Social-Media-Aktivitäten der Nationalspieler:Cristiano Ronaldo ist allen enteilt

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So darf man bei Mesut Özil davon ausgehen, dass kaum mehr etwas von ihm selbst stammt. Das Magazin 11Freunde schrieb, dass sich gleich mehrere Personen aus der "Özil Marketing GmbH" um die Auftritte des Spielers kümmern. Fotos posten, Texte schreiben, und zwar in Deutsch, Türkisch, Englisch, Spanisch, Arabisch und nun auch in Portugiesisch. Die größtmögliche Reichweite soll es sein. Vor einem halben Jahr hatte Özils Facebook-Seite 14 Millionen Freunde, jetzt sind es mehr als 19 Millionen.

Nach einer Auswertung von Repucom reicht es für Özil dennoch nicht unter die Top Ten der vermarktbarsten Fußballer. Ganz vorne thront Cristiano Ronaldo, dem allein auf Facebook 84 Millionen Menschen folgen. Und während man das liest, kann es schon wieder eine halbe Million mehr sein. Die Torjäger ist ein Aufmerksamkeitsmagnet, ein Traum für jeden Werbetreibenden.

Wo ist dann der Spaß geblieben, mit dem alles mal begann? Ist er nicht das Fundament, auf das die Geldverdienerei fußt? Da hilft es enorm, wenn man ein authentischer Spaßvogel ist wie Lukas Podolski. Auf seinem Instagram-Account sieht man den Journalisten, den er im Trainingslager in Südtirol in den Pool geworfen hat, oder den schlafenden Bastian Schweinsteiger samt Lausbuben-Grinsen von Podolski.

Da fällt es nicht ganz so sehr ins Gewicht, dass er als deutscher Botschafter einer umstrittenen WM-Kampagne seines Ausrüsters beteiligt war: Podolski mit einem echten, blutigen Rinderherzen in den Händen und entschlossenem Blick. Tierschutzverbände reagierten empört, die Leser kommentierten etwa bei Facebook entsprechend.

Verunglückter Post mit schwerwiegenden Auswirkungen

Da war er, der allseits befürchtete Shitstorm. In diesem Fall durfte sich der Sportartikel-Hersteller jedoch über die Public Relation freuen, die ihm die Proteste einbrachten. Die paar Tierschützer, die nun andere Schuhe kaufen, sind da verschmerzbar. Die Spieler (und ihre Agenturen) sind allerdings angehalten, Vorsicht walten zu lassen. Ein verunglückter Post bei Twitter kann heute schwerwiegendere Auswirkungen haben als (der nicht aufgenommene) Missbrauch einer Hotellobby als Herren-Toilette.

Bei der Nationalmannschaft herrschen bei dieser WM strenge Regeln: "Es darf bei Facebook und Twitter nichts geschrieben werden über Verletzungen, Taktik, einfach über Dinge, die nur die Mannschaft angehen", sagte Manager Oliver Bierhoff. Die Sehnsucht danach, wieder etwas geheim halten zu können, geht einher mit der Flut an "privaten" Äußerungsmöglichkeiten via Internet. Von wegen #NahDranWieNie - keinesfalls.

Rasender Zug ins PR-Glück

Der Zugang zu den Sportlern ist zu neu, zu spannend, zu anziehend für die Fans, als dass sie ihm widerstehen könnten oder wollten. Auch wenn die Reklame inzwischen offensichtlich ist. Kai Birras meint: "Die Leute merken schon, was ist Werbung ist und was nicht. Aber Werbung ist Bestandteil des Geschäfts und auch des Lebens, deshalb sehe ich das nicht tragisch. Es muss sich mit den privaten Informationen die Waage halten."

Dieser scheinbar rasende Zug ins PR-Glück bewegt den Markt. Bei Sponsoren und Spieleragenturen werden Mitarbeiter eingestellt, die sich nur noch um Social-Media- und Internetauftritte kümmern. Für nur einen kommerziellen Post könnte Cristiano Ronaldo heute bereits 50 000 Euro verlangen, rechnet Digital und Social Media-Experte Papendorf, "und die Steigerungsraten sind noch enorm". Birras kündigt an, dass die App von Mario Götze erst der Anfang war, die Agentur arbeite "an Neuerungen, um die Fans noch näher am Leben der Stars teilhaben zu lassen". Gewinnspiele, Musiktipps mit entsprechenden Links - die Möglichkeiten des Internets scheinen auch hier unbegrenzt.

Den Sportler allerdings, den sollte es schon noch geben. Am besten den erfolgreichen, aktuell am allerbesten bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Und wenn Mario Götze im ersten Gruppenspiel gegen Portugal sogar ein Tor gelingt, er sich den Massen zu Hause vor den Leinwänden ausnahmsweise angleicht und dabei die Arme nach oben reißt, sich freut und einen jubelnden Schrei rauslässt, dann sind gleich alle viel mehr #PartOfGoetze. Daumen hoch und ein paar hunderttausend Likes garantiert.

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