Süddeutsche Zeitung

Sonntagspartien der Bundesliga:Stuttgart zerbröselt, Gladbach wundert sich

Haufenweise Elfmeter, viele Tore und kuriose Spielverläufe: Der VfB Stuttgart zerfällt beim 2:4 gegen Hannover nach 2:0-Führung in seine Einzelteile und verliert eine der irrsten Partien dieser Saison auf groteske Weise. Ähnlich ereignisreich verläuft das Spiel zwischen Greuther Fürth und Mönchengladbach, das die Borussia spät für sich entscheidet.

Wie es dazu kommen konnte, wusste am Ende keiner mehr so richtig. Stuttgart und Hannover lieferten sich an diesem 11. Spieltag der Bundesliga eine Begegnung, die mit dem Begriff "irre" noch unzureichend beschrieben ist. Vielmehr müsste man wohl sagen, dass die Schwaben beim Stand von 2:0 wie aus dem Nichts in ihre Einzelteile zerfielen - als der Schiedsrichter zum letzten Mal pfiff, lautete das Resultat zur Überraschung aller Anwesenden 2:4 und Hannover konnte einen kaum mehr für möglich gehaltenen Sieg feiern.

Nach einer denkwürdigen Aufholjagd mit vier Toren innerhalb von 17 Minuten stürzten die Niedersachsen die verdutzten Gastgeber in tiefe Depression, denn dieses Spiel war eigentlich gar nicht mehr zu verlieren. Die lange Zeit schwachen Hannoveraner drehten einen 0:2-Halbzeitrückstand durch Treffer von Artur Sobiech (57.), Jan Schlaudraff (65./Handelfmeter) sowie einen Doppelpack von Mohammed Abdellaoue (68., 73./Foulelfmeter) und feierten mit dem 4:2 (0:2) ihren ersten Auswärtssieg beim VfB seit fünf Jahren. Zuvor hatten der seit Wochen stark aufspielende Nationalspieler Christian Gentner (21.) und VfB-Toptorjäger Vedad Ibisevic (36.) für Stuttgart getroffen - für den Bosnier war es das achte Tor in den letzten zehn Pflichtspielen.

Dennoch kassierte der VfB erstmals seit dem 1. Mai 1999 (2:3 in Wolfsburg) nach einer 2:0-Führung noch eine Niederlage. Durch den zweiten Auswärtssieg der Saison kletterte Hannover drei Tage nach dem vorzeitigen Einzug in die Zwischenrunde der Europa League in der Liga mit nun 17 Punkten auf Rang sechs und hielt Stuttgart (13) auf Distanz. Für die Schwaben, die unter der Woche 2:0 beim FC Kopenhagen gewonnen hatten, war es der erste Rückschlag nach zuvor sieben Pflichtspielen ohne Niederlage.

"Wir haben nicht konsequent auf das dritte Tor gespielt, waren viel zu fahrlässig in unseren Offensivaktionen und haben Hannover damit eingeladen. Das ist so nicht zu erklären", sagte der enttäuschte Gentner. 96-Coach Mirko Slomka war nach seinen geglückten Taktikkniffen in der Pause hochzufrieden. "Nur deswegen konnten wir das Spiel heute umdrehen", sagte der Coach.

Vor 50.600 Zuschauern in Stuttgart hatte der VfB die Partie lange Zeit im Griff. Nach einer weitgehend ereignislosen Anfangsphase kam Stuttgart zu ersten Chancen. Zunächst wehrte Hannovers Torwart Ron-Robert Zieler einen Distanzschuss von Holzhauser ab. Bei der fälligen Ecke kam Martin Harnik zum Kopfball, wieder aber war Zieler zur Stelle (15.). Kurz darauf ging ein Distanzschuss von Ibisevic aus zentraler Position 18 Meter vor dem Tor auf das Tornetz (19.). Von Hannover war zunächst nur wenig zu sehen. Die beste Chance im ersten Durchgang vergab Mame Diouf, der einen Rückpass von Holzhauser abfing und frei vor VfB-Keeper Sven Ulreich auftauchte.

Doch Diouf, beim 3:2 gegen Helsingborgs IF noch doppelt erfolgreich, traf nur den rechten Innenpfosten, von wo der Ball seitlich aus dem Tor sprang (27.). Auch in der zweiten Halbzeit war Stuttgart zunächst überlegen. Als Ulreich eine Hereingabe von Lars Stindl nicht festhalten konnte, schob aber Sobiech den Abpraller zum 1:2 ins Tor. Dann drehten die Gäste richtig auf. Nach Handspiel von Serdar Tasci verwandelte Schlaudraff sicher zum 2:2. Abdellaoue brachte 96 nach einem unabsichtlichen Querpass von Diouf mit 3:2 in Führung. Nach Foulspiel von Arthur Boka an Lars Stindl traf erneut Abdellaoue vom Elfmeterpunkt zum 4:2. Für ähnlich viel Aufsehen wie die Mannschaft sorgten bei den Niedersachsen die Irritationen um die Vertragsverlängerung von Slomka.

