Sommermärchen-Affäre Schweizer Ermittler wollen DFB-Datei

Welche Rolle spielte Jack Warner im Sumpf rund um die Fifa? Hinweise auf die Antwort erhoffen sich Schweizer Ermittler aus einer Datei, die der DFB seit einem Jahr verwahrt.

(Foto: AP)
  • Die Schweizer Bundesanwaltschaft interessiert sich für die verschlüsselte DFB-Datei mit dem Namen Komplex Jack Warner.
  • Das bringt den DFB weiter in Bedrängnis, zuvor hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt "stark eingeschränkte Kooperation" beklagt.
  • Welche Informationen genau die Datei birgt, ist bisher nicht bekannt.
Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

In der Sommermärchen-Affäre bekundet nun die Schweizer Bundesanwaltschaft mit Nachdruck ihr Interesse an der verschlüsselten DFB-Datei, deren Titel Komplex Jack Warner auf heikle Inhalte hinweist. Ein Sprecher teilte der SZ mit, die Berner Behörde habe Kenntnis "von der Existenz besagter Datei. Diese Informationen sind durchaus von Interesse für die Bundesanwaltschaft." Das bringt den DFB weiter in Bedrängnis.

Die Datei war kurz nach Beginn der Affäre und einer Razzia der ermittelnden Frankfurter Staatsanwaltschaft (3. November 2015) durch den damals stellvertretenden DFB-Generalsekretär Stefan Hans an- und in einem Ordner namens "Erdbeben" abgelegt worden. Das war dem DFB und der von ihm mit Nachforschungen betrauten Kanzlei Freshfields auch rasch bekannt. Erdbeben, Warner: Schon solche Titel legen nahe, dass sie brisante Informationen bergen könnten.

Der DFB zögerte die Ausgabe der Datei erheblich hinaus

Skandalfunktionär Warner spielt im Skandal um die WM 2006 eine Schlüsselrolle. Mit ihm besiegelten die deutschen WM-Werber Tage vor Turniervergabe einen Vertrag, der ihm Leistungen im Wert von mehreren Millionen Euro zusicherte. Trotz dieses Sachverhalts übergab der DFB die Datei erst Mitte letzter Woche an die Staatsanwaltschaft Frankfurt.

Der Verband begründet die gravierende Verzögerung damit, dass er nach dem Fund der Datei zunächst selbst versucht habe, sie zu öffnen. Das habe sich als schwierig erwiesen; auch eingedenk der von Computerexperten geschätzten Kosten im sechsstelligen Bereich habe man davon wieder Abstand genommen.

Nur: Der DFB gab die Datei auch jetzt nicht an die Behörden, deutete lediglich ihre Existenz in einer Fußnote des am 4. März vorgelegten Freshfields-Reports an. Die Behörde wirft dem DFB vor, seine "Kooperationsbereitschaft ab Anfang 2016 stark eingeschränkt" zu haben.

Welche Informationen genau die Datei birgt, ist bisher nicht bekannt.

Vor allem die Schweizer Bundesanwaltschaft ist an der Datei interessiert

Die Schweizer BA hat es mit der Sichtung eilig. In Justizkreisen ist man überzeugt, dass sich die Datei lesbar machen lässt. Von Problemen mit der Öffnung, wie vom DFB dargestellt, habe man "noch nie gehört", heißt es dazu. Derweil erklärt der Chaos Computer Club (CCC), der laut DFB-Spitze um Rat gebeten worden sein soll, es habe keine offizielle Anfrage an seine Öffentlichkeitsarbeit gegeben, "weder von Freshfields noch vom DFB". Jedoch sei der CCC in losen, dezentralen Einheiten organisiert, weshalb nicht auszuschließen sei, "dass der DFB bei irgendeinem Ableger des Clubs eine nicht-offizielle Auskunft erhalten hat".

Dass sich die Berner BA so stark für die Datei interessiert, liegt an den unterschiedlichen Schwerpunkten in den Verfahren. Frankfurt ermittelt wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung. Es geht um 6,7 Millionen Euro, die der DFB anno 2005 fälschlich als Zahlung für eine Kultur-Gala deklariert hatte, obwohl sie die Rückführung eines Kredites von Robert Louis-Dreyfus aus dem Jahr 2002 war.

Für die Berner dürfte die Datei bedeutsamer sein als für die Hessen. Die BA ermittelt wie das FBI viel tiefer im Sumpf um die Fifa; dort stoßen die Ermittler immerzu auf Jack Warner. Deshalb zählt auch die WM-Affäre zu ihren Prioritäten. Es geht nicht nur um den Vertrag, den Warner vor der WM-Vergabe mit dem damaligen OK-Chef Franz Beckenbauer schloss, sondern auch darum, ob er von den 6,7 Millionen Euro profitierte. Für den DFB sähe es nicht gut aus, falls nun neues Wissen aus einer Datei käme, die er ein Jahr lang diskret im Hause verwahrt hat.

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