon auszeichnete: Nervenstärke, Selbstbewusstsein und Arbeitsmoral. Ferrari, das einen großen Entwicklungssprung über den Winter gemacht hat, bleibt wohl das Team der Stunde. Doch es wurde vom Mercedes-Neuling Bottas in Sotschi auf dem Weg zur ersten Kurve nach dem Start ausgekontert. In seinem 81. Anlauf fuhr er den ersten Grand-Prix-Sieg ein. Vettel kam nach einem sehenswerten Schlussspurt mit nur 0,6 Sekunden Abstand als Zweiter ins Ziel. Kimi Räikkönen wurde Dritter, Lewis Hamilton, die Nummer eins im Mercedes-Cockpit, nur Vierter. Vor dem Europastart der Formel 1 in zwei Wochen in Barcelona steht es nach Siegen nun unentschieden zwischen Mercedes und Ferrari. In der Gesamtwertung liegt Vettel mit 86 Punkten vorne, vor Hamilton (73), Bottas (63) und Räikkönen (49).

Sechs Jahre dauerte es, bis Valtteri Bottas sein erstes Formel-1-Rennen gewann

Es sind nur Nuancen, die die Kräfteverhältnisse an der Spitze durcheinanderwirbeln können, beeinflusst von Temperatur, Reifennutzung, Fahrzeugbalance. Hamiltons Chancenlosigkeit und Bottas' Triumph in Sotschi waren ein Beleg dafür. Davor, in Bahrain, musste der Finne noch per Stallregie den Teamkollegen passieren lassen. Jetzt hat er mit aktiver Selbsthilfe seine Position gestärkt, was sehr wichtig für die Silberpfeil-Fraktion ist. Denn die Rolle der zweiten Männer kann bei der momentanen Leistungsdichte den Ausschlag geben am Ende einer diesmal wohl viel spannenderen Saison. Vettel sagt: "Es ist sehr eng zwischen uns und Mercedes. Verstecken müssen wir uns nicht."

Zur Spannung trägt nun also auch der nächste schnelle Finne der Formel-1-Geschichte bei, was schon beim Start von Sotschi zu sehen war. Bottas hatte das richtige Maß an Aggressivität zur richtigen Zeit gefunden. Vergleichsweise langsam kamen Vettel und Räikkönen weg, und schon vor dem kritischen Bremspunkt zog Bottas mit reichlich Tempoüberschuss aus dem Windschatten heraus an beiden vorbei - es war nebenbei ein Zeichen dafür, dass der Mercedes-Antriebstrang für sich betrachtet wohl doch noch führend ist.

Bottas ordnete sich dann so ein, dass er die Führung behalten und sukzessive ausbauen konnte. "Ich wusste, dass es eng werden würde. Aber dass Valtteri so vorbeischießt und dann die Tür zu macht, das war geschickt. Er war einfach schneller als wir, wir konnten nicht mithalten", gab Vettel zu. Verunsichert hatten die Silberpfeil-Strategen an den Bildschirmen nur die roten Werte bei den Temperaturen, vor allem an Hamiltons Auto. Sie standen vor der Frage, ob sie die Leistung zurückfahren sollten, um sicher ins Ziel zu kommen. Aufsichtsratschef Niki Lauda entschied trotz des Risikos aus dem Bauch heraus: "Lasst die Motoren lieber warmlaufen und uns gewinnen. Ich nehm' das auf meine Kappe."

Die Reserven der Menschen und der Motoren sind gleichermaßen wichtig im Powergame Formel 1. Sisu nennt sich jener beharrliche Kampfgeist der Finnen, der schon den Mercedes-Weltmeister Häkkinen ausgezeichnet hatte. Bottas verkörpert ihn wie kaum ein anderer, er ist fleißig, leidenschaftlich und beschäftigt sich mit kleinsten Details. Somit lebt nun ausgerechnet der Neuling im Weltmeister-Team von 2016 die nötige Gelassenheit im Duell mit den hochgepeitschten Ferraristi vor. Gefühle zeigte der Sieger so richtig erst auf dem Podest: "Der Moment war irgendwie surreal, in dem sich all die Arbeit auszahlt, die man reingesteckt hat", sagte er.

Alles ging eben sehr schnell für Valtteri Bottas, nach vier Rennen bei Mercedes ist Weltmeister Nico Rosberg fast schon vergessen. Teamchef Toto Wolff freut sich auch in eigener Sache: "Dieser Erfolg zeigt, dass wir vor Saisonbeginn die richtige Personalentscheidung getroffen haben." Podiumsmoderator Eddie Jordan riet dem Österreicher von oben herab, gleich den Ein-Jahres-Kontrakt des Finnen zu verlängern und ihm eine Gehaltserhöhung zu geben.

Kimi Räikkönen wurde Dritter. Auf Platz zwei fuhr Räikkönens Ferrari-Kollege, der WM-Führende Sebastian Vettel.

(Foto: Pavel Golovkin/AP)

In Sotschi, erklärte Bottas, habe er eine sportliche Trotzreaktion gezeigt, wie sie seinem Naturell entspricht. Seinem Erfolg liege kein Konter aus Wut über die Zurückstufung in Bahrain zurück: "Das war nicht der Grund für meinen Erfolg", sagte Bottas, "es ist eine schöne Theorie, aber ich glaube, sie stimmt nicht." Die Ursachen dieses Sieges, das waren vielmehr die Basis-Arbeit und die Selbstanalyse - und eben auch viel Sisu. Nachdem Bottas zwei Wochen zuvor kein Kapital aus der ersten Pole-Position seiner Karriere hatte schlagen können, analysierte er wieder und wieder seine Starttechnik.

Nun hat es zwar sechs Jahre gedauert, aber die finnische Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. So lange hat Bottas kein Autorennen gewonnen, aber er sagt: "In diesem Sport braucht es Selbstbewusstsein und den Glauben daran, dass alles möglich ist. Wer denkt, er könne nicht gewinnen, sollte zu Hause bleiben. Ich habe meine Fähigkeiten jedenfalls nie infrage gestellt. Und ich will beweisen, dass ich noch mehr kann." Im dramatischen Schlussspurt bewies er noch einmal seine Fähigkeit, alles auszublenden, rief seine Ingenieure zur Ruhe, fuhr als Erster über die Ziellinie.

Bottas ist ein ebenso schneller wie stiller Triumphator - und nun eine zusätzliche Komponente in einem immer spannenderen Titelrennen.