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Sommermärchen-Prozess:Bemerkenswerte Einlassungen des Gerichts - aber warum erst jetzt?

Die ist dem Vernehmen zwar immer noch an zahlreichen Stellen geschwärzt, unter anderem an der zum ominösen fünften Mann. Aber andere brisante Passagen sind es nach SZ-Informationen nicht mehr. So soll es etwa heißen, dass die Fifa aufgrund einer Vereinbarung aus der Anfangszeit der 2015 begonnenen Ermittlungen "eine faktische Mitherrschaft über das Verfahren" inne habe. Auch hätten "zweierlei Aktenkategorien" existiert.

Das Bundesstrafgericht moniert die Arbeit der Ermittler noch aus einem anderen Grund. Die beschuldigten Ex-DFB-Funktionäre Zwanziger und Schmidt waren wegen ihres Gesundheitszustands gar nicht zur Prozesseröffnung vor einer Woche gekommen. Noch hat das Gericht nicht entschieden, ob es das Fehlen als entschuldigt wertet oder nicht. Nur ist das auch nicht mehr so relevant. Denn es kann gegen Personen, die unentschuldigt fehlen, zwar ein Verfahren in Abwesenheit geben - aber nur, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Und das "scheint nicht der Fall zu sein", wie das Bundesstrafgericht in seinem Beschluss festhält.

Schmidt habe im Verfahren keine Gelegenheit gehabt, sich zu äußern. Bei Zwanziger sei die Beweislage "hinsichtlich der subjektiven Tatseite" diffus. Denn er bestreite die Vorwürfe, und "die belastenden Aussagen Dritter (insbesondere Schmidt)" seien nicht verwertbar. Sollte der Prozess doch noch weitergehen, kann es also sein, dass es weniger Beschuldigte gibt. Dies sind bemerkenswerte Einlassungen des Gerichtes. Aber warum gelangt es erst jetzt zu dieser Ansicht? Immerhin lag ihm die Anklage seit August zur Prüfung vor. Es ließ sich viele Monate Zeit und hielt nach der Eröffnung in der Vorwoche ein paar skurrile Verhandlungstage ab, an denen es fast nur ums Coronavirus und Arzt-Atteste ging.

Vor Gericht stehen nur die vier kaiserlichen Ausputzer, die ihre Unschuld beteuern

So ein Finale passt freilich gut zum Ablauf des Verfahrens. Die Kernfigur der Affäre ist ja der damalige WM-Chef Franz Beckenbauer, doch das Verfahren gegen ihn wurde abgetrennt. Vor Gericht stehen nur die vier kaiserlichen Ausputzer, die ihre Unschuld beteuern. Sie sollen den DFB geschädigt haben, als 2005 im April 6,7 Millionen Euro via Fifa an den früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus flossen. Dieser hatte das Geld drei Jahre zuvor Beckenbauer geliehen, das mit bis heute ungeklärtem Zweck beim Fifa-Skandalfunktionär Mohammed bin Hammam in Katar landete.

Möglicherweise ruft das Gericht die Beteiligten noch einmal zusammen, wenn sich bis zum 20. April die Corona-Lage im Tessin geändert haben sollte. Möglicherweise verschiebt sich sogar das Verjährungsdatum ein wenig, weil einige Schweizer Juristen wegen des herrschenden Notstandsdekrets die Fristen verändern wollen. Aber selbst falls es weitergeht, wäre wegen des Verhaltens der Bundesanwaltschaft nur noch die Fortsetzung eines schlechten Films zu erwarten.

© SZ vom 19.03.2020/chge
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