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Sommermärchen-Affäre:WM-Affäre kostet den DFB 19,2 Millionen

Fußball-WM 2006 - Organisationskomitee

Es war einmal große Vorfreude auf die WM 2006: Die Chefs des DFB-Organisationskomitees, Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach (von links).

(Foto: Kunz/dpa)
  • Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) soll 19,2 Millionen Euro an Steuern nachzahlen.
  • Das Finanzamt Frankfurt hat dem Verband wegen der Finanz-Schiebereien in der Sommermärchen-Affäre für das Jahr 2006 die Gemeinnützigkeit aberkannt und die Steuerbescheide entsprechend geändert.
  • Der DFB kündigte an, die Bescheide anzufechten.

6,7 Millionen Euro. Das ist inzwischen der wohl berühmteste Geldbetrag des deutschen Fußballs. Wenn heute, elfeinhalb Jahre später, vom sogenannten "Sommermärchen" die Rede ist, von der Fußball-WM 2006 in Deutschland, dann geht es fast immer auch um diese Zahl. 6,7 Millionen Euro, so viel zweigten die damals Verantwortlichen aus dem WM-Etat ab, getarnt als Beitrag zu einer Gala, die gar nicht stattfand. Wofür war das Geld? Das wird bis heute untersucht.

Die 6,7 Millionen Euro sind der Kern der WM-Affäre, die auch weiter Ermittlungsbehörden in Frankfurt und Bern beschäftigt. Und die 6,7 Millionen Euro sind nun auch der Grund dafür, dass am Freitag eine neue Zahl bekannt wurde. Sie traf den Deutschen Fußball-Bund (DFB) zwar nicht unvorbereitet, aber doch mit Wucht.

19,2 Millionen Euro.

Das ist die Summe, die der DFB an Steuern nachzahlen soll. Jedenfalls fordert das das Finanzamt Frankfurt. Es hat die Steuerbescheide entsprechend geändert und will dem DFB für das Jahr 2006 die Gemeinnützigkeit aberkennen. Begründung: Die 6,7 Millionen Euro für die Gala, die es nie gab, seien zu Unrecht als Betriebsausgaben abgesetzt worden.

Der DFB will die 19,2 Millionen Euro zwar erst mal zahlen, kündigte aber an, die Bescheide anzufechten. Der Verband hatte stets betont, man halte die 6,7 Millionen Euro durchaus für Betriebsausgaben, selbst wenn der angebliche Zahlungszweck ("Gala") nicht stimmte. "Die Sachverhaltsermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft Frankfurt, die vom DFB in vollem Umfang unterstützt werden, sind noch nicht abgeschlossen", teilte der DFB am Freitag mit, man sei aber "unverändert der Auffassung, dass die Zahlung der 6,7 Millionen Euro betrieblich veranlasst war und deshalb zu Recht steuerlich als Betriebsausgabe geltend gemacht wurde". Also fehle es auch "an einer Grundlage für eine Versagung der Gemeinnützigkeit".

Es geht auch in dieser Steuersache letztlich um die Kernfrage der gesamten Affäre

Betriebsausgabe? Keine Betriebsausgabe? Es geht auch in dieser Steuersache letztlich um die Kernfrage der gesamten Affäre: Wofür bezahlten die Deutschen damals so viel Geld? Um dieser Frage auf die Spur zu kommen, muss man weiter zurück gehen als ins Märchen-Jahr 2006.

Begonnen hatte das Schlamassel schon 2002. Damals waren zehn Millionen Schweizer Franken (umgerechnet später jene 6,7 Millionen Euro) auf verschlungenen Wegen bei der Firma Kemco in Katar gelandet - und damit im Zugriffsbereich des Fifa-Vizepräsidenten Mohammed bin Hammam. Begonnen hatte dieser Geldkreislauf von einem Konto, das unter anderem auf Franz Beckenbauer lief, den Präsidenten des WM-Organisationskomitees (OK). Der wiederum lieh sich die Summe vom ehemaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. Als Kredit. Der Zweck der Zahlung nach Katar? Ist die wahre Unbekannte der Affäre.

Klar ist: Im April 2005 stand für die Deutschen, nach langem Drängen durch Louis-Dreyfus' Bank, die Rückzahlung des Darlehens an. Also überwies das OK die 6,7 Millionen Euro - via Fifa - an Louis-Dreyfus. Auf diesem Sachverhalt fußen strafrechtliche Ermittlungen in Frankfurt (Verdacht auf Steuerhinterziehung) gegen die damaligen OK-Verantwortlichen Horst R. Schmidt, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach - sowie Ermittlungen der Schweizer Bundesanwaltschaft in Bern (Verdacht auf Betrug und Untreue); hier ist auch Beckenbauer persönlich betroffen.

Bisher rechtfertigten sich die Beteiligten so: Das Fifa-Finanzkomitee um Bin Hammam habe 2002 zehn Millionen Franken verlangt - eine Art Sicherheitszahlung, um den Deutschen im Gegenzug einen WM-Organisationszuschuss von 250 Millionen Franken zu gewähren. Ein toller Deal wäre das dann gewesen. Und damit ganz sicher eine Betriebsausgabe. Doch diese Version der Geschichte, welche die Fifa von Anfang an dementierte, ist im Laufe der Ermittlungen weiter und weiter zerbröselt. Dafür häuften sich Indizien, dass Bin Hammam den Deutschen entscheidende Stimmen besorgt haben könnte für den WM-Zuschlag im Jahr 2000.

Stimmenkauf? Auch, um diesen Vorwurf zu untersuchen, hatte der DFB nach Ausbruch der Affäre vor zwei Jahren die Kanzlei Freshfields beauftragt. Das Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen, die 2016 im "Freshfields-Report" mündeten: eher dünn. Die Abschlussrechnung hingegen: wohl bis zu zehn Millionen Euro. Zählt man nun alles zusammen, die 19,2 Millionen von der Steuer plus die offenbar zehn Millionen für Freshfields, dann könnte die krumme Nummer von damals den DFB am Ende 30 Millionen Euro kosten. Gemessen an einem Umsatz von rund 305 Millionen Euro erscheint das verkraftbar. Dennoch steht mehr denn je auch die heutige DFB-Spitze unter Druck, aktiv Licht in die zentrale Frage zu bringen: Was ist damals wirklich mit dem Geld passiert?

© SZ vom 21.10.2017

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