Sommermärchen-Affäre Anklage gegen ehemalige DFB-Chefs

Wolfgang Niersbach.

(Foto: Michael Probst/AP)

Gegen Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt besteht der Verdacht der Steuerhinterziehung. Es geht um die ominösen 6,7 Millionen aus der WM-Affäre.

Von Johannes Aumüller, Frankfurt

Die früheren DFB-Funktionäre Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger werden in der Affäre um die Fußball-WM 2006 wegen Steuerhinterziehung angeklagt. Am Mittwoch bestätigte das Trio, dass entsprechende Anklageschriften zugegangen seien. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die sich zunächst nicht äußern wollte, erhob demnach Mitte Mai auf 144 Seiten Anklage. Der Grund ist, dass nach Ansicht der Ermittler die ominösen 6,7 Millionen Euro, die im Jahr 2005 flossen, vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) zu Unrecht als Betriebsausgabe geltend gemacht worden seien. Stattdessen habe es sich dabei um die getarnte Rückzahlung eines Privatdarlehens für Franz Beckenbauer gehandelt.

Alle Beteiligten weisen den Vorwurf der Steuerhinterziehung zurück. "Es wird sich herausstellen, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe völlig haltlos sind", sagte Niersbach. Zwanziger sagte, es handele sich bei der Anklage um "blinden Aktionismus, um von eigenem Fehlverhalten abzulenken (...) Ich hatte zu keinem Zeitpunkt Veranlassung, den reichen DFB durch eine Steuerhinterziehung noch reicher zu machen." Schmidt fühlt sich durch die Anklage verletzt: "Die fast zweieinhalbjährigen Ermittlungen, die Durchsuchung meines Hauses und die ständige Berichterstattung über das Verfahren haben bei meiner Familie und mir Spuren hinterlassen."

Das Beklagten sollen für die Abgabe einer falschen Steuererklärung verantwortlich sein, weil sie zu jener Zeit, auf die sich die Ermittlungen beziehen, als Generalsekretäre (Schmidt, später Niersbach) beziehungsweise DFB-Präsidenten (damals Zwanziger) amtierten. Zudem soll Urs Linsi, der frühere Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes (Fifa), wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung angeklagt werden. Beckenbauer als OK-Chef der WM 2006 zählt in Frankfurt nicht zu den Beschuldigten, weil er mit der Steuererklärung nichts zu tun hatte. Gegen ihn sowie damalige DFB-Spitzenfunktionäre wird in einem Verfahren der Schweizer Bundesanwaltschaft ermittelt.

Mit dieser Anklage enden Ermittlungen, die nach der Berichterstattung des Spiegel im Herbst 2015 begonnen hatten. Im Mittelpunkt der Causa stehen zwei Finanztransfers. Der erste fand 2002 statt. Damals sprang der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus als Darlehensgeber für die deutschen WM-Macher ein. Nach einem komplizierten Überweisungsgeflecht flossen zehn Millionen Franken auf ein Konto des umstrittenen katarischen Fifa-Funktionärs Mohamed bin Hammam. 2005 zahlte der DFB diesen Kredit (zuzüglich Zinsen) an Louis-Dreyfus zurück. Er überwies 6,7 Millionen Euro an die Fifa - deklariert als Beitrag für eine geplante, später abgesagte Eröffnungsgala. Noch am selben Tag reichte die Fifa diese Summe weiter an Louis-Dreyfus.

Seit Ausbruch der Affäre kursieren verschiedene Versionen, warum Bin Hammam das Geld bekam. Dass damit nachträglich Stimmen für die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland bezahlt wurden, wiesen der DFB wie Bin Hammam zurück. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat den definitiven Grund nicht gefunden.

Nicht zuletzt aufgrund interner Unterlagen aus der Bank von Louis-Dreyfus sind sich die Staatsanwälte aber sicher, dass es sich um ein Privatdarlehen des Franzosen für Beckenbauer gehandelt habe. Erkenntnisse der Ermittler legen den Verdacht nahe, dass die Millionen-Zahlung im Kontext eines Geschäftes mit Fernsehrechten zu sehen ist. So hielt zum Beispiel eine Bankberaterin von Louis-Dreyfus in einem internen Dokument fest, ihr Klient habe das Geld einem Freund geliehen, um Rechte aus dem Nachlass des insolventen Medienkonzerns von Leo Kirch zu erwerben. Zudem stellte sich heraus, dass Beckenbauer sowie sein langjähriger Partner Fedor Radmann in den Jahren nach dem Kredit insgesamt 7,1 Millionen Franken von Bin Hammam bzw. Louis-Dreyfus erhielten.

Das Finanzamt Frankfurt hatte im Oktober 2017 entschieden, dass die 6,7 Millionen vom DFB an Louis-Dreyfus steuerlich "unzutreffend" behandelt wurden - und verhängte einen veränderten Steuerbescheid in Höhe von 19,2 Millionen Euro. Die neue DFB-Spitze um den Präsidenten Reinhard Grindel geht gegen den Bescheid vor. Sie ist der Meinung, die Zahlung der 6,7 Millionen Euro sei betrieblich veranlasst gewesen. Darin ist sie sich mit ihrem früheren Führungspersonal einig.