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Snowboarderin Silvia Mittermüller:"Bei einem normalen Weltcup wäre keine gefahren"

Pyeongchang 2018 - Snowboard

Letzte Abfahrt: Mit Rucksack und gerissenem Meniskus beendet Silvia Mittermüller den ersten Durchgang des Slopestyle-Finales.

(Foto: Carl Sandin/dpa)

Snowboarderin Silvia Mittermüller wurde bei Olympia im Training von einer Böe erfasst und verletzte sich schwer am Knie. Im Interview erzählt sie, warum sie trotzdem an den Start gegangen ist.

Wer die Olympia-Snowboarderin Silvia Mittermüller sehen möchte, muss nicht den Fernseher einschalten oder gar nach Südkorea fliegen. Ein Besuch in der orthopädischen Abteilung des Klinikums rechts der Isar: Dort ist die Münchnerin Mittermüller, 34, am Donnerstagmorgen operiert worden. Beim letzten Training vor dem olympischen Slopestyle-Finale wurde sie am Montag von einer Windböe erfasst und stürzte - Meniskusriss im rechten Knie. Trotzdem absolvierte sie den ersten Durchgang, ließ alle Hindernisse aus und wurde Letzte, mit 1,0 Punkten. Am Abend nach der OP liegt sie in einem etwas stickigen Dreibettzimmer, mit dick bandagiertem Knie, das Bein rot vom Jod. Sie hat viel geschlafen, die Nachwehen des Jetlags und der Operation sind deutlich zu sehen.

SZ: Frau Mittermüller, Sie haben jahrelang von Olympia geträumt. 2014, kurz vor Ihrer Premiere, riss Ihre Achillessehne. Nun waren Sie endlich dabei, konnten aber nur einen Durchgang absolvieren. Was überwiegt, Enttäuschung oder Stolz?

Silvia Mittermüller: Ganz klar der Stolz. Endlich kann ich mich "Olympionikin" nennen, das nimmt mir keiner mehr. Ich habe so lang darauf hingearbeitet, dass es klappt, da ist mir das Ergebnis gar nicht mehr so wichtig gewesen. Alleine, dass ich mich qualifizieren konnte, war schon ein Wunder. Außerdem bin ich bei der Eröffnungsfeier in der ersten Reihe ins Stadion eingelaufen, das Erlebnis bleibt für immer. Aber das hat echt lange gedauert, bis ich realisiert habe, was ich geschafft habe.

Wann haben Sie das gemerkt?

Erst in Seoul am Flughafen, kurz vor der Heimreise. Zuvor musste ich viel organisieren, auch die Busfahrt zum Flughafen war mühselig, weil ich vier Gepäckstücke dabeihatte und mein Knie nicht belasten konnte. Dann hat mir ein Russe seine Hilfe angeboten. Ich habe mich dann einfach auf den Gepäckwagen gesetzt und er hat mich durch den ganzen Flughafen gefahren. Vor dem Boarding hatte ich noch Zeit, hab im Internet gesurft und gelesen, wie positiv über mich und meine Aktion berichtet wurde. Da habe ich einfach nur geheult, bis ich keine Tempos mehr hatte und mich schon alle angeschaut haben, bestimmt zehn oder 15 Minuten lang.

Silvia Mittermüller kurz vor dem Abflug nach München: „Mein Motto ist schon immer: Turning shit into gold.“

(Foto: privat)

Aber Sie wären doch jetzt sicher lieber im olympischen Dorf oder auf der Piste als in einem Krankenzimmer in München?

Keine Frage, natürlich wäre ich lieber dort. Aber ändern lässt es sich jetzt auch nicht mehr. Ich muss nach vorne schauen. Mein Motto ist schon immer: "Turning shit into gold", und das gilt auch dieses Mal wieder. Was mich aber ärgert, sind die Umstände, unter denen wir starten mussten und die auch zu meiner Verletzung führten.

Es gab viel Kritik an den Veranstaltern, dass Ihr Wettbewerb ausgetragen wurde, während im Alpin-Bereich gleichzeitig der Riesenslalom der Damen wegen Windböen abgesagt wurde. Hätte der Wettkampf verschoben werden müssen?

Auf alle Fälle. Wir alle am Start waren uns einig, dass heute kein Wettkampf stattfinden würde. Ich war auch noch wahnsinnig krank und war in Gedanken schon zurück in meinem Hotelbett, da hieß es auf einmal: "Trainingsstart in sieben Minuten." Wir waren fassungslos, bei einem normalen Weltcup wäre keine gefahren. Aber es war eben Olympia.

Was passierte dann?

Ich absolvierte sechs Trainingsläufe, der Wind wehte immer wieder rein, aber es ging. Ich hatte ein gutes Gefühl. Dann kam die Ansage: Noch fünf Minuten Trainingszeit. Ich wollte unbedingt noch einmal fahren und kam auch relativ gut durch bis zum letzten Sprung. Da habe ich bei der Anfahrt schon gemerkt, dass es böig wird und ich Schwierigkeiten bekommen werde. Aber ich konnte nicht mehr abbrechen. In der Luft habe ich dann alles unfassbar langsam wahrgenommen, und bei der Landung gleich gemerkt, dass etwas mit meinem Knie nicht stimmt.

Sie haben sich trotzdem geweigert, ins Krankenhaus zu gehen, und sich nicht einmal vom Teamarzt untersuchen lassen. War das nicht sehr riskant?

Ich stand richtig unter Schock und erinnere mich an vieles gar nicht mehr. Beispielsweise habe ich bei der Liftfahrt nach dem Sturz telefoniert, aber ich weiß nicht mehr, was ich da geredet habe. Aber ich wusste, dass ich schnell wieder zum Start muss, wenn ich einen Lauf in die Wertung bringen möchte. Ich hätte mir das nie verziehen, wenn ich es nicht probiert hätte. Also habe ich versucht, so schnell wie möglich wieder nach oben zu kommen. Außerdem musste ich noch aus einem anderen Grund noch mal rauf.

Der da wäre?

Mein Rucksack lag noch am Start (lacht).

Sie sind dann mit dem Rucksack auf dem Rücken den Hang runtergerutscht. Auch wenn Sie alle Hindernisse ausgelassen haben - hatten Sie keine Angst?

Na ja, ich hab mittlerweile ein ziemlich gutes Gefühl dafür, was verletzt sein könnte. Deshalb hab ich auch gemerkt, dass mein Kreuzband wohl nicht gerissen war. Aber klar hatte ich auch ein wenig Angst, vor laufender Kamera zu stürzen. Aber das konnte ich ja glücklicherweise vermeiden.