Sommermärchen-Affäre:Mit Niersbach in Reihe vier

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Prozess um Fußball-WM 2006

Diesmal persönlich in Bellinzona: Wolfgang Niersbach (Mitte), ehemaliger DFB-Präsident, trifft mit seinen Anwälten in der Schweiz ein.

(Foto: Samuel Golay/dpa)

Ex-DFB-Präsident nimmt nun doch am Schweizer WM-2006-Prozess teil. Am Donnerstag sollen die Befragungen beginnen.

Von Johannes Aumüller, Bellinzona

Es ist gegen 8.30 Uhr am Mittwochmorgen, als Wolfgang Niersbach das weiße Gebäude in der Viale Stefano Franscini in Bellinzona betritt. Das ist etwas überraschend, mit seiner Anwesenheit war am Schweizer Bundesstrafgericht eher nicht gerechnet worden. Aber nun ist der frühere Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) da, um an dem Prozess um die Sommermärchen-Millionen teilzunehmen. Gegen den eindringlichen Rat und gegen die Warnung seines Arztes sei er angereist, heißt es in einem Statement. Aber er müsse "dieses gesundheitliche Risiko in Kauf nehmen, weil ich mich endlich vom Albtraum dieses über vier Jahre dauernden Verfahrens befreien will".

Niersbach gehört zu den vier Beschuldigten in der Millionenaffäre um die Fußball-WM 2006. Zum eigentlichen Prozessauftakt am Montag war er unter Verweis auf die erhöhte Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus nicht erschienen; Bellinzona liegt nahe am italienischen Zentrum der Epidemie. Aber die Richterin wertete das als unentschuldigtes Fehlen, und sie gab zu verstehen, dass der Prozess gegen ihn dann in seiner Abwesenheit geführt werden würde. Also erschien Niersbach am Mittwoch, und von Bankreihe vier aus verfolgte er den Prozess mit. Oder besser das, was am Bundesstrafgericht formal so unter Prozess läuft. Denn dieser entwickelt sich zu der befürchteten Farce.

Nur um Verfahrensfragen geht es bisher, um wirkliche Inhalte nicht. Und es droht auch immer mehr das Szenario, dass es dazu nicht mehr kommt - weil das Verfahren aufgrund der Verjährungsfrist bis 27. April abgeschlossen sein müsste. Von den vier Beschuldigten ist außer Niersbach, 69, nur noch Urs Linsi, 70, anwesend, früher Generalsekretär des Fußballweltverbandes (Fifa). Die Ex-DFB-Funktionäre Horst R. Schmidt, 78, und Theo Zwanziger, 74, hingegen reisten aus gesundheitlichen Gründen nicht an und legten entsprechende Atteste vor.

Es ist die Frage, ob das Gericht diese Abwesenheit als entschuldigt ansieht und die Verfahren gegen die beiden abtrennt, womit sie sicher verjähren würden. Oder ob sie in Abwesenheit die beiden abhandelt. Aber auch nach einem Tag voller Anträge zu den Gefahren des Coronavirus und zum Gesundheitszustand der Beschuldigten, nach diversen Unterbrechungen und einem ausführlichen Vortrag eines eilig bestellten medizinischen Fachgutachters ist kurz vor 19 Uhr das Ergebnis: dass es noch kein Ergebnis gibt.

Erst am Donnerstagnachmittag soll es weitergehen, weil der medizinische Fachgutachter vorher noch einmal mit dem behandelnden Arzt in Deutschland telefonieren soll. Das verkompliziert den ohnehin engen Zeitplan noch weiter. Die für Donnerstag geplanten Befragungen von Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter und Günter Netzer verschob das Gericht schon mal. Zudem müssen noch diverse prozessuale Vorfragen geklärt werden. Und zu allem Überfluss erklärte die Tessiner Regierung ihren Kanton, in dem Bellinzona liegt, am Abend zum Notstandsgebiet - mit vielfältigen Folgen für den Prozess. Zum Beispiel der, dass sich künftig noch maximal 50 Personen im Gerichtsgebäude aufhalten dürfen.

Damit offenbart sich nun vollends, in welche Klemme sich die Schweizer Justiz gebracht hat. Unter normalen Umständen wären die Atteste und das Coronavirus wohl Grund genug, den Prozess zu verschieben. Doch es droht die Verjährung. Das liegt daran, dass die Bundesanwaltschaft nach ersten, raschen Ermittlungserfolgen seit Sommer 2017 irritierend langsam weiterarbeitete und dass das Bundesstrafgericht selbst für die im August 2019 eingegangene Anklage fast ein halbes Jahr zur weiteren Verarbeitung brauchte.

Die Beschuldigten sollen mit einer Zahlung über 6,7 Millionen Euro im April 2005 den DFB geschädigt haben, weil diese anders als deklariert kein Beitrag zu einer WM-Gala gewesen sei, sondern der Rückzahlung eines Privatkredits gedient habe. Diesen hatte Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus drei Jahre zuvor zu einem bis heute ungeklärten Zweck dem deutschen WM-Chef Franz Beckenbauer gewährt. Niersbach wird dabei, anders als den anderen, nicht Betrug vorgeworfen, sondern Beihilfe, wobei alle ihre Unschuld beteuern. Seine Teilnahme ist aber auch spannend, weil er gegenüber den Strafermittlern bisher nicht aussagte. Sondern nur am Anfang der Affäre im Herbst 2015 bei den DFB-internen und wenig aufklärerischen Nachforschungen der Kanzlei Freshfields.

Im Kern positionierte er sich da so, dass er als im WM-Organisationskomitee zuständiger Vizepräsident für Medien nur eine Randfigur gewesen sei. Er sei halt "der Medienfuzzi" gewesen, den die anderen bei Finanzthemen ohnehin nicht dabeihaben wollten. Ex-DFB-General Schmidt sagte allerdings in einer Einvernahme im parallel laufenden Frankfurter Steuerverfahren aus, dass Niersbach stets über alle Hintergründe informiert gewesen sei. Aber ob sich Niersbach und andere Beteiligte überhaupt noch einmal äußern müssen, ist seit Mittwochabend extrem ungewiss.

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