Im Gegensatz zu Manager Jörg Schmadtke rechnet der Coach offenbar nicht mit einer schnellen Verlängerung seines im Juni 2013 auslaufenden Vertrags. "Es liegt momentan kein unterschriftsreifes Angebot von Hannover 96 vor. Ich glaube auch nicht, dass es so schnell geht", sagte Slomka dem TV-Sender Sky. Während der 45-Jährige, der immer mal wieder als Nachfolger von Jupp Heynckes beim Rekordmeister Bayern München ins Gespräch gebracht wird, weiter sagte, dass kein Angebot vorliege, das "beide Seiten befriedigt", betonte Schmadtke hingegen, dass man bei den Verhandlungen "relativ weit" sei. Bei solchen Nebenschauplätzen dürfte es umso mehr überraschen, dass 96 an diesem verwirrenden Abend doch noch als Sieger vom Platz ging.

Fürther Ärger, Gladbacher Glück

Wie sich ein Heimsieg in der Bundesliga anfühlt, wüssten sie in Fürth wohl nur allzu gerne. An diesem Sonntag war die SpVgg Greuther Fürth tatsächlich nah dran, endlich einmal zu Hause zu gewinnen, die Mannschaft führte gegen Gladbach - doch dann trug sich im Frankenland plötzlich Erstaunliches zu: In einer verrückten Partie schaffte die Borussia bei 79-minütiger Überzahl noch ein 4:2 (1:2) und feierte damit den 600. Bundesligasieg der Vereinsgeschichte. Dass die Gäste überhaupt Punkte aus Fürth mitnahmen, hatten sie einer starken zweiten Halbzeit zu verdanken.

Oscar Wendt (22.) und Martin Stranzl (51.) glichen einen zweimaligen Rückstand aus, ehe Patrick Herrmann zur Führung einköpfte (57.). Bernd Nehrig hatte die Franken per Strafstoß in Front (10.) gebracht, zudem traf Edgar Prib (44.) für die Fürther, die somit weiterhin auf ihren ersten Bundesliga-Heimsieg warten. In der Nachspielzeit traf Thorben Marx vom Elfmeterpunkt zum Endstand (90.+1). "Das war ein wichtiger Auswärtssieg, die Mannschaft hat Moral bewiesen", lobte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl und fand: "Das war der Schritt, den wir gebraucht haben." Fürths Stephan Fürstner haderte dagegen: "Wir haben alles gegeben, aber wieder nichts erreicht. Wir kassieren einfach viel zu schnell die Gegentore."

Das Spiel begann vor 18.000 Zuschauern spektakulär. Die Gastgeber stürmten auf das Tor der Borussen und untermauerten zunächst, warum sie eine der schlechtesten Trefferquoten der Liga haben. So setzte sich der in den vergangenen drei Partien so erfolgreiche Zoltan Stieber (zwei Tore, eine Vorlage) auf dem linken Flügel durch und bediente Edgar Prib. Der 22-Jährige schoss aus kürzester Distanz allerdings über das Tor. Wenig später dribbelte sich Gerald Asamoah in den Strafraum und wurde von Wendt von den Beinen geholt. Schiedsrichter Peter Gagelmann entschied auf Strafstoß und Nehrig verwandelte souverän. Die Ausgangssituation für den ersten Fürther Pflichtspielerfolg gegen Mönchengladbach überhaupt blieb aber nur wenige Minuten gut. Klein brachte den alleine auf Keeper Max Grün zustürmenden Patrick Herrmann zu Fall.

Gagelmann entschied auf Notbremse und stellte Klein vom Platz (12.). Den anschließend von Juan Arango getretenen Freistoß wehrte Grün mit einer starken Parade ab. Die Reaktion von Trainer Mike Büskens auf die Rote Karte blieb nicht lange aus. Er wechselte Innenverteidiger Lasse Sobiech für Stieber ein. Doch die Franken erholten sich nur schwer von dem Schock. Mönchengladbach wurde jetzt immer stärker und kam vor allem dank des stark aufspielenden Herrmann zum Ausgleich. Der 21-Jährige setzte sich auf der rechten Seite durch und flankte präzise auf Wendt, der seinen Fehler wiedergutmachen konnte und unbedrängt einköpfte (22.).

Das Team von Trainer Lucien Favre dominierte jetzt die Partie und kam über die Flügel immer wieder zu gefährlichen Vorstößen. Das Tor fiel jedoch auf der Gegenseite. Asamoah spielte sich erneut auf der rechten Seite frei und flankte zu Prib, der den Ball kurz abtropfen ließ und dann trocken ins lange Eck schoss (44.). Nach der Pause schlug die Borussia schnell zurück. Mike Hanke leitete einen Eckball per Kopf weiter und Martin Stranzl traf aus kurzer Distanz zum erneuten Ausgleich (51.). Nur sechs Minuten danach folgte der nächste Schock für Fürth.

Herrmann brachte die Borussen nach Flanke von Lukas Rup per Kopfball erstmals in Front. Die "Kleeblätter" versuchten zwar mit gelegentlichen Kontern noch einmal zurückzukommen, blieben aber meist glücklos. So war Marc-Andre ter Stegen bei der verunglückten Flanke von Stephan Fürstner zur Stelle (62.) und rettete den Sieg. In der ersten Minute der Nachspielzeit sah Milorad Pekovic aufgrund eines Handspiels im Strafraum die Gelb-Rote Karte. Thorben Marx verwandelte zum 4:2.

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